Dieser Eintrag stammt von Daisy Ida Rasmus (*1991) 

Meine Jugendzeit während des 2. Weltkrieges in Polen

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn P. (*1929)

Wir schreiben das Jahr 1939. Die Deutschen besetzen unser Land. Vieles hat sich verändert.

Ich bin erst 10 Jahre alt und wohne in Ludwigstall; Nordpolens. Ich wohne mit meinen 5 Geschwistern und meinen Eltern in einem kleinen Haus am Rande eines kleinen Dorfes, wo wir erst vor kurzem eingezogen sind. “Denn nun ist es gefährlich in einer Stadt zu wohnen”, hat mein Vater gesagt. Warum? Darüber wagt keiner zu sprechen, aber es hat was mit den Deutschen zu tun… .
Im Norden Polens wird uns die polnische Sprache verboten. Ich bin froh, dass ich die deutsche Sprache von meinen Eltern und Großeltern erlernt habe. Meine polnischen Freunde haben es dadurch sehr schwer. Sie mussten die Sprache erst erlernen, ansonsten haben sie geschwiegen. Aber auf irgendeine Art und Weise haben wir uns doch verstanden.
Auch in der Schule wird “das Deutsche” in uns gefördert. Schlagartig werden unsere polnischen Lehrer entlassen und durch kriegsunfähige deutsche Lehrer ersetzt.
Sie lehren uns die deutsche Sprache. Da ich die schon kann, bin ich sehr im Vorteil. Wir bekommen auch immer mehr deutsche Schüler in die Klasse. Dies finde ich sehr schön, da ich jetzt mit meinen Landsleuten die Zeit verbringen kann. Meine polnischen Mitschüler haben auch nichts gegen die Deutschen, es gibt kaum Zankereien, und wenn, sind sie nie politisch sondern, wie es bei pubertierenden Jungs so ist.

Der Lehrplan in der Schule hat sich sehr verändert. Zwar haben wir weiterhin rechnen, schreiben, lesen, aber nun kommt auch die Judenlehre hinzu. Die Juden werden uns wie folgt dargestellt:
Sie haben einen langen Bart eine große Nase. Sie wollen nicht arbeiten und sind sehr faul. Daher sind sie für das Feilschen bekannt. Die Juden sind hinterhältig und listig. Man kann ihnen nicht vertrauen. Sie sind unehrlich und schummeln.
Die Deutschen hingegen sind fleißig, ehrlich und arbeiten sehr viel. Sie sind gute Bauern.
In der Schule singen wir auch viele deutsche Lieder z. B “ Deutschland, Deutschland über alles” und “ Die Fahne hoch”.
Wir müssen auch den Deutschen die Ehre erweisen, indem wir “Heil Hitler” ausrufen. Wir verstecken uns lieber, als das zu tun. Also, wenn wir einen Deutschen sehen, springen wir schnell ins Gebüsch oder gehen um die Ecke. Werden wir dabei erwischt, dann werden wir geschlagen. Die Deutschen haben lange Lederhandschuhe und schlagen uns damit. Danach sagen sie immer: “Ihr wisst wofür…”.


Viel Freizeit hatte ich nicht. Da deutsche Bauern nach Polen umgesiedelt wurden, mussten viele Jugendliche bei ihnen arbeiten, selbst ich mit meinen 10 Jahren. Ich habe bei einem Baronen gearbeitet, der schon über Generationen in Polen gelebt hatte. Dennoch war er in den Augen der Deutschen, Deutscher. Da ich aber Deutscher bin, hatte ich es auch nicht so schwer und wurde genau diesem Baronen zugeteilt. Denn jeder wusste auch, dass er gut zu einem sei. So hatte er mir vor der Arbeit immer Sandwiches gemacht und mir nur die ganz leichte Arbeit überlassen. Zum Beispiel musste ich Gartenarbeit machen. Manchmal bin ich auch mit ihm auf die Jagd gegangen. Ich bekam sogar dafür etwas Geld. Ein polnischer Freund von mir, der 15 Jahre alt war, hatte nicht so viel Glück. Er arbeitete bei einem deutschen Bauern und musste sehr schwere Arbeit leisten. Mein Freund musste manchmal selber pflügen und das dann von morgens bis abends. So wurde er eines Tages müde und hatte sich abgemeldet, weil er einfach mit den Kräften am Ende war.
Und dann fing langsam alles an… .

Er wurde 2 Std. später von der Gestapo angerufen, ob es stimmte, dass er nicht arbeiten kann. In den nächsten Tagen holten sie ihn ab. Man wusste nicht wer sie waren, aber in der Nacht fuhr ein Wagen vor und mein Freund wurde abgeholt. Er konnte nicht viel packen, denn es musste alles schnell gehen- warum? - es war einfach so.
Nach 2 Jahren ist er nach Hause geflohen, als er nach Russland gebracht werden sollte. Er war abgemagert und hatte eine seltsame Tätowierung am Unterarm, als er bei uns im Dorf ankam. Nun stellte sich heraus, dass er ein Häftling aus einem KZ war. Mein armer Freund… .
Seitdem mein Freund abtransportiert wurde, kamen auch schon bei uns im Dorf mehrere Vorfälle dieser Art vor. Immer öfters kamen “Sie” in unser Dorf und holten Freunde und Bekannte ab. Die auf der schwarzen Liste standen, wurden ohne Vorwand umgebracht. Ein Bekannter von mir war sehr gegen die Deutschen, sie besetzten ja schließlich unser Land. Er hatte den Deutschen das Wasser aus den Fischteichen abgelassen. Damit die deutschen Fischer nichts vom Geschäft hätten. Er hatte aber auch die Deutschen bestohlen, weil er nicht einsah, warum sie es besser haben sollten als alle anderen.

Ich war eines Tages mit ein paar Freunden im Wald spazieren gegangen. Am Waldrand erschraken wir. Wir sahen einen aufgewühlten Platz. Wahrscheinlich hatten die Wildtiere ihn aufgewühlt. Auf einmal sahen wir eine Hand, die dort herausguckte. Schnell holten ein paar von uns einige Erwachsene heran. Sie gruben den Mann heraus. Es war der Bekannte. Er wurde einfach getötet und vergraben. Warum ich mir so sicher bin? Die Täter haben es zugegeben. Aber da er ein Krimineller war, wurde er für sie vogelfrei.

Mit diesem Mord fing alles an.
Die Polen wurden jetzt sortiert, das Abschlachten konnte beginnen… .
Kranke wurden umgebracht und Gesunde mussten schwerste Arbeiten vollbringen. Niemand wurde verschont; es gab keine Ausnahmen. Die Frauen wurden nicht bevorzugt. Meine Tante hatte Migräne und Depressionen. Eines Tages wurde sie abgeholt und sollte ins KZ gebracht werden. Bis dahin kam sie erst gar nicht. Sie wurde auf dem angeblichen Weg umgebracht und in einem Massengrab im Wald Spengafsk “beerdigt”.
Außerdem hieß es:
Wenn ein Pole einen deutschen Soldaten umbringe, müssten deutsche Soldaten 10 Polen umbringen. 
Meist waren dann die Polen Zivilisten und keine Soldaten. 
Am Anfang wusste keiner was von den KZs. Erst später hatte man davon was mitbekommen. Wie konnte man das auch erfahren? Man musste darüber schweigen, ansonsten wurde man selbst dort hingebracht. Dann, als immer mehr Laster vorgefahren sind, wusste man schon, wozu sie dienten: zum Abtransportieren in KZs.
Alle waren in Angst, selbst die Deutschen. Wussten sie etwas, aber hatten es nicht gemeldet und die Gestapo hat es herausgefunden, dann kamen sie ins KZ. Hatten die Deutschen jemanden versteckt und es wurde herausgefunden, dann kamen sie ins KZ und Denunziation gab es dann überall. Man hatte nun zu niemandem Vertrauen.

Ende des Krieges musste ich schon wieder alles noch mal durchleben. Ich bin Deutscher und nun haben die Polen die Deutschen diskriminiert. Wir durften nicht die deutsche Sprache sprechen und viele Deutsche wurden zu Kriegsgefangenen der Alliierten. Jedoch waren die Alliierten nicht so brutal wie die Deutschen… .

Anmerkung der Verfasserin:
Herr P.  hätte uns noch viel mehr Geschichten erzählen können, aber im 2. Weltkrieg wurde er so sehr eingeschüchtert, dass er nichts mehr erzählen wollte. Herr P. hat immer noch Angst, dass ihm etwas passieren könnte.