Dieser Eintrag stammt von Tobias Petersen (*1988)

„Es würde wieder passieren“
Ergebnisse eines Interviews mit Herrn M.(*?) und Frau B(?)

 „Es würde wieder passieren“, sagt Herr Mustermann und schaut dabei stumm auf die Tischplatte.

Max Mustermann und Brigitte Blume, lange sind sie nun schon ein Paar und lang ist es her, dass sie unter dem Hakenkreuz leben mussten. Als der Krieg vorbei war, waren die beiden zehn und neun Jahre alt. Beide wussten damals nicht, was in den ersten Jahren ihres Lebens wirklich in der Welt vor sich ging.

Brigitte: Sie wuchs in Pritter, in der Nähe von Swinemünde, auf. Pritter, das war ein Tausend-Seelen Dorf auf der Insel Wollin. Im Jahr 1941 kam sie in die Schule, doch dort erfuhr sie erst recht nichts über den Krieg, allerdings kann sie sich auch nicht mehr daran erinnern, dass dort einmal nationalsozialistische Propaganda verbreitet wurde. Lange war sie jedoch nicht auf der Schule, warum ist jedoch äußerst unklar. Wahrscheinlich aber wohl, weil es einfach keine Schüler mehr zu unterrichten gab. Viele Leute des Dorfes waren bereits geflohen oder weggezogen, zum Beispiel nach Berlin - es gab dorthin eine direkte Bahnverbindung - um näher beim Führer zu sein.

Ein paar Jahre später sollten sie diese Entscheidung bereuen...! Brigitte und ihrer Familie blieb später dann auch nichts anderes mehr als die Flucht. Zunächst fiel eine Bombe in die Nähe ihres Hauses, welche das Haus teilweise zerstörte. Danach waren sie also gezwungen, auf einem Bauernhof in Pritter zu leben. Der Bauernhof gehörte der Tante von Brigitte. Allerdings war es zu Kriegszeiten natürlich nicht möglich, ein ganz entspanntes Bauernhof-Idyll zu genießen. Eines der geringeren Probleme war dort, dass man sich den Bauernhof mit 15 Leuten teilte. 1944, als sich die Russen im Vormarsch auf Berlin befanden, wurde das Dorf dann überfallen.

 Max:Er wuchs in der Großstadt auf, in Hamburg-Bergedorf. Geboren wurde er allerdings in Ludwigslust. Dorthin kam er mit seiner Familie alle Vierteljahr. In Ludwigslust wohnte in dem gegenüber liegenden Haus ein KZ Aufseher aus Neuengamme, welcher von der SS war. Jedoch was war die SS? Was war ein KZ? Fragen, die damals unbeantwortet blieben. „Man wurde zu Gehorsam erzogen. Widerspruch, so etwas gab es nicht“, sagt Max.

Alles war vollkommen diszipliniert, es war eine Erziehung, die fast vollkommen militärischer Natur war, vermag Max zu berichten. Morgens gingen alle in Reih und Glied in den Unterricht und am letzten Schultag: Antreten auf dem Schulhof und das Deutschlandlied mit Hitlergruß singen. Alle taten sie es und jeder so laut, wie er nur konnte. „Die Lehrer, das waren regelrechte Sadisten“, so sagt Max auch heute noch voller Empörung. In der Klasse von Max befand sich ein Epileptiker und wie man weiß, war Hitler gegenüber Behinderten nicht gerade freundlich gestimmt. In einer Stunde des Sportunterrichtes stand Seilklettern auf der Tagesordnung. Der epileptische Junge bekam dieses nicht hin, denn er hatte durch seine Krankheit kaum Kraft in Armen oder Beinen. Der Sportlehrer, ein Veteran aus dem ersten Weltkrieg und treuer Anhänger des Regimes, der immer in Parteiuniform den Sportunterricht gab, hielt dem sich am Seil windenden Jungen ein Messer unter den Hintern...

Aber das war nur ein Beispiel von Hunderten! Doch es gab Gründe dafür, dass kaum einer von den Kindern wagte, sich dem Regime zu widersetzen. Nicht, weil sie zu klein waren. Nicht, weil sie Angst hatten vor Goebbels Stimme, die durch die Volksempfänger zu hören war. Nein, der Grund war, das Regime verstand, es die Kinder zu faszinieren! Das taten sie nicht dadurch, dass sie den kleinen Kindern erzählten, dass sie die Weltherrschaft an sich reißen wollten und dabei mindestens die halbe Weltbevölkerung umbringen wollten. Nein, das taten sie, indem sie den Kindern zeigten, dass es ihnen gut ergehen wird, wenn sie sich dem Regime nicht widersetzen würden. „Wenn man zum Jungvolk ging, dann bekam man eine tolle Uniform, ein Fahrtenmesser, und Schuhe, mit denen man Geräusche wie eine ganze Armee machen konnte“, erzählt Max. „Wenn man warme Klamotten für die Soldaten an der Ostfront spendete, dann bekam man z.B einen Modellnachbau der Bismarck oder anderer Schiffe/U Boote. So spendeten wir ganz viel, wenn wir nur konnten, und spielten auf Hinterhöfen regelrechte Schlachten nach, denn es gab kaum anderes Spielzeug als Kriegsspielzeug. Allerdings wollten wir auch gar kein anderes haben, denn Krieg zu spielen faszinierte uns.“

Jedoch gab es bei Max noch etwas anderes, das ihm das Regime sehr nahe brachte und was ihn faszinierte: Es war die Musik, es war die Marschmusik; und davon gab es bei den Nazis reichlich! Jeden Sonntag zogen sie durch Bergedorf. Jedes Mal musste er sie angucken. Er wusste damals nicht, wofür einige dieser Märsche standen, ihn faszinierte diese Musik.

Wenn der Krieg nicht verloren gegangen wäre, dann hätte er wohl viel für die Nazis getan. Jedoch ging der Krieg verloren und darüber ist Max heute auch sehr froh, denn er war schockiert, als er einige Jahre nach Kriegsende die ganze elendige Wahrheit über den Krieg und das Regime erfuhr.

Jedoch sagt er, dass „dies alles wieder passieren wird“. Die Nazis schafften es, die Menschheit für eine Grausamkeit zu faszinieren, ohne dass viele der Menschen überhaupt wussten, dass das, was die Nazis taten, grausam war. Die Nazis führten der Welt vor Augen, wie leicht manipulierbar wir Menschen sind. Nun ist es an uns zu zeigen, dass wir es nicht sind. Dass wir uns erheben und der Welt zeigen, dass so etwas nie wieder vorkommen wird!