Dieser Eintrag stammt von Anna - Lena Klemens (*1991)

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Hildegard Lehmann (*1929)

Operation Gomorrha

[Operation Gomorrha war der militärische Codename für eine Serie von Luftangriffen, die von de britischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg beginnend zum Ende des Juli 1943 auf Hamburg ausgeführt wurden. Es waren die damals schwersten Angriffe in der Geschichte des Luftkrieges. Befohlen wurden diese Angriffe von Luftmarschall Arthur Harris, dem Oberbefehlshaber des Britischen Bomber - Command.]

Im Juli 1943 mussten wir Hamburg verlassen. Es bestand die so genannte „Erweiterte Kinderlandverschickung“. Darin war festgelegt, dass Schulkinder, Mütter mit Kleinkindern aus den vom Luftkrieg bedrohten deutschen Städten längerfristig in weniger gefährdeten Gebieten untergebracht werden sollten. Wir wohnten in der Hamburger Straße. Gleich nebenan war der Bunker des Warenhauses Karstadt. Aber mein Vater wollte nicht, dass wir dort hinein gehen, weil er der Meinung war, dass der Bunker zu unsicher sei.

Im Sommer 1943 wurde das Warenhaus Karstadt – und fast alle anderen Gebäude der Straße – durch Bomben zerstört. In der Nacht vom 29. auf den 30. Juli 1943 wurde Barmbek durch Bombardierung verwüstet, das Karstadt-Kaufhaus stürzte ein, nur die Rückwand blieb erhalten. An dieses Ereignis erinnert eines der seltenen Mahnmale zum Gedenken an die Opfer der Bombardierung, das heute etwa 500 m stadteinwärts am Fußgängerübergang auf der Fußgängerinsel zwischen Hamburger Straße und Oberaltenallee steht. Auf dieser Fußgängerinsel standen unsere Wohnhäuser.

Ich bin in der Oberaltenallee zur Schule gegangen. Ich war 14 Jahre, mein Bruder war 4 Jahre alt. An diesem Tag brachte mein Vater uns von der Hamburger Straße zu Fuß zum Hauptbahnhof. Alles musste schnell gehen. Meine Mutter packte noch ein paar wichtige Sachen ein, wie unsere Ausweispapiere, etwas Geld und einige persönliche Sachen. Am Hauptbahnhof angekommen wurden meine Mutter, mein Bruder und ich dann schnell in Viehwagen verfrachtet, es waren Holzkisten als Sitzbänke drinnen und es gab keine Fenster. Es war ein sehr langer Zug. In einem Waggon waren ungefähr 30 Frauen und deren Kinder. Ich war sehr traurig, dass ich meinen Vater in Hamburg zurücklassen musste. Mein Vater durfte Hamburg nicht verlassen, da er Sozialdemokrat war und schon mehrfach im Gefängnis bzw. im KZ eingesessen hatte. Zu dieser Zeit arbeitete er als Elektromeister nahe unserer Wohnung bei einem Wehrmachtsoffizier, der dort einen Betrieb hatte. Dieser Offizier bestand immer auf meinen Vater als Arbeiter, da er sonst angeblich seinen Betrieb nicht mehr aufrechterhalten konnte. Wir wussten nicht, wohin wir fuhren, auch mein Vater wusste nicht, wo die Reise hinging. Mir kam die Fahrt vor wie eine Ewigkeit. Wir fuhren bis an die dänische Grenze, nach Boverstedt. Es liegt zwischen Ladelund und Achtrup. Wir sind damals über einen Tag unterwegs gewesen. Der Zug hielt immer mal wieder an und Mütter mit ihren Kindern stiegen aus. Es durften bei diesen Stopps nicht immer die Familien gemeinsam aussteigen, viele wurden von den Müttern, bzw. Geschwistern getrennt. Viele von denen schrien und weinten fürchterlich. Ich hatte große Angst, dass ich auch von meiner Familie getrennt werden würde. Hunger und Durst waren unerträglich. Die meisten kleinen Kinder konnten es kaum aushalten.

Endlich  waren wir in Boverstedt angekommen. Wir alle waren von der langen Reise sehr erschöpft. Als wir aus dem Zug ausstiegen, warteten schon einige Bauern auf uns. Wir drei wurden von einem netten Bauern mit auf sein Gehöft genommen. Und gleich am nächsten Morgen ging es los. Wir mussten auf dem Hof helfen, weil die Männer und Knechte fast alle im Krieg waren. Dort wurde uns auch das Melken von Kühen beigebracht. Wir mussten dort bei der Kornernte und beim Korneinfahren helfen. Auch dreschen mussten wir, natürlich alles mit der Hand, auf der Tenne mit einem Dreschflegel. Das war die Arbeit, die ich am liebsten weggelassen hätte. Der Bauer war verpflichtet, die gesamte Ernte abzugeben bis auf einen gewissen Selbstbehalt, damit das Volk in den Städten auch ernährt werden konnte, weil man dort Lebensmittel sehr schlecht oder gar nicht mehr bekommen konnte. Nur über so genannte Bezugsscheine wurden einem die Grundnahrungsmittel zugeteilt. Gemüse musste geerntet werden und Kartoffeln gerodet. Wir mussten um 5 Uhr aufstehen und abends um 20 Uhr konnten wir wieder ins Bett gehen. Der Tag war lang und anstrengend und wir waren abends sehr müde. Aber wir hatten zu unserm Glück immer genug zu essen, was andere Familien zu dieser Zeit nicht hatten. Manchmal wurden die Vorhänge geschlossen und dann wurde heimlich gebuttert. Es war verboten, Butter zu machen, warum weiß ich heute nicht mehr. Zwischenzeitlich hatte mein Vater auch herausgefunden, wo wir waren, wie, wussten wir alle nicht. In der Zeit, die ich auf dem Bauernhof verbrachte, besuchte er uns nur ein einziges Mal. Er ist mit dem Fahrrad von Hamburg nach Boverstedt gekommen, er muss ewig für diese lange Strecke geradelt sein. Leider musste er nach zwei Tagen schon wieder abreisen. Wir waren ungefähr ein dreiviertel Jahr in Boverstedt auf dem Gehöft. Der Bauer wollte uns gar nicht mehr gehen lassen. Wir waren ihm wohl eine sehr große Hilfe.

Eine Cousine meiner Mutter wohnte in Buntenbock. Der kleine Ort Buntenbock liegt auf der Hochebene des Harzes. Sie wurde aufgefordert, Flüchtlinge aufzunehmen. Da sie von meinem Vater wusste, dass wir auf der Flucht waren, sind wir kurz entschlossen zu unserer Familie nach Niedersachsen gereist. Und wieder waren wir mehrere Tage mit unseren paar Gepäckstücken unterwegs. Endlich waren wir angekommen nach der langen Reise, die wesentlich erträglicher als die erste war. Ich konnte dort auch endlich wieder in die Schule gehen. Ich habe meine Schule dort auch später beendet. Meine Mutter arbeitete in der Bäckerei, die ihrer Cousine und deren Mann gehörte und kümmerte sich nebenbei noch um meinen kleinen Bruder. In Buntenbock konnte mein Vater uns viel öfter besuchen.

In der Zwischenzeit war ich sechzehn Jahre alt geworden und musste mein Pflichtjahr absolvieren. Dies machte ich wieder in Boverstedt auf unserem alten Bauernhof, wo ich damals so gerne gewesen bin. Ich half das ganze Jahr über wieder auf dem Feld, molk ein Dutzend von Kühen und fühlte mich eigentlich recht wohl. Die Frau des Bauern brachte mir dort auch das Kochen und Backen bei. Ich hatte in dieser Zeit kaum Kontakt zu meiner Familie. Manchmal sah ich die Bombenflugzeuge über uns fliegen in Richtung Hamburg. Mein Pflichtjahr war zu Ende. Ich konnte wieder nach Hause, nach Hamburg, zu meiner Familie und zu meinen Freunden.

Zu Hause angekommen wollte ich so schnell wie möglich meine Lehre als Krankenschwester beginnen. Im Frühjahr 1945 war es soweit: Ich wollte im Barmbeker Krankenhaus meine Lehre beginnen. Schön wäre es gewesen. Der Engländer war schon einmarschiert, die Oberin schickte uns wieder nach Hause. Sie hatte Angst um die Mädchen, weil es hieß, dass Soldaten vergewaltigen. Am 15.Mai 1945 hatte ich nun gedacht, dass ich meine Lehre beginnen könnte. Am Anfang ging alles gut, bis die Engländer unser Krankenhaus besetzten. Wir mussten umziehen, alle mussten beim Umzug helfen. Es ging in das heutige Bundeswehr Krankenhaus Wandsbek. Wir wussten uns mit den schweren Matratzen nicht anders zu helfen und warfen sie einfach aus dem 2. Stock. Wir Lehrlinge wohnten eineinhalb Jahre mit 18 Mädchen in einem Schlafsaal. Erst danach bekamen wir eigene Zimmer.

2006 fuhr ich mit einem befreundeten Ehepaar nochmals nach Boverstedt. Mich interessiert meine Vergangenheit. Sah alles noch aus wie früher? Als wir dort ankamen, war ich sehr aufgeregt. Das Haus stand immer noch wie damals, außer, dass aus dem Reetdach ein Ziegeldach geworden ist, war alles gleich. Ich wollte wissen, wer heute dort wohnt, und klingelte an der Haustür. Eine junge Frau öffnete, ich erzählte ihr, warum ich da wäre. Ich sollte ein Augenblick warten. Als sie mit ihrem Schwiegervater wiederkam, der ungefähr im selben Alter war wie ich. Es war der Knecht, der damals mit auf dem Hof arbeitete. Als der Bauer und seine Frau verstarben, übernahm er den Hof. An diesem Tag saßen wir noch lange zusammen und erzählten uns von früher.