Dieser Eintrag stammt von Ole Müller

Interview mit Frau X *1908

Rückblick auf die Zeit des Nationalsozialismus

Der Bericht, dass der 100. Geburtstag von Max Schmeling ansteht, hat mich wieder daran erinnert, wie es damals war, als er den Weltmeistertitel gewonnen hat. Ich saß vor dem Radio und habe mitgefiebert und dann, als er gewonnen hatte, lief ich jubelnd auf die Straße. Viele andere Leute taten das selbe. Wir waren begeistert von diesem Kampf und wir feierten ihn ja nicht nur wegen dieses Sieges, nein wir feierten ihn auch, weil er so eine einmalige Persönlichkeit war. Trotz seiner Erfolge vergaß er nie, wo er herkam. Es war wirklich erstaunlich, wie er den Erfolg verarbeitete und nicht hochnäsig wurde, obwohl ihm die Presse Gründe zur Genüge geliefert hat. Was ihn auch so besonders gemacht hat, ist die Tatsache, dass er nie gemeinsame Sache mit den Nazis machte, im Gegensatz zu vielen anderen berühmten Personen. Mein Mann und ich lebten damals in Berlin und waren immer geschockter davon, dass die Nazis an die Macht gekommen waren. 1939, also kurz vor dem Krieg, meinte mein Mann zu mir „Wir müssen raus aus Berlin! Es gibt Krieg!" Und damit hatte er ja auch recht. Wir packten also schnell unsere Sachen und flohen aus Berlin. Wir sind 3 Wochen mit dem Paddelboot gefahren.

Als wir in Mecklenburg ankamen, bewarb sich mein Mann bei der Erprobungsstelle für die Luftwaffe und wurde angenommen. Dieser Job rettete ihn vor der Einberufung in die Armee. Und dann fing der Krieg an und Hitlers Reden wurden immer schlimmer. Ich hatte jedes Mal Angst und konnte es nicht ertragen, wenn diese fanatischen Reden liefen. Glücklicher Weise wurden wir vom Krieg weitestgehend verschont, bis dann 1944-1945 die Russen einmarschierten. Es war schon fast zu spät, doch wir schafften  noch rechtzeitig die Flucht nach Hamburg-Bergedorf. Abends spät rief mein Mann an und sagte: „Packt soviel wie ihr tragen könnt und kommt nach!" Wir packten also schnell unsere Koffer und machten uns auf den Weg nach Hamburg- Bergedorf. Wir zogen in die Wohnung hier, in der ich immer noch wohne und fingen ein neues Leben an. Kurz danach verstarb meine Schwiegermutter und es wurde noch schwieriger.

Jugend
Über meine Jugend weiß ich nicht mehr viel. Da ich ja schon relativ alt war, musste ich nicht mehr in den Bund für Deutsche Mädel. Das lag auch daran, das ich schon in einem anderen Bund war, zusammen mit meinem Mann. Leider habe ich den Namen des Bundes vergessen. Aber ich weiß noch, dass er nicht sehr politisch war und auch nichts mit der Armee zu tun hatte. Wir gingen wandern, feierten Feste, aber einen antisemitisch eingestellten Führer hatten wir da nie. Den Wahlkampf von Hitler fand ich erschreckend und ich kann nicht verstehen, warum ihn so viele gewählt haben.

Oft ging ich mit meinem Mann ins Kino. Obwohl zur der Zeit viele verschiedene Filme liefen, hatten alle die Propaganda zum Ziel. In einigen Filmen wurde dies offen gezeigt. Im Laufe der Zeit wurde dann die Wochenschau im Kino gezeigt. Die Filmpropaganda war für die Nazis sehr wichtig. Das Radio habe ich bei Reden der Nazis meistens umgeschaltet und englische Sender gehört.

Schule
Die Schule war ganz anders als heute. Die Lehrer waren viel strenger. Ich erinnere mich noch daran, dass wir eine Klasse mit relativ vielen Juden waren und das einige von ihnen zu meinen besten Freunden gehörten. Später hörte ich, dass einige ausgewandert und einige gestorben waren. Ich weiß noch, dass ich  einem Mädchen Geld geschenkt habe. Sie schrieb mir später einen Brief, in dem sie sich bedankte. Leider ist sie vor 5 Jahren verstorben. Ich hatte sie noch kurz zuvor in Amerika besucht.

Mein Mann besuchte ein Gymnasium und musste ein Jahr vor dem Abitur abgehen, da seine Mutter kein Geld hatte. So musste er auch auf das Studieren verzichten und konnte nur die Ingenieurschule besuchen. Doch er hat nie die Motivation verloren und erreichte einen hervorragenden Abschluss.

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