Dieser Eintrag stammt von Volkan Polat (geb. 1991)

Ergebnisse eines Interviews mit
Herrn Dr. rer. pol. Reinhold Bengelsdorf, Diplom-Kaufmann (geb. 1930)

Bombennächte 1943 und der Kampf ums Überleben

Einleitung (Abstrakt)

Die „Operation Gomorrha“ war eine Serie von Luftangriffen auf Hamburg, die von den Alliierten der britischen Luftwaffe (Royal Air Force) und der amerikanischen Luftwaffe (American Air Force) ausgeführt wurde. [1]

Nachdem es seit Ende März 1943 über Hamburg weitgehend ruhig gewesen war, begannen die Luftangriffe am 24. Juli 1943 und dauerten bis zum 3. August 1943 an. In diesen Tagen waren rund 3.000 Flugzeuge der britischen und amerikanischen Luftwaffe im Einsatz, die ca. 80.000 Phosphorbrandbomben, 25.000 Sprengbomben und 500 Phosphorkanister warfen. In Hamburg starben auf Grund dieser Luftangriffe über 50.000 Menschen. Es gab 900.000 Obdachlose und es wurden 277.330 Wohnungen, 24 Krankenhäuser, 277 Schulen und 58 Kirchen zerstört. [2]

Man spricht auch vom „Feuersturm“, der am 27. Juli 1943 um 23.40 Uhr in der Nacht zum 28. Juli 1943 stattfand. In diesen Tagen waren die Angriffe verheerender und übertrafen alle bisherigen Gefahren und Ängste. [3]

Herr Dr. Bengelsdorf war in dieser Zeit mit seinem Bruder auf Zeltfahrt, als plötzlich die Luftangriffe auf bestimmte Stadtteile Hamburgs, insbesondere auf Hammerbrook, begannen. Die Luftabwehr schoss auf die Flugzeuge und die Splitter der zerplatzten Geschosse fielen zu Boden. Sie hörten, dass die Splitter das Laubdach durchschlugen. Sie blieben verschont, aber ihnen wurde heiß. Am Morgen sahen sie dann in Hamburg einen großen Rauchpilz stehen.

Einen so starken Luftangriff hatte es auf Hamburg bisher nicht gegeben.

Herr Dr. Bengelsdorf und sein Bruder gingen zum Bahnhof, wo sie ihren Vater erwarteten, damit sie alle die Zeltfahrt fortsetzen konnten. Er kam mit erheblicher Verspätung und berichtete, dass Hamburg so schwer getroffen worden sei, wie noch zu keiner Nacht zuvor. Später beschlossen sie, gemeinsam mit dem Fahrrad nach Hamburg zurückzukehren.

Ausbombung

1943 gab es wieder einmal Fliegeralarm in der Nacht. Die Familie Bengelsdorf saß im Luftschutzkeller, als plötzlich gerufen wurde, dass ihr Haus brennt. Die Brandbombe war bis zur dritten Etage durchgeschlagen. Sie liefen auf einen nahen freien Platz und mussten zusehen, wie sich das Feuer von der dritten Etage allmählich von Stockwerk zu Stockwerk nach unten weiterfraß. Herr Dr. Bengelsdorf hatte mit seinem Bruder und seinen Eltern im zweiten Stockwerk gewohnt. Da das Feuer über ihrer Wohnung brannte, trauten sie sich selbstverständlich nicht mehr in die Wohnung, um etwas zu retten.

Gefragt werden könnte, warum sie auf die Straße gelaufen sind und sich dem Funkenflug ausgesetzt haben. Die Menschen waren im Luftschutzkeller doch sicher, oder?

Herr Dr. Bengelsdorf wusste, dass nach Angriffen zuvor brennende Häuser eingestürzt waren und dabei die Kellerausgänge verschüttet hatten. „Der Luftschutzkeller wurde also zur Falle.“

Wie schnell die Zeit verging, hat Herr Dr. Bengelsdorf gar nicht richtig wahrgenommen. Es herrschte für ihn immer noch tiefe Nacht. Diese war durch die starke Rauchentwicklung verursacht. Leute, die von außerhalb kamen, berichteten, dass es inzwischen Nachmittag sei und die Sonne vom blauen Himmel herabscheine.

Nach dem ersten Bombenangriff wurde die Bevölkerung aufgefordert, Hamburg zu verlassen. Diesem Aufruf sind viele Mitbewohner gefolgt. Von den zwölf Familien, die in diesem Wohnblock lebten, waren nur etwa vier geblieben. Herr Dr. Bengelsdorf lebte mit seiner Familie zu dieser Zeit mit sieben Personen in einer anderen Wohnung. Weil seine Tanten und sein Großvater  in der Nacht zuvor alles Hab und Gut verloren hatten, nahm er auch sie auf.

Meiner Meinung nach muss noch erwähnt werden, dass Herr Dr. Bengelsdorf und seine Familie „Glück“ hatten, da sie nicht im Zentrum Hamburgs wohnten. Sie wohnten in Barmbeck (heute: Barmbek) am Rande der Stadt und waren somit gegenüber den Bombenangriffen etwas sicherer, als die, die in den dicht besiedelten innerstädtischen Hamburger Wohnbezirken lebten. [4]

Kampf ums Überleben

Nach der Ausbombung suchte die Familie Bengelsdorf Zuflucht. Also sind sie in ihren Schrebergarten geflüchtet. Mit den Fahrrädern, die sie zuvor aus dem Keller mitgenommen hatten, fuhren sie zu ihrem früheren Wohnblock. Herr Dr. Bengelsdorf kann sich noch daran erinnern, dass die Kellerdecke gehalten hatte und der heiße Schutt da drauf lag. Im Keller war es stockfinster und Sauerstoff war auch kaum vorhanden.

Trotzdem gingen sie immer wieder hinein, aber sie konnten sich nur kurz aufhalten. Sie griffen nach Nahrungsmitteln (z. B. eingewecktes Gemüse, Marmelade) und mussten zusehen, wieder lebend hinauszukommen. Das aus dem Keller Geborgene brachten sie in den Schrebergarten. Noch mehrere Tage fuhren sie zu ihrem ehemaligen Wohnblock, holten z. B. Gestühl und Brennstoffe heraus und brachten sie zum Schrebergarten. Im Schrebergarten waren sie aber nur für vier Personen eingerichtet. Nun mussten jedoch sieben Personen untergebracht werden. Sie mussten sich organisieren um zu überleben, wobei sie das Glück hatten in ihrem Schrebergarten (Gartenkolonie) eine Pumpe zu besitzen, die noch funktionierte und ihnen Wasser liefern konnte und die Möglichkeit für den Gemüseanbau bot.

Versorgung und Sicherheit

Einerseits lebte die Familie Bengelsdorf vom Ertrag ihres Schrebergartens und dem Eingemachten. Andererseits fuhr Herr Dr. Bengelsdorf täglich mit seinem Fahrrad zu einem Milchhändler und konnte dort glücklicherweise wenigstens Milch, Butter und Brot holen, und dieses ohne zu bezahlen. Der Staat hatte dafür gesorgt, dass nach Hamburg für die Versorgung der Bevölkerung ausreichende Nahrungsmittel geliefert wurden. Laut Herrn Dr. Bengelsdorf befürchteten die Regierenden nämlich, dass in Hamburg Aufstände entstehen könnten. Durch diese Maßnahme wollten die Nationalsozialisten die Bevölkerung ruhig halten, was auch zum Teil gelang.

Die Nachbarschaftsstrukturen waren zerrissen. Man musste befürchten, von einem neuen Nachbarn denunziert zu werden, was bedeutete, öffentlich und fälschlich angeklagt zu werden. Auch hier versuchten die Nationalsozialisten, die Bevölkerung durch ihre Maßnahmen ruhig zu halten.

Zur Sicherheit der Familie sammelten Herr Dr. Bengelsdorf und sein Großvater aus den Trümmern Steine, die sie mit ihrem Blockwagen in ihren Garten brachten. Dort hatten sie zuvor Erde ausgehoben, um sich mit Hilfe der Steine einen Luftschutzbunker zu bauen.

Und später…

Im Schrebergarten lebte Herr Dr. Bengelsdorf ca. acht Wochen lang, bevor er mit seiner Familie eine erst halb fertige Wohnung beziehen konnte. Die Unvollständigkeit der Wohnungen erkannte man daran, dass es keinen Herd, keine Heizung und keine Toiletten gab. Die notwendigen Geräte brachte Herr Dr. Bengelsdorf mit dem Blockwagen aus dem Schrebergarten in die halb fertige Wohnung.

Literaturverzeichnis (Quellen):

[1] – Wikipedia: „Die freie Enzyklopädie“ (2007)

[2] – Hans Erich Nossack: „Der Untergang“ (1948)

[3] – NDR Online: „Feuersturm vernichtet Hamburg“ von Bettina Lenner, Thomas

Luerweg (2005)

[4] – Hamburger Bildungsserver: „Unternehmen Gomorrha – Hamburg, Juli 1943“

Hamburg 1993 (Handreichung von BSJB)