Dieser Eintrag stammt von Anita Lachmanski (*1988)

Ich habe einfach damit gelebt...
Jugend im 3. Reich

Ergebnisse eines Interviews mit Hedwig B. (*1923)

Ich bin am 03.02.1923 geboren und habe deshalb die Zeit im 3. Reich zusammen mit meinen vier Geschwistern selbst miterlebt. Wir wohnten in einem kleinen Dorf in Ost-Preußen namens Leginy. Dort betrieb meine Familie Landwirtschaft.

Im Jahre 1930 war mein erster Schultag in der Grundschule in Leginy. Ich ging gerne zur Schule. Nach drei Jahren, als Hitler an die Macht kam, mussten wir, wenn der Lehrer das Klassenzimmer betrat, aufstehen und ihn plötzlich mit „Heil Hitler“ statt mit „Guten Morgen“ begrüßen. Der Religionsunterricht in der Schule wurde auch verboten, aber uns war immer noch erlaubt in die Kirche zu gehen. Unser Lehrer, Joseph Hippler, war Parteisprecher der NSDAP für unseren Bezirk. Er war politisch sehr engagiert und sehr darüber erfreut, dass auf unserem Lehrplan so viel über Hitler stand. Mich hat das alles nicht gestört, weder die neue Begrüßung noch der veränderte Lehrplan.

Nach meinem letzten Schuljahr 1938 wurde so etwas wie ein Tanzball an der Schule veranstaltet. Alle Schüler stellten sich hin, hoben den rechten Arm in die Luft und sangen „Deutschland, Deutschland über alles...“. erst danach durften wir anfangen zu tanzen. Einige Jungen haben im Hintergrund beim Singen gelacht aber eigentlich hatte sich niemand getraut, nicht mitzumachen oder dieses Geschehen ins Lächerliche zu ziehen, so auch ich nicht.
 
Mit 14 Jahren kam ich, ungefähr für ein halbes Jahr, zu den „Jungmädel“. Als ich dann 15 geworden war, ging ich zum „BDM“ (Bund Deutscher Mädchen). Zu beiden Organisationen ging ich freiwillig und gerne, ich hatte ja sonst keine richtige Beschäftigung, die mir Spaß machte. Dort erging es mir nie schlecht. Wir sangen, kochten, turnten, lernten nebenbei natürlich viel über Hitler und machten sogar Ausflüge.
 
Dort hielt der gutaussehende, junge HJ-Führer Baldur von Schirach eine Rede an die Jugend. 1939 musste mein Vater als Sanitäter in den Krieg, kam aber schon nach zwei Monaten unversehrt wieder nach Hause. Ein paar Tage nach seiner Rückkehr war ich mit meinem Vater beim Müller und die beiden unterhielten sich über den Krieg. Auf einmal hörte ich meinen Vater „Ich werde doch nicht gegen meinen Bruder schießen!“ sagen. Der Müller drohte meinem Vater mit einer Anzeige wegen Verrats, weil mein Onkel für die Polen kämpfte. Mein Vater stammte von den Polen ab, was aber keiner so richtig wusste.

Mein Vater und der Müller vertrugen sich aber nach einiger Zeit aber in dieser Zeit hatten wir große Angst um ihn. Hätte der Müller wirklich Anzeige erstattet, dann weiß ich nicht, ob wir unseren Vater noch einmal gesehen hätten.

1941 war ich 18 Jahre alt und beendete meine Zeit im „BDM“. Ich konnte nicht mehr im Arbeiterdienst weiter machen, da meine Mutter schwer krank wurde und nach einigen Monaten starb. Ich lebte nur noch mit meiner fünf Jahre jüngeren Schwester Ursula und meinem Vater zusammen die anderen hatten schon Familie gegründet und waren weggezogen. Ein Jahr später bekamen wir die Nachricht, dass Leni, meine älteste Schwester, im KZ ( ich weiß nicht mehr in welchem ich weiß nur, dass es weit weg war) säße. Sie arbeitete dort seit längerem als Köchin und pflegte den Kontakt zu den eingesperrten Polen. Ihr Mann, der sie in dieser Zeit mit einer anderen von ihm schwangeren Frau betrog, verriet sie. Ihr wurden gleich die Haare abrasiert und mein Vater sagte, dass sie sehr schlecht aussehe als er von einem Besuch erzählte. Wir hatten große Angst um sie, da ihr eine Schilddrüsenoperation bevorstand. Mein Bruder Franz schaffte es, sie durch seinen Freund, der Anwalt war, 1944 aus dem KZ zu befreien. Kurz darauf wurde er in den Krieg gerufen. Er war Unteroffizier und fiel noch im selben Jahr. Im Großen und Ganzen ging es mir zur Hitler-Zeit gut. Wir mussten nie hungern und eigentlich nie richtig Angst um unsere Existenz haben. Das soll aber nicht heißen, dass ich Hitlers Einstellung und seinen Rassenhass gut fand, ich habe einfach damit gelebt.