Dieser Eintrag stammt von Katerina Todoroska (*1988) 

Eindrücke aus dem Ausleselager für russisch-deutsche Studentinnen 1944 und wie ich heute darüber denke

Ergebnisse eines Interviews (2007) mit Frau Karin Küttner (*1922)

Die Studentenführerin der Universität forderte mich im Jahre 1944 auf, an einem Lager für russisch-deutsche Studentinnen teilzunehmen. Da mir diese Aufgabe außerordentlich interessant erschien und ich außerdem noch Semesterferien hatte, stellte ich mich gerne zur Verfügung.
Das Lager wurde von einer Angehörigen des Einsatzstabes der Reichsfrauenführung geleitet, die bereits über ein Jahr bei den Volksdeutschen in Südrussland gearbeitet hatte.
Ihr stand eine Psychologin zur Seite, der vor allem die Berufsberatung obliegen sollte, aufgrund ihrer psychologischen Untersuchungen an den Mädchen.

Drei Kameradinnen und mir wurde die Aufgabe zugewiesen, die Mädchen persönlich zu betreuen, für all ihre Fragen und Probleme ein offenes Ohr zu haben, sie nach ihren Einzelschicksalen zu fragen, ihnen von Deutschland zu berichten.
Ich war hochinteressiert daran die Mädchen und das russische System, unter dem Bolschewismus, kennen zu lernen, da ich alles nur aus der Presse kannte.
Die Mädchen stammten aus, nach dem Weltkrieg entstandenen, deutsch-russischen Ehen und haben sich in diesem Krieg den deutschen Truppen mit ihren Sprachkenntnissen zur Verfügung gestellt. Damit hatten sie sich natürlich strafbar gemacht und mussten sich mit den deutschen Truppen absetzen. Auch die Mädchen kamen mit großem Interesse zu diesen Einführungsgesprächen. Sie wollten wieder Fuß fassen und vor allem weiterstudieren, wurden aber von deutscher Seite mit Skepsis gesehen, da sie kommunistisch erzogen und in Bezug auf Deutschland indoktriniert waren.
Wir alle stellten uns die Frage, ob es überhaupt noch deutsche Menschen waren, die jetzt ins Reich kommen wollten. Die Mädchen, die uns als Deutsche präsentiert wurden, waren nach unserer damaligen Vorstellung ganz und gar nicht mehr deutsch. 

Meine Eltern stammten auch aus dem alten Russland. Mein Vater liebte die russische Sprache, er war im Krieg als Dolmetscher in Russland und hatte keine Vorurteile gegen die Menschen dort, nur lehnte er den Bolschewismus und Marxismus ab. Diese Weltanschauung wurde uns allen als „Feindbild“ eingetrichtert. Mein Vater war trotzdem sehr offen und mit Russland vertraut, sein bester Freund aus dem Studium war Russe.

Wenn ich heute daran zurückdenke finde ich es erschreckend, was uns allen anerzogen wurde. Wir waren der festen Überzeugung, dass die Mädchen so schnell wie nur möglich mehr Deutsch lernen und unser neues Deutschland kennen lernen mussten.
Es war ziemlich genau geplant, wie wir den Mädchen unser Denken nahe bringen sollten. Es gab eine Psychologin, sie war die Leiterin, die die Gesprächsthemen setzte. Wir kamen alle zu Gesprächsrunden zusammen und man erzählte vom Leben, vom Studium; entscheidend waren eben diese Gespräche, auch Einzelgespräche aufgrund eines psychologischen Tests.

Schnell war zu sehen, was für eine große Kluft, bezüglich der Vorstellungen von der Rolle der Frau, herrschte. In Deutschland war die Frau aus vielen Berufen verdrängt worden, sie war im Haushalt tätig und sorgte für die Kinder. Frau sein, hieß Mutter sein! In Russland musste die Frau berufstätig sein und die Kinderplanung stand im Hintergrund. In Russland wollten die Frauen nur ein Kind haben, um voll im Beruf stehen zu können. Uns entsetzte dieser „Egoismus“, als solchen sahen wir, auf Muttersein Eingestellten, das an. Heute sehen wir die gleiche Entwicklung bei uns und haben gelernt zu akzeptieren, dass die Frauen einen Beruf haben und in diesem etwas leisten wollen. Auch bei uns tritt heute der Kinderwunsch dahinter zurück.

Es war auch so, dass wir den Mädchen die deutsche Rassen- und Bevölkerungspolitik erklären mussten. Dies wurde in einem Vortrag anhand eines Schaubilds gemacht. Darin wurde die Rolle der Juden erklärt, die nach der NS-Weltanschauung unser kulturelles und wirtschaftliches Leben überfremdet und dominiert haben. Ferner wurde dargestellt, dass Rassenmischung etwas Schlechtes sei und zu einem schlechten Ergebnis führen würde. Es wurde versucht, dies an wissenschaftlichen Gesetzen zu erläutern. Das war auch für uns sehr aufrüttelnd und es gab heftige Diskussionen. Das Schlimme ist, dass man mit Rassen schlechte Eigenschaften verbunden hat. Der Jude wurde als hämisch und raffsüchtig gesehen. Man brachte uns alles mit Filmen nahe, es waren grausige Filme, aber heute weiß man ja, wie solche Filme wirken, wie sie einen manipulieren, ohne dass man es selber merkt. Inzwischen habe ich natürlich längst begriffen, dass allein der Begriff Rasse völlig falsch ist, es war alles wissenschaftlicher Nonsens, der dort besprochen wurde. Völlig neu war für uns, dass das Rassendenken bei den Russen keine Rolle spielte.

Im nachhinein war ich zufrieden mit meiner Arbeit im Studentinnenlager. Ich war total aufgewühlt, da ich zum ersten Mal einer völlig neuen Welt begegnet war.
Dieses Lager hatte auch den russischen Mädchen viel bedeutet, wie sie uns immer wieder versicherten. Die meisten sahen auch schon den Weg ins Neue vor sich, den zu beschreiten, sie sich ernsthaft mühen wollten. Ein Mädel sagte zum Abschied: „Wir sind Ihnen so dankbar, dass Sie uns den Weg in die Heimat gezeigt haben, und wenn wir darüber nachdenken, so ist uns vieles von dem, was uns so fremd erschien, vielleicht doch gar nicht so fremd, es lag nur ganz tief in uns, zugedeckt von allem Fremden, uns selbst unbewusst, und jemand musste kommen, um es herauszuholen.“
Wir sind den Mädchen nicht kritisch, sondern mit Neugier und Offenheit begegnet. Wir sahen es als eine sinnvolle Tätigkeit an, sinnvoller als beispielsweise Infanteriegräben zu schippen, wie ich es 3 Wochen zuvor tun musste.

Wie ich heute darüber denke...
Dass ich mich so von der NS-Weltanschauung habe ergreifen lassen, erkläre ich mir heute damit, dass meine jungen Führerinnen, mit denen ich Spiel, Sport, Singen und Fahrten erlebte, für mich ein Vorbild waren und mich für die Gemeinschaft begeisterten. Alle angebotenen Aktivitäten machten mir Spaß und ich machte mir darüber nicht viele Gedanken.
Ich hatte eine Klassenkameradin, die zwar nicht im Widerstand war, der aber die Aufgaben und Unternehmungen einfach keinen Spaß bereiteten. Sie war tatsächlich ohne die Hitlerjugend durchgekommen, nicht weil sie alles besser durchschaute, sie war jemand, der viel alleine war und auch sein wollte. Das war vielleicht so gesehen eine Art Schutz für sie.
Ich hingegen war damals „gelockt“ durch alle Aktivitäten. Man konnte dort alles machen, aber eben nur dort und nirgendwo anders. Mich hat keine Weltanschauung gelockt, sondern die Gemeinschaft.

Während des Einsatzes wurde ein Tagebuch mit unseren Eindrücken aus dieser Zeit geführt. Wenn ich dieses lese, oder ich heute an die damalige Zeit und die damaligen Vorstellungen von der Welt und der Bedeutung Deutschlands zurückdenke, schüttele ich mich. Ich denke: „Um Gottes Willen, wie konnte man so durch Erziehung und Beeinflussung werden?“ 
Der Jugend heute fehlt jegliche Festlegung, sie wird überschüttet mit verschiedenen Sichtweisen, es ist für die Jugendlichen schwer, den eigenen Weg zu finden. Zu meiner Zeit gab es nur den einen Weg. Man konnte mitziehen oder sich passiv verhalten, das war dann auch in Ordnung, man durfte nur keinen Widerstand leisten.
Natürlich habe ich das alles sehr hinterfragt und habe oft gedacht „Warum hast du das mitgemacht?“ Sicher auch, weil mein Vater vom „neuen Deutschland“ begeistert war. Als Auslanddeutscher sah er die Einheit des Reiches: ein Volk, ein Reich, ein Führer, als die Erfüllung eines jahrhundertlangen Traums an.