Dieser Eintrag stammt von Anahita Rahdar (*1988)

Eine schreckliche Zeit – doch die schrecklichste Zeit kam nach dem Krieg
Ergebnisse eines Interviews mit Frau Margot A. (*1913)

Vor dem Krieg:
Margot A. ist heute 91 Jahre alt. Somit war sie zur Hitlerzeit zu alt, um in die Organisation Bund der Deutschen Mädchen (BDM) einzutreten. 

Die schrecklichsten Erlebnisse in ihrem Leben waren nicht während des Krieges, wie so oft, sondern danach.

Ihre Eltern waren sehr konfessionell und somit ging Margot auf eine katholische Schule. Ihre Schulzeit war sehr schön, genauso wie die Beziehung zu ihren Lehrern. Ein einziges Mal hatte sie etwas ausgefressen und ihre Eltern kamen zur Schule und es gab Ärger. Dies bereute sie im Nachhinein. Sonst hatte sie eine normale und erfüllte Jugend und ihre Schulzeit ist problemlos und mit viel Freude abgelaufen.

Margot A. lebte vor dem Krieg mit ihrem Mann und ihrem gemeinsamen Kind in Leipzig. Sie erlebte vieles, was vor und Anfang des Krieges geschah. Unter anderem sah sie wie die Juden in die Konzentrationslager abgeschoben wurden. Eines Tages wurde ihnen durch Lautsprecher mitgeteilt, dass die deutschen Truppen in Polen einmarschiert waren.

Während des Krieges :
Die Eltern von Margot lebten wie sehr viele andere Deutsche im Osten in Schlesien (heutige Tschechoslowakei). Nachdem die deutschen Truppen in Polen einmarschiert sind, sagte ihr Vater, dass Hitler verrückt geworden sei und sie ihre Sachen unverzüglich packen und zurück nach Schlesien kommen sollen. Die Angst vor Hitlers Unberechenbarkeit war nicht alles. Die größten Sorgen lagen für Margot als auch für ihre Eltern in den Bombenangriffen auf Leipzig. Denn Großstädte wurden zuerst bombardiert.

In der Zeit, als Margot aufgeregt die Sachen zusammenpackte und mit ihrem Kind nach Schlesien flüchten wollte, drehten die anderen Menschen durch. Viele stürmten die Geschäfte und zerschlugen die Scheiben. Darüber hinaus wurden die Juden geschlagen, aus ihren Häusern rausgezehrt und anschließend gab es eine Massenvertreibung der Juden in die Konzentrationslager. In Leipzig gab es viele Juden, die sehr gebildet und gut situiert waren. Margot hatte auch viele Juden als Freunde. So zerbrach ihr Herz, als sie sah, welch schreckliche Demut sie ertragen mussten. Diese schrecklichen Bilder hat sie immer noch vor Augen und wird sie auch nie vergessen.

Adolf Hitler hat nicht nur Juden in Konzentrationslager abgeschoben, sondern auch noch katholische Priester einsperren lassen. Diese Tat war natürlich schrecklich für ihre Familie, da sie sehr gläubig waren.

Margot hat drei Brüder. Ihr jüngster Bruder musste in die Hitlerjugend eintreten, obwohl der Vater strickt dagegen war. Sie hatten immer Appelle, Schulungen und mussten an Feiertagen antreten. Am Anfang war es etwas lockerer und so konnte er sich oft drücken. Doch später wurden sie militärisch sowie politisch stärker herangenommen. Margots Bruder beschwerte sich oft zu Hause, doch man konnte nichts dagegen machen. Es war Zwang!


Sie dankt ihren Eltern auf ewig, dass sie sie aus Leipzig geholt hatten. Denn auf dem Land ging es ihr und ihren nun drei Kindern gut. Doch in Leipzig war mittlerweile alles so gut wie kaputt. Sie hatte es sehr gut auf dem Land in Schlesien, da sie und ihre Kinder gesund waren, dank der Landwirtschaft keine Geldprobleme und immer genug zu Essen hatten. Etwas später wurde ihnen durch Hitler die Ernte weggenommen, doch sie hatten immer noch genug zum Leben. Ihre Zukunft war völlig ungewiss. Trotz dieser ganzen Geschehnisse dankte Margot dem Schicksal und war sehr glücklich, dass sie und ihre Kinder lebten und die Ruhe auf dem Land genießen konnten im Gegensatz zu den anderen Menschen, die sehr viele Qualen ertragen mussten. Die Familie hielt immer zusammen. So kam auch keinem in den Sinn, Verrat an der Familie zu begehen. 

Margots drei Brüder, ebenso wie ihr Ehemann waren Soldaten. 
Adolf Hitler benötigte nicht nur Soldaten. Er brauchte auch noch Menschen, die Autoreifen herstellen sollten, also für die Industrie Ihr Mann war Chemiker und wurde nach dem Krieg in der Industrie tätig. Erst tat er dies für die Deutschen, dann für die Russen. Margot war so erfreut, dass ihr Mann nicht mehr in Gefahr ist. Ihr ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Dazu kommt noch, dass sie so, durch seine Arbeit abgesichert waren. Doch während des Krieges kam auch eine erschütternde Nachricht. Im Jahre 1943 war ihr Bruder gefallen. Diese schreckliche Nachricht hat sie immer noch nicht überwunden.

Margots Familie und besonders ihr Vater waren gegen Hitler. Ihr Vater sagte sich immer wieder: „Bald schmeißen die ihn raus“. Obwohl ihr Vater diesen Hass auf ihn und die Nazis hatte, hatte sich weder er noch sonst jemand getraut, sich gegen ihn und die Nazis zu erheben. Das war nämlich ein Tabuthema. Man durfte seine Meinung nicht öffentlich äußern und wenn man dann die Politik kritisierte, war dies Lebensgefährlich und sogar oftmals tödlich. Einige brachen dieses Tabu. Die Folge war, dass diese Menschen weggebracht wurden und nie wieder auftauchten.
Es war aber auch sehr schwer in seinem eigenen Haus bei seiner Familie über diese Thema zu sprechen, denn man hatte Angst, dass jemand es erfährt. Es gab ein Propagandablatt, welches besagte „Der Feind hört alles“.

Nach dem Krieg:
Mit dem Ende des Krieges brach die schlimmste Zeit ihres Lebens an.
Erst einmal war es nicht allzu schlimm. Es gab einige Kinderlandverschickung während und nach dem Krieg. So bekamen sie nach dem Krieg Mütter und Kinder aus Berlin, die vor den vielen Bombenangriffen flüchteten. Margot und ihre Familie konnten alle, so gut wie es ging, mit Hilfe der Landwirtschaft ernähren. Ihnen blieb auch nichts anderes übrig, da es Zwang war und die Menschen ihnen einfach geschickt wurden. Margot tat dies gerne, solange es noch genug für ihre eigene Familie gab. 

Jetzt begann der schrecklichste Teil ihres Lebens. Die Tschechen, die früher Freunde waren, wurden nun zu Todfeinden. 
Die Tschechen und Russen besetzten das Haus und vertrieben Margot und ihre Familie. Ihnen wurde alles weggenommen und sie wurden in ein Bauernhaus abgeschoben. Dieses Haus war leer. Sie hatten weder Trinken, noch zu Essen, geschweige denn Geld. Sie musste ihre drei Kinder und ihre kranken Eltern verpflegen. Keiner half ihr, denn ihre Kinder waren zu jung. Sie war verzweifelt und alle hatten Hunger und Durst. Nach kurzer Zeit fand sie eine Ziege dort. Diese molk sie. Die Ziege war lebensnotwendig.

Die Tschechen mochten die Russen, und so besetzten die Russen auch dieses Haus nach einigen Tagen und Margot und ihre Familie wurden von den Tschechen ausquartiert. Daraufhin befahlen die russischen Soldaten ihnen, dass sie nach Russland gehen müssen, um dort zu arbeiten. Sie musste mit ihren Kindern und ihren kranken Eltern innerhalb kurzer Zeit einen sehr langen Marsch machen. Es war nicht nur die Anstrengung, die sie fertig machte, sondern auch die Angst, um ihre Eltern und Kinder. Dann kamen sie endlich irgendwo an, und zwar in einem Konzentrationslager. Dort geschah etwas demütigendes mit ihr. Sie wurden vor den Augen ihrer Kinder von einem russischen Soldaten vergewaltigt. Davon hat Margot bis heute noch Albträume. Trotz dieser unbeschreiblich schrecklichen Taten, kamen sie irgendwie in Hamburg an. Sie weiß selber nicht wie. Sie weiß nur eins, sie muss einen Schutzengel gehabt haben. Seit dem glaubt sie an Gott und sagt immer wieder: „Ohne seine Hilfe wäre ich nicht hier.“