Dieser Eintrag stammt von Gerda Schäffer - Jahrgang 1926

Bombennächte in Hamburg und ein abgeschossener kanadischer Halifax-Pilot

Der Artikel in der Bergedorfer Zeitung vom 24. Juli 2000 "Dramatische Minuten am Himmel" hat bei mir und meinen Geschwistern schreckliche Erinnerungen wachgerufen. Es tauchten sofort wieder die entsetzlichen Bilder auf, die uns aus Kindertagen ein Leben lang verfolgten.

Zehn Tage vor Ausbruch des 2. Weltkrieges hatte ich in fröhlicher Kinderrunde heiter und unbeschwert meinen 13. Geburtstag gefeiert. Somit war ich schon in einem Alter, in dem ich die kriegsbedingten Einschränkungen und möglichen Gefahren einer kriegerischen Auseinandersetzung einzuschätzen wusste. Wenn auch die anfänglichen Erfolge an der Front allseits euphorische Siegesstimmungen verbreiteten, betrachteten meine Eltern den Fortgang des Krieges gegen eine zahlenmäßige Übermacht sehr kritisch, was uns Kindern nicht verborgen blieb. Richtig ernst wurde es für unsere Familie, als mein Vater, der bereits den 1. Weltkrieg als Soldat mitgemacht hatte, für den Feldzug gegen Frankreich einberufen wurde. Auf einmal war die Mutter für das Haus, einen großen Garten mit 400 Obstbäumen und vielen Beerensträuchern, einer Zwerghuhnzucht und drei unmündigen Kindern in so schwerer Zeit allein verantwortlich.

Obwohl wir Dank der Vorsorge unseres Vaters und der absoluten Tüchtigkeit unserer Mutter keine materiellen Not gelitten haben, wurden wir doch sehr schnell mit den Realitäten des totalen Zerstörungskrieges konfrontiert, von dem Hamburg als eine der ersten deutschen Großstädte heimgesucht wurde.

In vier Nächten, in der Zeit vom 24. Juli bis zum 3. August 1943, war Hamburg das Ziel des erfolgreichsten Angriffs von Bombern auf eine deutsche Stadt. Bei diesen fürchterlichen Angriffen wurden 45.000 Menschen getötet, darunter 22.500 Frauen und 5.400 Kinder. Allein in der Nacht des großen "Feuersturms" vom 27. zum 28. Juli 1943 gab es 40.000 Tote. Im Zentrum dieser Feuerhölle herrschte eine Temperatur von 800 Grad Celsius. Aus allen Richtungen wurde die Luft mit einer Geschwindigkeit angesaugt, die Orkanstärke erreichte. So entstand der Feuersturm.

Unsere Familie hat diese verheerenden Bombardements in einem kleinen Luftschutzkeller überlebt, den mein Vater zu Beginn des Krieges in unserem Garten gebaut hatte, weil unser Haus nicht unterkellert war. Durch unser Hausdach ist nur eine Stabbrandbombe gefallen, die mein Vater, der gerade auf Heimaturlaub war, geistesgegenwärtig mit einer Plattschaufel ins Freie befördert hat. Den Brandherd haben wir dann mit den vorhandenen Luftschutzgeräten gemeinsam bekämpft.

Auf dem Sportplatz vor unserem Grundstück war ein 10 Zentner Blindgänger entdeckt worden. Wenn der explodiert wäre, hätte von uns mit Sicherheit keiner überlebt. Die gezielten Abwürfe in unserer Gegend galten den Flakbatterien am oberen Dünenrand.

Nach diesen Bombennächten setzte eine große Flucht der Hamburger Bürger ein. Es galt, so schnell wie möglich der Feuerhölle zu entrinnen, um das nackte Leben zu retten. Noch nie hatte ich so ein Elend gesehen. Auf der Ausfallstraße nach Bergedorf kamen die Leute in ihrem Nachtzeug, in angebrannten Mänteln und zerfetzter Kleidung, zum Teil mit schweren Brandverletzungen, in Scharen daher. Sie schoben ihre Habseligkeiten in Handkarren, Bollerwagen und Kinderwagen mit dem Baby noch darin. Tagelang ging das so. Es nahm und nahm kein Ende.

An den Straßen standen viele hilfsbereite Leute, boten Wasser, selbstgemachte Fruchtsäfte und Obst aus ihren Gärten an, bis auch ihr Vorrat erschöpft war. Da unser Haus und Grundstück gottlob verschont geblieben war, wurde es zwangsläufig zum Anlaufpunkt und zur Sammelstelle für unsere ausgebombten und hilfsbedürftigen Verwandten und Freunde aus der Innenstadt. Teilweise glich unser Rasen einem Heerlager. Unsere bescheidenen Vorräte an Ess- und Trinkbarem waren zwangsläufig schnell aufgebraucht, so dass eine zügige Weiterleitung der Obdach- und Mittellosen in die umliegenden unzerstörten Randgemeinden zwingend notwendig wurde. Wir Kinder mussten dabei häufig Lotsendienste leisten.

Nach diesen schweren Bombenangriffen ist Hamburg nur noch vereinzelt von feindlichen Fliegern heimgesucht worden. Einer der letzten Aktionen ist wohl von den kanadischen Halifax-Bombern kurz vor Kriegsende am Ostersonnabend unternommen worden. Wie die Bergedorfer Zeitung am 24. Juli 2000 berichtete, verlor eine Halifax der Royal Canadien Air Force über Bergedorf an Höhe. Eine deutsche Me-262, einer der ersten Düsenjäger, hatte deren linken Außenmotor in Brand geschossen. Am Steuerknüppel der kanadischen Maschine saß Kenneth Blyth. 55 Jahre danach geht er nun auf Spurensuche.

Die Bergedorfer Zeitung schildert die Ereignisse wie folgt:

"Es waren dramatische Minuten, die sich am Himmel abspielten. Die Halifax hatte technische Probleme, konnte ihrem Verband nicht mehr folgen. So war sie für die deutschen Jagdflugzeuge leichte Beute. Nachdem der Motor brannte, brauchte besonders der hintere Turmschütze lange Zeit, um den engen Gefechtsstand zu verlassen. Doch Kenneth Blyth gelang es, den Bomber die entscheidenden Minuten in der Luft zu halten. Alle sechs Crew-Mitglieder konnten mit dem Fallschirm aussteigen, als letzter sprang Blyth selbst. Die gesamte Besatzung der Halifax landete unverletzt in Lohbrügge, Bergedorf und Umgebung. Kenneth Blyth wäre dabei fast zwei Kindern auf die Köpfe gesprungen. Erst im letzten Augenblick bemerkten sie den Mann am Fallschirm und rannten davon."

Meine Geschwister und ich erinnern uns noch sehr gut an das außergewöhnliche Geräusch eines tieffliegenden Flugzeuges, das über unser Haus brauste und abzustürzen drohte. Wir haben versucht, zu der Absturzstelle zu gelangen, die ganz in unserer Nähe im Boberger Dünengelände sein musste. Aber die Polizei und Wehrmachtskräfte hatten alles sehr schnell abgesperrt, so dass wir keine Chance hatten, näher an das Objekt heranzukommen.

Am nächsten Tag ist mein 14-jähriger Bruder mit seinen Schulfreunden auf Spurensuche gegangen. An der Stelle, wo heute die Segelflieger ihre Hallen errichtet haben, fanden sie die abgestürzte Halifax völlig unbewacht. Die Bewacher waren wohl so kurz vor Ende der Kampfhandlungen und damit dem Ende des Krieges abgezogen worden. In Hamburg wurden zu dem Zeitpunkt bereits Absetzbewegungen vorbereitet, um die Stadt vor einer absoluten Zerstörung zu bewahren, was im Ergebnis dann auch gelungen ist; denn Hamburg ist ohne weitere Kampfhandlungen dem Feind übergeben worden.

Die Jungen waren selbst überrascht, dass sie völlig ungestört die abgestürzte Maschinen innen und außen inspizieren konnten. Der ganze Rumpf war begehbar; sie konnten über die Tragflächen in die Maschine klettern. Für die Jungen ging es in der Notlage bei Kriegsende natürlich auch um das Organisieren. Die Maschine war aber bereits ausgeschlachtet. Es lagen nur unzählige Maschinengewehr-Gurte herum, die sich die Jungen um den Hals legten und nach Hause trugen. Zu Hause haben sie die Geschosse entfernt und mit dem Inhalt der Patronenhülsen ein Feuerwerk veranstaltet. Gottlob ist bei diesen gefährlichen Jugendstreichen, bis auf eine größere Verpuffung, nichts passiert.

Leider haben wir von der Maschine oder gar vom Fallschirmabsprung der Mannschaft keine Fotos. Auch eine Nachfrage im Bekanntenkreis hatte keinen Erfolg.