Dieser Eintrag stammt von Marcel Neuwirth (*1987)

Ergebnisse aus einem Interview mit Frau N. (*1929)

Erziehung und Familie im 3. Reich

Erziehung
Die nationalsozialistische Erziehung begann bereits in der Schule, da die Kinder in das „Dritte Reich“ hineingeboren wurden. Sie kannten deshalb auch keine andere politische Form. Dadurch war es leichter, die Kinder für den Nationalsozialismus zu begeistern, nach dem nationalsozialistischen Muster zu erziehen und zu fördern. Dieses geschah unter anderem in der Hitler-Jugend (HJ) nach militärischen Mustern. So mussten die Mädchen zum Beispiel bei Gemeinschaftsveranstaltungen mit den Jungen in Dreierreihen auf der Straße marschieren und Marschlieder mitsingen.

Die Erziehung von Mädchen
Vom vierzehnten bis achtzehnten Lebensjahr mussten die Mädchen Mitglied in dem BDM (Bund Deutscher Mädchen) werden. Ab 18 Jahre mussten die Mädchen in den NSDFB (Nationalsozialistischer Deutscher Frauen Bund) eintreten. In dem NSDFB trugen die „Mädel“ zu einem dunkelbraunen Rock eine kurzärmelige weiße Bluse mit Schlips, Knoten und einer „Kletterweste“.

Die LBA (Lehrerin Bildungs-Anstalt) war eine Einrichtung zur Ausbildung zu Volksschullehrerinnen (Volksschule: heute Hauptschule), welche damals sehr wichtig für die Mädchen war. Die Mädchen von der LBA machten, außer reichlich Schulaufgaben, an manchen Nachmittagen auch Kriegsdienst. Sie arbeiteten zum Beispiel in einer Gärtnerei oder zusammen mit dem „Roten Kreuz“, um Flüchtlinge aus dem Osten und ausgebombten Gebieten einer Großstadt zu betreuen und mit Lebensmitteln zu versorgen.

Der Tagesplan der Schule sah für die Mädchen wie folgt aus:

Jeden Morgen, vor dem Frühstück, mussten sich alle drei Klassen draußen aufstellen. Das M.v.D. (Mädel vom Dienst) musste abzählen lassen, während die F.v.D. (Führerin vom Dienst) Meldung machen musste. Das M.v.D. hatte auch für den übrigen geordneten Tagesablauf zu sorgen:

Sechs Stunden Unterricht, gemeinsames Mittagessen, zwei Stunden Freizeit, dann wurden in den Klassenräumen Hausaufgaben gemacht. Nach dem Abendessen und dem Abendlied durften die Mädchen in ihre Quartiere gehen.

Die Ferienzeit für die Mädchen
In den großen Ferien waren zwei Wochen Kriegsdienst befohlen. Manche Schülerinnen wurden zum Beispiel nach Posen (heute Polen) gebracht, um den deutschen Bauersfrauen zu helfen, denn deren Männer und Söhne waren zur Wehrmacht eingezogen worden. Einige davon waren bereits gefallen und in den Berichten von der Front hieß es, die Soldaten seien den „Heldentod“ gestorben.

Meine Großmutter hatte in Lüneburger Kasernen gearbeitet, in der sie im ersten Jahr die Büroräume der Offiziere saubermachen sollte und im zweiten Jahr an einer anderen Kaserne in der Küche helfen musste.

Die Erziehung von Jungen
Die Jungen mussten bereits im Alter von zehn bis vierzehn Jahren dem deutschen „Jungvolk“ beitreten und ab dem vierzehnten Lebensjahr mussten sie in die HJ (Hitler-Jugend). Während dieser Zeit konnten die 14 bis 18 jährigen Jungen an Kampfspielen teilnehmen und wurden bei den verschiedenen Sportlagern in Jugendherbergen untergebracht.

Ab dem Eintritt in die HJ trugen die Jungen schon im Alter von zehn Jahren Uniform. Sie trugen eine kurze schwarze Manchester-Hose und im Winter eine dunkle lange Hose mit Gummizug. An dem Hemd war ein Dreieckstück zu einem Schlips gebunden, so dass hinten ein kleines Dreieck zu sehen war. Dazu trug man eine hellbraune „Kletterweste“.

Die Uniformen wurden zum Dienst, der zweimal wöchentlich am Nachmittag zwei Stunden stattfand, und zum Beispiel zu den „Reichsjugendwettkämpfen“, welche einmal im Jahr stattfanden, getragen.

Die Jungen wurden in der HJ in drei verschiedene Gruppen aufgeteilt:

1.) Motorhitlerjugend,

2.) Die Fliegerhitlerjugend, und

3.) Marine.

Bei den Jungens gab es auch Gruppen, genannt die „Fähnlein“. Es waren dort deutschsprechende Führer und Führerinnen. Ihren Dienstgrad konnte man an der Farbe der Schnur erkennen, die sie an den Hemden bzw. Blusen trugen.

Bereits mit 16 Jahren konnten die Jungen Luftwaffenhelfer bei den Flakkanonen werden und danach in den RAD (Reichs Arbeiter Dienst) eintreten. Wenn die Jungen gezwungen wurden, die nationalsozialistischen Lieder zu singen, mussten alle als äußeres Zeichen zur Treue Hitlers den Hitlergruß ausführen.

Jeder Junge aus der HJ musste sich an einen festgelegten Tagesplan halten. Laut Tagesplan mussten die Jungen direkt nach dem Aufstehen zum Frühsport gehen, danach konnten sie sich waschen und stellten sich in Reihen auf, um zum Flaggenhissen anzutreten. Erst danach durften sie frühstücken.

Fast alle gingen gern zum Dienst, denn neben neuen Kameradschaften und Sporttagen lernten die Jugendlichen auch viele andere Dinge, wie Singen, Theater zu spielen, ausführliches Basteln und andere Sachen, welche dem damaligen W.H.W. (Winter-Hilfs-Werk) zugute kamen.

Die Begeisterung, die für „unseren Führer Adolf Hitler“ und seinen Krieg in den Jugendlichen geschürt wurde, brachte viele dazu, sich mit 18 Jahren freiwillig beim Militär für den Wehrdienst zu melden. Darunter war auch der ältere Bruder meines Großvaters. Sein Ziel war es, Offizier zu werden. Er schaffte es jedoch nur bis zum Unteroffizier. Der Grund dafür war, dass diese jungen Soldaten nach der notwendigen Ausbildung sofort an die vorderste Front geschickt wurden.

Nur sehr wenige von ihnen kamen gesund zurück. Andere – darunter auch der Bruder meines Großvaters – kamen in Gefangenschaft nach Russland. Für ihn waren es bei den Russen sechs lange Jahre bei Entbehrungen und schwerster Arbeit.

Kriegseinwirkungen auf die Familie (Trennung)
In Lüneburg spürte man kaum etwas von Kriegseinwirkungen, da die Kinder während des Krieges Erholungsferien vom Reichsstaat bekamen. Sie wurden zum Beispiel nach Ostpreußen in Heimen oder in Familien untergebracht.

Ungewisse Zukunft
Um einen guten beruflichen Werdegang starten zu können, musste man zum Beispiel Beamter sein. Das war eine Möglichkeit, sicher in die Zukunft blicken zu können.