Dieser Eintrag stammt von Nadine Borchardt (*1991)

 

Kinderlandverschickung
Ein Interview mit Helga S. (*1931)

Wie alt warst Du?

Ich bin 1931 geboren, im Oktober 1939 wurde ich 8 Jahre alt, da fing der Krieg an. Für uns änderte sich erst nichts. Der Krieg dehnte sich erst im Laufe der Jahre aus. Erst 1943 war für mich richtig Krieg. Ich kam dann nach Bayern, durch die Kinderlandverschickung.

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Warum wurde man verschickt?

In Bayern war es ruhiger, es gab kaum Fliegeralarm. Wir waren in der Oberpfalz. Süddeutschland wurde weniger berührt, Hamburg war gefährdeter. Man sollte sich erholen. Wir waren 29 Mädchen aus Bergedorf und Nettelnburg und der Umgebung. In der Nähe gab es auch ein Jungslager. Ich wurde nach Bayern geschickt, weil ich so dünn war. Es gab dort eine Führerin vom „Bund Deutscher Mädel", sie war 17. Die hat uns, die Gruppe, geführt. Es gab auch eine Lehrerin, die uns in einem großen Raum unterrichtete.
Uns hat es dort gut gefallen.

Wie lange wart ihr da?

Eigentlich ging es nur einige Wochen, nur hat uns niemand nach Hause geholt. Wir sollten nach Ostpreußen verlegt werden, warum, weiß ich nicht. Deshalb schrieben die Mädchen nach Hause, sie wollten abgeholt werden.

Was habt ihr dort gemacht?

Vormittags waren wir in der Schule. Dann turnten wir oder marschierten in die Badeanstalt. Wir spielten auch Spiele im Wald. Oder wir haben Blaubeeren gepflückt, jeder hat die gepflückten Beeren im Zahnputzbecher gesammelt. Die Köchinnen haben uns sogar Kuchen gebacken, so gut hatten wir es. Wir hatten abwechselnd Küchendienst. Wer dreimal Unsinn machte, kam auf den Dachboden. Wir waren gut versorgt.

Wie war es als du von der Kinderlandverschickung nach Hause kamst?

Wir waren 1943 im Spätsommer schon 3 Monate dort. Da stand ein Mann vor dem Fenster. Es war mein Vater. Die Aufregung war groß, als er mich abholte. Auf dem Weg nach Hause haben wir noch Verwandte besucht.

Als wir in Altengamme ankamen, waren überall Menschen. Man konnte den Himmel nicht sehen vor Qualm. Drei Tage war es dunkel, erzählte mir meine Mutter. Dann war Ruhe, es gab nur kleine Angriffe. Nachts flogen feindliche Flugzeuge über uns. In Altengamme stürzte sogar ein Flugzeug ab. Ich sah es brennend am Himmel. Dann fiel es und flog auf die Straße vor mein Elternhaus, wo noch Verwandte von mir wohnten. Die hatten einen Bunker aus Sand, wo sie ihre Sachen lagerten. Sie liefen immer vom Haus zum Bunker. Das Flugzeug fiel auf die Gasleitung und das Haus meiner Verwandten brannte ab. Als das Flugzeug fiel, waren sie glücklicherweise gerade im Bunker.

Wie hast du den Krieg erlebt?

Im Sommer 1943 gab es drei Tage lang starke Angriffe auf Hamburg. Ganze Stadtteile wurden zerstört und für den Verkehr gesperrt, weil viele Tote unter den Trümmern der Häuser lagen und auch um Seuchen zu vermeiden.

Die Zahl der Verbrannten und verschütteten Menschen lag bei mehreren Zehntausend.

Die Beläge auf den Straßen wurden weich. Viele Menschen sprangen in die Gräben. Leute, die in Luftschutzbunker wollten, blieben im Teer stecken und sind durch Phosphorbomben verbrannt.

Menschen wurden in Züge verladen und in den Süden geschickt, auch zu uns in die Oberpfalz. Wir mussten dafür sorgen, dass die Leute Quartier fanden. Wir waren um die 11 Jahre alt. Alle mussten Leute abholen und an Häusern klingeln, ob die Flüchtlinge dort Unterschlupf finden könnten. Es war heiß und wir trugen Uniformen.

Ein großes Gebiet, das zerstört wurde, wurde von im Hafen beschäftigten Menschen bewohnt. Am Ende des Krieges zerstörten die Engländer leider auch deutsche Kulturstätten, z.B. in Lübeck. Diese Angriffe wurden von der Bevölkerung auch „Terrorangriffe" genannt. Im Landgebiet fanden deutsche Flüchtlinge für einige Tage oder Wochen Unterschlupf, bis sie in Flüchtlingslager gebracht und in Deutschland verteilt untergebracht werden konnten. 1945 kamen englische und amerikanische Truppen auch bei uns an. Sie waren in Altengamme, uns gegenüber auf der anderen Elbseite. Die Elbe war ein natürliches Hindernis. Von dort schossen sie zu uns hinüber. Die Waffen hatten eine sehr weite Reichweite, sodass man jederzeit damit rechnen musste, getroffen zu werden.

Wie fandet ihr Schutz vor Angriffen?

An der Straße war ein richtiger kleiner Betonbunker. Solche Bunker wurden für die Bevölkerung geschaffen. Eines Nachts, es war noch keine Entwarnung, aber es war ruhig. Wir hatten im Bunker kein Radio und die Erwachsenen meinten, ich sollte oben nach „Baldrian" gucken. Der Rundfunksprecher wurde wegen seiner beruhigenden Stimme „Baldrian" genannt, weil er die Bevölkerung beruhigte und Entwarnung gab. Ich kam hoch, öffnete die Tür und flog mit der Tür in der Hand zurück. Ein feindliches Bomberflugzeug hatte noch eine einzelne Bombe ins Moor fallen gelassen. Ich wurde aber nicht verletzt.

Wie war die Versorgung geregelt?

Es gab Lebensmittelkarten, wir bekamen alles jeweils für einen Monat. Wir mussten nicht hungern. Einmal hatte ich eine Seifenkarte bei mir, wollte Seife holen. Ich ging noch bei meiner Ziege und meinem Schwein vorbei und pulte dem Schwein dicke Läuse ab. Da schnappte die Ziege sich die Karte aus meiner Hand und fraß sie! Einen Monat mussten wir ohne Seife auskommen. „Na warte Ziege, morgen bekommst du zur Strafe die Bergedorfer Zeitung.", sagte ich. Am nächsten Tag futterte die Ziege auch diese.

Wie erlebtest du das Kriegsende?

Dass der Krieg zu Ende war, erfuhren wir durch Mund zu Mund Propaganda. Das war ein ziemlicher Schock für uns, da wir das Gefühl hatten, dass sich nun niemand mehr um uns kümmerte. Von dem Tag an gab es keine Essensmarken mehr. Die Ernte der Felder musste an die Besatzer abgegeben werden und wir hungerten. Wir ernährten uns überwiegend von Steckrüben, mehr gab es nicht. Für uns bedeutete das Kriegsende Hunger. 

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