Dieser Eintrag stammt von Manuela Mirow (*1988)

Pilot mit 18 Jahren
Erinnerungen an die Jugendzeit im Dritten Reich

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn H. Birkholz (*1925)

Meine Familie und damit auch ich wurden von dem ersten Weltkrieg geprägt. Der Verlust wurde zwar sehr schwer akzeptiert, die Folgen aber als ungerecht empfunden.

Ziel jeder Außenpolitik sollte eine Stärkung Deutschlands sein, um im Kreis der Nationen wieder Beachtung zu erlangen. Die Pflege nationaler Gedanken spielte in Familie, Schule und Vereinen eine große Rolle. Es war eine andauernde Erziehung zum “Deutschsein“.
Aber was war schon richtig “deutsch“?

Ich wachte eines Tages auf und hörte, es sei Krieg und überall war gespannte Ruhe, verbunden mit Sorge und Angst. Die ersten Erfolge gegen Polen belebten das Nationalgefühl so stark, dass von den ersten gefallenen Soldaten kaum die Rede war.

Aber bald zeigten sich die Kriegsschwierigkeiten. Alles wurde knapp. Vor allem die Versorgung mit Lebensmitteln, Benzin, Waffen und Munition. Dazu dann noch die Bombenangriffe auf viele wichtige Bauten, wie Fabriken, Schulen, Brücken, Straßen und Eisenbahnen. Alle mussten mithelfen, die Kriegsfolgen auszugleichen. Auch Schüler und Frauen mussten helfen.
Dann mussten die Jugendlichen der Hitlerjugend beitreten, was derzeit alle in meiner Schule freiwillig und mit Lust taten.

Auch ich, denn nicht dabei zu sein, hätte bedeutet, außerhalb jeder Gemeinschaft zu stehen. Also trat ich der HJ bei, der Flieger-HJ, und bekam dort eine vormilitärische Ausbildung. Dafür musste ich allerdings viele persönliche Opfer bringen.

Ich hatte nämlich sogar sonntags auf dem Flugplatz zu erscheinen. Dazu musste ich erst einmal 3 bis 4 Stunden mit dem Fahrrad fahren. Den ganzen Tag lang musste ich Starthilfe geben oder kleine Reparatur- oder Wartungsarbeiten machen. Die HJ hatte ihre eigenen Ferienlager mit Flugschulungen. Dort nahm ich an mehreren Kursen und Schulungen teil. Dann hatte ich auch langsam alle Segelflugprüfungen geschafft. Ich hatte meine vormilitärische Ausbildung also 1942 hinter mir. Gleich danach bin ich Soldat geworden. Auf Grund meiner vormilitärischen Ausbildung wurde ich der Luftwaffe zugeteilt. Dort wurde ich dann intensiv zum Piloten geschult. Die Ausbildung war erst im Frühjahr 1945 zu Ende, somit hab ich Glück gehabt, was den Dienst angeht.

Gesellschaftliches Leben gab es in der HJ nicht. Dazu war keine Zeit. Religiöses Leben gab es für mich nur auf dem Friedhof, wenn wieder ein Kamerad hinausgetragen wurde.

Doch Anfang 1945 kam der Zusammenbruch.
Die militärischen Strukturen lösten sich auf, jede Ordnung und Versorgung. Ich marschierte von dem letzten Flugplatz bei Wien an die Oder. Dies dauerte etwa 10 Tage. Wir hatten uns am Ufer der Oder in Stellung zu begeben, da der Angriff der Russen jederzeit erwartet wurde, um das restliche Deutschland zu besetzen. Die Russen aber zingelten uns ein. Dies war ein tiefer Niederschlag. Die Kampfhandlung schlief in unserem Abschnitt ein. In endlosen Kolonnen zogen die deutschen Soldaten in Kriegsgefangenschaft.

Auch ich. Wir mussten zu Fuß durch Polen marschieren. Danach wurden wir für die bevorstehenden Eisenbahntransporte nach Sibirien zusammengestellt.
Nach 3 Jahren, also 1948, kam ich endlich wieder aus der Gefangenschaft nach Hause.

Dann begann der Aufbau eines Berufes. Es gab jedoch einige Schwierigkeiten dabei. Geld verdienen und gleichzeitig studieren. Das Studium musste ja auch bezahlt werden. Gearbeitet habe ich bei einer Spedition. Danach habe ich eine Schusterfirma geführt. In den Ferien arbeitete ich im Kohlebergbau - das waren die bestbezahlten Jobs. Studieren und Geld verdienen 1 zu 1.

Studentenbummeln gab es nicht. Die meisten wollten so schnell wie möglich fertig werden, um endlich richtig Geld zu verdienen. So nebenbei habe ich auch die Arbeitswelt der einfachen Menschen kennen gelernt. Die "soziale Frage" führte mich gerade in die Politik. Ich erkannte aber sehr bald, dass man davon nicht leben kann. Wieder ließ ich mich mit meinem Idealismus missbrauchen. Für kleine Parteiarbeit konnte ich gut gebraucht werden, aber die großen Beratungen und Beschlüsse wurden geprägt von denen, die Politiker von Beruf waren. Ich brachte es schließlich zum Kreisvorsitzenden einer großen Partei und kam zum ehrenamtlichen Stadtrat. Heute interessiere ich mich auch noch sehr für Politik, aber Engagement gibt es nicht mehr.