Dieser Eintrag stammt von Laszlo Mroz (*1988)

Jugendzeit im 3. Reich

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Gehrd Fahl (*1928)

An dem Tag, an dem Hitler an die Macht kam, war ich gerade mal 5 Jahre alt. Ich wusste nichts über ihn und auch nicht, wofür seine Partei steht. Wir wohnten in einem Mietshaus mit 4 Stockwerken an den Elbbrücken. Schräg gegenüber hatte die NSDAP ihr Parteilokal. Manchmal bekam man einige Mitglieder zu Gesicht, jenes war das einzige, was ich mit der NSDAP in Verbindung gebracht habe. Mein Vater war bei der Blauen Polizei beschäftigt, so kam es auch, dass er oftmals lange weg war. Es hing niemals ein Hakenkreuz oder etwas, was auch nur an Hitler erinnerte, bei uns zu Hause.

Ich hatte eine unbeschwerte Jugend. Die Straßen vor unseren Häusern boten uns Kindern einen idealen Spielplatz, auf dem wir toben und Radau machen konnten. Nach 17 Uhr war die Straße unser. Es gab so gut wie keinen Verkehr mehr. Wenn wir genügend Geld zusammen bekamen, konnten wir sogar schwimmen oder ins Kino gehen. Bei Anbruch der Dunkelheit hatten wir im Haus zu sein. Das waren die einzigen Probleme die ich damals hatte.

An meine Jugend knüpfte dann 1938 das „Deutsche Jungvolk“ an. Ich war von nun an, den Pimpfen zugeteilt. Ich und viele andere haben sich auf die Zeit bei den Pimpfen gefreut. Nicht etwa, weil wir Befürworter des Führers waren. Nein, man freute sich auf die Zeit, weil es dort all das gab, was einen Jungen von 10 Jahren ansprach. Dort stand einem alles offen. Wir sangen unsere Lieder und marschierten durch die Straßen. Es gab ein weites Betätigungsfeld. Oft fanden Sportfeste statt, wo wir um die Wette liefen und weitere Wettkämpfe austrugen. Diese Sportfeste fanden aber nicht einfach in der Umgebung statt, sehr oft fuhr man raus in die Harburger Berge, um dort Geländespiele zu veranstalten. Man erhielt eine Karte und einen Kompass, um dann ein bestimmten Gegenstand oder Ort zu suchen. Solche Spiele haben uns dann natürlich besonders viel Spaß gemacht. Selbstverständlich gab es aber auch die Abende, an denen uns Hitlers Lebenslauf und seine Geschichte gelehrt wurden. Es war sehr wichtig sich diese Predigten einzuprägen, da man den Lebenslauf Hitlers in der folgenden Zeit immer wieder benötigte. Dass man uns schon bei den Pimpfen auf die spätere Militärszeit trainiert hat, wurde mir erst viel später klar.

1944 wurde ich mit 15 Jahren als Flakhelfer eingezogen. In den ersten 6 Wochen lernte ich, wie jeder andere auch, wie wir mit den Waffen und den Geräten umzugehen hatten. Nachdem ich meine 6 Wochen Ausbildung absolviert hatte, bekam ich schon meinen ersten Einsatz. In Fischbek, auf dem Tempelberg bin ich mit meiner Mannschaft auf einem Segelfliegerplatz in Stellung gegangen. Von dort hatten wir eine großartige Sicht auf Hamburg. Unser Befehl war es, feindliche Flugzeuge zu bekämpfen, die sich uns näherten. Im Frühjahr 1944 wurde unsere Einheit dann nach Harburg/Rönneburg umgelegt. Einweiterer Stellungswechsel erfolgte noch einmal nach Hamburg-Sülldorf.

Im Januar 1945 bin ich dann fürs erste entlassen worden. Die nächsten 7-8 Wochen habe ich auf dem Land bei meinem Onkel verbracht. Der mir sehr unsympathische Ortsbauernführer wurde jedoch nach einiger Zeit auf mich aufmerksam. Er fragte mich, ob ich nicht lieber meinem Vaterland dienen wolle. Diese Frage habe ich damals als Drohung aufgenommen und eilte dann auch zu einer Frontleitstelle, um zu verhindern, dass ich zum Arbeitsdienst eingezogen werde. Auch hier dauerte es nicht lange, bis ich meinen ersten Auftrag erhielt. Ich hatte den Befehl mich bei einer Heeresflak zu melden. Jedoch waren meine Ziele diesmal keine Flugzeuge, sondern Panzer. Das Nachladen dieser riesigen Batterie war eine Qual. Die Granaten wogen 15 Kilo, dazu kam, dass das Nachladen in einem 4 Sekundentakt erfolgen musste. Hier kam ich öfters immer wieder an meine körperlichen Grenzen, denn sobald ich eine Granate geladen hatte, musste ich schon wieder für Nachschub sorgen.

Einige Zeit später erhielten ein Kamerad und ich den Auftrag, nach Berlin zu gehen. Jenen Auftrag hielten wir aber für völlig schwachsinnig, da jedem klar war, dass Berlin jeden Moment fallen würde. Wir planten also eine Flucht zu begehen. Zwischendurch sind wir als Passagiere immer wieder auf einem Munitionszug gefahren, um schneller an unser Ziel zu kommen. Nach einiger Zeit kamen wir dann auch schließlich in Lübeck an. Wir suchten dort einen Ort, an dem wir eine kurze Zeit Luft holen konnten. Wie es der Zufall wollte, trafen wir dort einen meiner früheren Nachbarn, der uns freundlich entgegen kam. Er versorgte uns mit Essen und schaffte es sogar, uns neue Papiere zu besorgen, mit denen wir weiterreisen konnten.

Auf einem Wehrmacht LKW traten wir eine neue Fahrt nach Dänemark an. Unser Ziel war Oksböl, ein früheres dänisches Truppenlager welches aber von Deutschen besetzt war. Nach einigen Tagen kamen wir dort dann auch schließlich an. Wir hatten ganz normalen Dienst, ohne befürchten zu müssen, dass uns in kürzester Zeit, etwas Schlimmes zustoßen kann. In diesem dänischen Truppenlager erfuhr ich auch, dass der Krieg ein Ende genommen hat. Als der Tag, an dem wir dies erfuhren sein Ende nahm, als es 0 Uhr war, feuerten alle die Munition in die Luft. Dieses Ereignis brachte einen schönen Anblick mit sich, es ähnelte einem Feuerwerk. Doch die Stimmung, die dort herrschte, war nicht mit der zu vergleichen, die man heutzutage an Silvester oder Weihnachten zu Gesicht bekommt. All diejenigen, die betroffen waren, fühlten sich erleichtert und fröhlich. Ihnen ist ein Stein vom Herzen gefallen. Aber auch Unbeteiligte freuten sich mit uns. Auch sie waren froh, dass der Spuk nun ein Ende hatte.

Nach dem Waffenstillstand mussten wir also wieder zurück nach Deutschland. An der Grenze zu Deutschland, warteten die Engländer, bei denen man alles Militärische abzugeben hatte. Da wir ein Zeitlimit hatten, mussten wir lange Marsche am Tag zurücklegen, um auch die Zeit einhalten zu können. Wir marschierten also um die 50 Kilometer am Tag. Kaum einer hatte das richtige Schuhwerk für solche langen Strecken. So war es auch bei mir der Fall. Ich hatte mehrere Verletzungen, die ein Sanitäter behandeln musste. Uns standen keine Mittel zur Verfügung um den Fuß zu betäuben, darum waren solche Behandlungen auch sehr schmerzende Angelegenheiten. Oftmals ging man einfach mit einem Messer in die offenen Wunden hinein und verband sie dann anschließend.

In Tondern an der Grenze, trafen wir dann zum ersten Mal auf die Engländer. Wir wurden sehr korrekt empfangen. Wir legten unsere Waffen auf die verschiedenen Waffenhaufen, um Ärger aus dem Weg zu gehen. Am nächsten Morgen fiel mir jedoch auf, dass ich noch eine LMG34 auf unserem Transportkarren befand. Ich sorgte für eine schnelle Entfernung der Waffe. Wir versenkten sie in einem Teich. Nun war ich also in Deutschland. Aber es war noch nicht alles vorüber. Ich marschierte bis nach Büsum. Dort wurde unsere Batterie auf einem Bauernhof untergebracht. Nachdem wir uns auch einige Zeit auf diesem Bauernhof aufgehalten haben, fragte unser Batterieführer, ob wir nicht dem Bauern eines Hofs helfen wollen. Wir erhielten 15 Reichsmark pro Monat, aber als viel angenehmer erwies sich die tolle Verpflegung.

Zu unserer Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft wurde die Batterie auf LKWs der Engländer nach Kellinghusen gebracht. Dort befanden sich Verhöroffiziere, die eine Sichtung vornahmen und sich unsere Militärpapiere vorzeigen ließen. Von dort aus musste ich dann nach Bad-Sägeberg, wo ich endlich meine endgültige Entlassung erhielt. Nun stand mir nichts mehr im Wege, um zu meiner Familie zurückzukehren. Davor hatten die englischen Besatzungstruppen jedoch zu diesem Zeitpunkt den Zuzug nach Hamburg gesperrt. Ich kehrte zu meinem Bauern Johannsen zurück. Erst im Frühjahr 1946 macht mein aus der norwegischen Kriegsgefangenschaft heimgekehrter Vater von seinem Recht Gebrauch - ich war ja noch nicht volljährig - und holte mich nach Hamburg. Zu diesem Zweck hatte er mir dort eine Arbeitstelle besorgt.