Dieser Eintrag stammt von Marleen Winter (* 1983) aus Hamburg 

Meine Erlebnisse während des II. Weltkrieges

Frau S., Jahrgang 1923 erzählt:

Im Jahr 1941 war ich mit der Frauenfachschule in Dortmund fertig. Kaum hatte ich sie beendet, bekam ich einen Brief zugeschickt, in dem stand, dass ich für ein halbes Jahr in Herford zum Arbeitsdienst eingesetzt werde.

Am 13.Oktober 1941 landete ich dann in Bünde, einem kleinen Bauernort in der Nähe von Herford. Morgens um sechs Uhr mussten wir die Fahne hochziehen und ein "Nazilied" singen. Danach bekamen wir in einem großen Saal unser Frühstück. Dann ging es zum Bauern aufs Feld. Dort half ich bei der Ernte mit. Mittag aß ich beim Bauern. Das Essen war dort so üppig und köstlich, dass ich zweimal meine Uniform wechseln musste, da ich zu dick wurde. Ich arbeitete, aber nicht nur auf dem Bauernhof, sondern wurde auch im Kindergarten und in Familien eingesetzt. Mittagessen bekam ich immer da, wo ich auch gearbeitet hatte.

Nach dem Mittagessen kehrte ich dann wieder zu unserem Arbeitslager zurück. Wir schliefen jeweils zu zwölft in einem Schlafsaal. Es waren Etagenbetten mit Strohsäcken. Jeder der drei Schlafsäle hatte eine Oberaufsicht. Unsere hieß Lisa. Eine sehr nette und freundliche Frau. Die sechs Monate gingen schnell vorbei. Es war eine schöne Zeit. Wir hatten viel Spaß untereinander, und es bildeten sich echte Freundschaften.

Die Zeit näherte sich dem Ende. Ich war gedanklich schon wieder zu Hause in Dortmund, aber da bekam ich in Bünde die Nachricht, dass ich direkt nach dem Arbeiterdienst nach Brügge zum Kriegshilfsdienst eingesetzt werde. Brügge war auch ein kleines Dorf. In der Nähe von Lüdenscheid/ Münster. Hier arbeitete ich sieben Monate lang in einer Fabrik. Wir schliefen in einem Tanzsaal,  der zu einem Hotel gehörte. Dort nahmen wir auch unser Essen ein. In der Fabrik mussten wir Handgranaten aussortieren. Aber genau weiß ich das nicht mehr. Der Weg zur Fabrik von unserem Lager dauerte 20 Minuten. Abends um sieben Uhr war dann Feierabend. Ich verdiente eine Mark am Tag. Es war eine tolle Zeit, an die ich mich gerne erinnere. Wir, die Mädchen, lernten in Lüdenscheid eine Jungenclique kennen und gingen abends manchmal gemeinsam aus. Wir hatten sehr viel Spaß.

Als ich 1943 nach Hause kam, wurden Bombenanschläge auf unsere Schulen in Dortmund gemacht. Die Schulen wurden evakuiert – und da mein Vater Lehrer war,  musste er mit den Schülern flüchten. Er ging zusammen mit mir und den Kindern nach Freiburg. Dort waren wir in Sicherheit. Ich musste in Freiburg die Kinder betreuen.

Mein Bruder war derzeit in Russland im Krieg. Meine Schwester war auch im Hilfsdienst und meine Mutter hielt sich im Sauerland auf.

Die Schulkinder kamen in Freiburg in Familien unter. Mein Vater beim Pastor und ich schlief in einer kleinen Pension.

1944 ging mein Vater zu meiner Mutter ins Sauerland, die Kinder kamen in andere Städte, um da weiterhin zur Schule zu gehen. Ich ging freiwillig nach Marburg zur Schwesternschule. Dort wurde ich als Krankenschwester ausgebildet.

Anfangs wurde nur der Bahnhof von Marburg mit kleinen Granaten angegriffen. Wir Schwestern in den Kliniken bekamen davon nicht allzu viel mit. Dann aber attackierten sie auch die Kliniken. Zwar waren es nur kleine Flugzeuge,  die mit kleinen Granaten schossen, aber es war dennoch sehr gefährlich. Wir verließen die Kliniken und besetzten die leeren Schulen. In den Schulen behandelten wir die verletzten Soldaten. Oft konnten wir ihnen helfen wieder auf die Beine zu kommen. Aber viele waren auch so schwer verletzt, dass wir ihnen nicht mehr helfen konnten. Viele starben vor meinen Augen.

Am 28. März 1945 war der Krieg in Marburg zu Ende, und ich ging zurück nach Dortmund, um mich um meine kranke Mutter zu kümmern. Offiziell aber war der Krieg erst am 8. Mai beendet.

Es war eine harte Zeit für mich, so lange von meiner Familie getrennt zu sein. Besonders die Zeit in Marburg war sehr schwer. Aber dennoch hatte ich auch viele schöne und glückliche Momente.

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