Dieser Eintrag stammt von Katia Raimundo (*1988)

„Ohne Gott leben, heißt verloren sein“

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Marianne S.(*1915)

Als Hitler an die Macht kam, war Marianne S. schon 18 Jahre alt. Deshalb brauchte sie nicht mehr in den Bund der Deutschen Mädel (BDM) einzutreten.

Sie hat drei Brüder und ihr Vater war bei der Wehrmacht, dort arbeitete er als Arbeiter. Zwei ihrer Brüder waren auch Soldaten. 
Ihr jüngster Bruder sollte, nachdem die Hitlerjugend eine Zwangsmitgliedschaft beinhaltete, in diese Organisation eintreten, jedoch war ihr Vater dagegen, was natürlich gefährlich für den Vater war, sich einfach dagegenzustellen. Die Familie beschloss also gemeinsam, dass es besser wäre, den Regeln zu folgen und das „Spiel“ mitzuspielen. „Unsere Familie war Eins, und sie gab uns allen Kraft, die Kraft die wir zum Überleben benötigten,“ sagt Marianne S.
In dieser Hitlerjugend gab es einmal die Woche einen Gruppenabend, bei diesem Abend ging es nur um Hitler. Er wurde bejubelt und geliebt. Als die Mitgliedschaft bei der Hitlerjugend noch freiwillig war, war keiner aus der Familienmitglieder Mitglied dieser Partei. Auch das nationalsozialistische System wurde in dieser Familie als falsch empfunden, jedoch wollte sie, wie der größte Teil der anderen auch, nur überleben. Die Angst war viel zu groß, um seine Meinung zu äußern. Diese Angst eines Nachts abgeholt zu werden, ohne zu wissen was einen erwartet, in eines der Konzentrationslager gesteckt zu werden, und die eigene Familie nie wieder zu sehen. Diese Angst ließ alles andere unwichtig erscheinen. So verhielten sich alle unauffällig und folgten der Propaganda wie „Der Feind hört mit!“. Denn Kritik an Hitler oder am Nationalsozialistischem Regime auszuüben war ein großes Vergehen. Erwachsenen galt die Todesstrafe und Kinder wurden hart bestraft.

In der Schule gab es bei Marianne S. immer ein vertrautes Verhältnis zu Lehrern, die Schüler kamen auch gut mit den Lehrern aus. Jedoch gab es einmal eine kleine Strafe für Marianne S., denn als sie einmal versuchte aus dem Gesangsbuch, das unter ihrem Tisch lag, abzugucken, wurde sie erwischt. „Dabei hat man dann auch schon mal auf die Finger bekommen,“ sagt sie heute, mit einem frechen Unterton. Ihre Schulzeit verlief ruhig und einfach, da Hitler zu diesem Zeitpunkt noch nicht Reichsführer war, und so auch Bombenalarme zu dieser Zeit nicht vorhanden waren. 

Marianne S. wurde mit sechs Jahren in Stettin eingeschult und besuchte die Volksschule bis zur Oberklasse. Mit 14 Jahren wurde sie konfirmiert. Danach absolvierte sie eine Lehre als Putzverkäuferin.
Nach dieser Lehre besuchte sie anschließend sogar eine Fortbildungsschule. Ihren Beruf konnte sie jedoch nur 5 Monate ausüben, bis sie dann wegen der mangelnden Kunden, in dem Geschäft wo sie arbeitete, entlassen werden musste.

Sie war somit arbeitslos, und musste sich dann ihre 6,50 RM Stempelgeld (Arbeitslosengeld) holen, von denen sie dann auch schon 5 RM zur Unterstützung an ihren Vater abgeben musste. Marianne S. liebte es zu tanzen, und so gab sie auch schon mal ihre letzte RM dafür aus.

Bei ihrem jüngeren Bruder, verlief die Schulzeit jedoch anders. Er ging zur Schule als Hitler an der Macht war. Die Lehrer waren viel strenger und die Schüler wurden schon bei den kleinsten Fehlern geschlagen. Außerdem gab es sowohl während der Schulzeit als auch zu anderen Tageszeiten viele Bombenalarme, so waren alle schon auf Bombenalarme eingestellt, sodass man aus Angst vor Bombenangriffen sogar mit Kleidung schlief. Bei Bombenangriffen ging man sofort in einen Bunker. 

An einen Angriff kann sich Marianne S. noch besonders gut erinnern, zu diesem Zeitpunkt war sie mit einem Soldaten verheiratet, und schon zum zweiten Mal schwanger:

„Nachdem es, wie so oft, einen Bombenangriff gab, rannten wir alle in den Bunker um uns davor zu schützen. Plötzlich fing es durch eine Brandbombe an zu brennen, und der Rauch verbreitete sich überall, sodass uns nichts anderes übrig blieb, als uns Tücher vor dem Mund zu halten, um den Rauch nicht einzuatmen. Nach der Entwarnung verließen wir den Bunker und genau in diesem Moment fiel mir ein glühender Balken vor das Gesicht. Erst später konnten wir sehen, was die Bomben angerichtet hatten, unser Haus war vollkommen zerstört.“ Nach diesem schrecklichen Vorfall floh Marianne S. 1944 mit ihrer Tochter nach Metschu, einem kleinem Dorf im Kreis Mecklenburg- Vorpommern. Dort bekamen sie in einem Notquartier Essen und ein Bett. Da das Essen jedoch nicht genügte, schickte ihr ihre Mutter Lebensmittel wie Wurst oder Mehl in einem Päckchen. Jedoch mussten sie sich trotzdem mühselig durch diese Zeit durchschlagen. So kam es nicht selten vor, dass Marianne S., wie viele andere auch, sich ihr Essen bei Bauern erbetteln mussten, sie nannten so etwas „hamstern“. Aber es kam auch vor, dass in der Not einfach geklaut wurde. 

Das Ende des Krieges haben viele Menschen, wie auch schon den Ausbruch, durch das Radio erfahren. Die Menschen waren glücklich und froh endlich „befreit“ worden zu sein.

Sie blieben bis 1948 in Metschu, dann ging Marianne S. mit ihren zwei Töchtern schwarz über die Grenze. Sie kamen aus der Sowjet- Zone und für eine Unterbringung in einer Holzbaracke, musste sie 60 Pfennig pro Nacht zahlen. Doch Marianna S. hatte kein Geld, jedoch hatte sie das unglaubliche Glück, dass ein Soldat ihr einfach 20 DM schenkte. Mit diesen 20 DM bezahlte sie die Baracke und schickte darüber hinaus noch ein Telegramm an ihren Mann. 

Im August 1948 erreichten nach fünftägigem Marsch Neumünster. Dort hatten sie aber auch akut mit Geldmangel zu kämpfen, z.B. hat sich Marianne S. ein Kleid aus einer Tischdecke genäht.

Marianne S. behauptet selbst, dass sie diese schwere Zeit nur durch Gottes Hilfe bewältigen konnte, seitdem ist sie viel religiöser geworden. Für sie heißt es „Ohne Gott leben, heißt verloren sein.“.

In dieser Zeit war alles ungewiss: die Zukunft, das Heim und auch das Essen. Man lebte im Hier und Jetzt. Das Einzige, was den Menschen Kraft gab, war die Familie, es war die Hoffnung und es war Gott. Nur durch sie haben die Menschen die Kraft genommen, um zu überleben und nur durch sie konnten sie nach dieser schrecklichen Zeit, sich selbst wieder ein normales Leben aufbauen. Aber das, was sie gesehen und erlebt haben werden sie wohl niemals vergessen oder verdrängen können. Es wird sie ein Leben lang verfolgen. „Oft sehe ich Erlebtes in meinen Träumen“, sagt auch Marianne S.