Dieser Eintrag stammt von Gerda Schäffer, Jahrgang 1926

Ein glücklicher Umstand ersparte mir den unangenehmen Kriegseinsatz als Aufsichtskraft im KZ-Neuengamme

Im Jahre 1926 habe ich im schönen Hamburger Außengebiet das Licht der Welt erblickt. Meine Eltern hatten hier eine alte Hufnerstelle erworben mit einem geräumigen Häuschen, einem wunderschönen großen Garten voller Obstbäume und Beerensträucher, in dem sich jede Menge Federvieh tummelte. Für mich, meine ältere Schwester und meinen jüngeren Bruder war es trotz allem nicht das wahre Paradies, denn das alles bedeutete für die Eltern und für uns Kinder sehr, sehr viel Arbeit.

Wenn unsere Freunde z.B. zum Baden gingen oder uns zum Spielen abholen wollten, hieß es für uns: "Das geht nicht, ihr könnt nicht mit, ihr müsst im Garten arbeiten oder Hausarbeit leisten." So war auch die Schulzeit für mich keine besondere Belastung, da wir durch unseren häuslichen Einsatz zur regelmäßigen Pflichterfüllung erzogen worden waren.

Von der Machtergreifung der Nationalsozialisten und deren verhängnisvollen Politik haben wir Kinder kaum etwas mitbekommen. Ich weiß nur, dass mein Vater sich in keiner Weise politisch aktiv betätigt hat. Er war absolut dagegen, dass wir dem Bund Deutscher Mädel (BDM) beitraten, obwohl in unserem Ortsteil der BDM-Dienst, den wir überwiegend zusammen mit den Hitler Jungen geleistet haben, mehr den Charakter einer harmlosen Freizeitgestaltung hatte.

Gefordert wurde ich dagegen in meinem Pflichtjahr, das für Mädchen nach der Schulentlassung vorgeschrieben war. Ich wurde zu einer Bauernfamilie mit vier Kindern vermittelt und war dort für die Betreuung der Kinder zuständig, musste allerdings auch im Haushalt und bei der Wäsche helfen. Bei dem sehr strengen Winter 1941/42 war das eine sehr harte Zeit, die für mich mit starken Erfrierungen an den Händen verbunden war. Danach bekam ich die Freigabe, eine Lehrstelle anzutreten. Meine Lehrfirma befand sich in der Hamburger Innenstadt am Neuen Wall. Hier habe ich hautnah die vielen Bombenangriffe auf Hamburg miterlebt. Wir haben sehr oft den Luftschutzkeller aufsuchen müssen, in dem wir uns verhältnismäßig sicher fühlten. 

Unvergessen sind dagegen meine Fahrten und Fußmärsche durch die zerbombten Straßen und Stadtteile, in denen die verbrannten Menschen wie Schaufensterpuppen lagen. Ich habe großes Glück gehabt, von den schrecklichen Vernichtungswellen verschont geblieben zu sein. Nach Abschluss meiner Lehre bekam ich eine Vorladung vom Arbeitsamt, um für den Kriegseinsatz vermittelt zu werden. In einem ausführlichen Gespräch machte mir der Vermittler klar, dass ich in Anbetracht der Wohnnähe als Bewacherin in der Anstalt Neuengamme eingesetzt werden sollte. Der Einsatz sei mit Unterkunft und Verpflegung sowie mit besonderer Dienstkleidung verbunden. 

Mir war zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht klar, um welche Art Anstalt es sich handelte. Nach Abschluss des Gespräches fertigte der Vermittler die Einsatzpapiere aus. Bei meiner Anschrift in Verbindung mit dem Namen zögerte er einen Moment und fragte mich: "Kennen Sie Frau X in Ihrer Wohnstraße?" Ich antwortete: "Ja, Frau X ist meine Tante, sie wohnt uns gegenüber." Er sah mich dabei nachdenklich an und wollte von mir wissen, was ich mit meinen Augen hätte. Ich erklärte ihm, dass ich stark kurzsichtig sei und ständig eine Brille tragen müsste. In einem ungewöhnlich menschlichen Tonfall sagte er: "Dann ist der Einsatz in der Anstalt Neuengamme für Sie doch nicht der richtige." Ich bekam von ihm eine Freistellung vom Kriegsdienst und konnte in meiner Lehrfirma weiterarbeiten.

Wie ich erst viel später erfahren habe, wohnte der "freundliche Vermittler" des Arbeitsamtes als Untermieter bei meiner Tante. Möglicherweise hat dieser glückliche Umstand mir das Leben gerettet, aber auf jeden Fall einen unbelasteten Nachkriegsstart gesichert; denn erst nach Kriegsende haben meine Eltern und ich erfahren, dass die als Anstalt bezeichnete Einrichtung in Neuengamme ein schreckliches KZ mit vielen Nebenstellen war, in dem 55.000 unschuldige Menschen ihr Leben lassen mussten.