Dieser Eintrag stammt von Hans B.

Kriegszeit 1939 – 1945

Ich bin Jahrgang 1928. Mein Vater und mein Onkel betrieben in Bergedorf eine Holzhandlung. Anfang des Krieges wurden fast alle männlichen Angestellten und Arbeiter zum Wehrdienst eingezogen. Die Holzhandlung lief aber weiter. Schnittholz wurde vor allem an Tischlereien und Zimmereien geliefert. Kriegswichtige Objekte hatten Vorrang. 

Unser größter Kunde war eine Geesthachter Tischlerei, die Munitionskisten für die Dynamitwerke in Krümmel und Düneberg herstellte. Das Holz, das gehandelt wurde, kam größtenteils aus Schweden. Es wurde in Wismar oder Lübeck aus dem Seeschiff umgeschlagen und kam dann per Kahn zu uns. Einen Kran hatten wir nicht und Gabelstapler gab es damals auch noch nicht. So musste das Holz mit menschlicher Muskelkraft aus dem Kahn getragen werden und in den Lagerschuppen zunächst sortiert und aufgestapelt werden.

 Da wir nur zwei männliche Arbeiter auf dem Platz hatten, bekamen wir - ich weiß nicht, von wem - Hilfskräfte zugeteilt. Es handelte sich dabei um russische Kriegsgefangene und um KZ-Häftlinge aus Neuengamme. Die Kriegsgefangenen, von älteren Soldaten bewacht, waren unproblematisch. Sie kamen ganz gern zu uns, weil sie unterernährt waren und bei uns Kartoffeln zu essen bekamen. Meine Freunde und ich spielten oft auf dem Holzplatz und konnten Kontakt zu den Kriegsgefangenen aufnehmen. Wenn wir uns auch nicht verständigen konnten, hatten wir doch manchmal Spaß miteinander. 

Anders war es, wenn KZ-Häftlinge bei uns waren. Sie wurden von SS-Leuten bewacht. Diese passten auf, dass keine Kontakte zustande kamen. Die Häftlinge mussten morgens früh von Neuengamme nach Bergedorf zu Fuß gehen und abends zurück. Ich war damals etwa 14 Jahre alt und weiß, dass mir diese Arbeitskommandos immer unheimlich waren. Die SS-Bewacher waren nicht zu Gesprächen oder gar Scherzen aufgelegt. Die Häftlinge selber - es handelte sich fast immer um sogenannte Bibelforscher (Zeugen Jehovas) - waren für uns Jungen unerreichbar.

In den letzten Jahren hat sich die Diskussion darüber zugespitzt, wie weit Firmen wie die unsrige im Krieg Nutzen aus der Arbeit von Kriegsgefangenen und Häftlingen gezogen haben. Aus meiner heutigen Sicht kann ich sagen: für die Hilfsarbeiter mussten wir an den Staat zahlen. Das Geld war aber sowieso völlig uninteressant, weil es praktisch keinen Wert mehr hatte. Nur Waren und Bezugsscheine waren von Interesse. Für unsere und andere Firmen waren diese Hilfskräfte unentbehrlich. Die Alternative wäre gewesen, die Firma zu schließen. So hat man sich durch den Krieg laviert. Bereichert hat man sich dadurch nicht. Der einzige Erfolg war, dass die Firma weiterarbeiten konnte. 1948 bei der Währungsreform mussten wir, wie viele andere Firmen auch, bei Null wieder anfangen.

Unsere Firma besteht heute noch. Sie beteiligt sich auch an den Ausgleichszahlungen, die die deutsche Wirtschaft jetzt an ehemalige Zwangsarbeiter zahlen will. Die Frage ist, wie viel Schuld hat man auf sich geladen? Aus meiner kleinen Geschichte ist abzulesen, dass diese Frage nicht leicht zu beantworten ist.