Dieser Eintrag stammt von Daisy Ida Rasmus (*1991) 

Schule/Freizeit
(HJ in Deutschland) während des 2. Weltkrieges

Ergebnisse eines Interviews mit Rudi Lange (*1921)

Wir haben das Jahr 1933. Ich wohne in Thüringen, Schmölln.
Heute Morgen müssen wir alle in der Schule antreten. Der Rektor unserer Volksschule ist nationalsozialistisch aktiv und von der Machtergreifung Hitlers sehr begeistert. Er freut sich auf eine neue Regierung. Alle Schüler stehen vor ihm. Der Rektor erzählt begeistert, dass sich nun alles zum Besseren ändern würde, dass der Kommunismus hinter uns läge und dass wir stolz sein können, weil wir alles miterleben dürfen.
Natürlich freuen wir uns alle. Niemand auf der Schule ist vermögend. Wir kommen alle aus armen bis normalen Verhältnissen.

Mein Alltag ist nicht gerade beneidenswert. Wir sind 4 Personen im Haushalt und leben auf 30 m². Wir haben nur 2 Betten. Das eine Bett teilt sich meine Schwester mit meiner Mutter, das andere ich mit meinem Vater. Wir haben nicht viel Geld zur Verfügung. Wir haben ca. 18 RM pro Woche. Mein Vater ist arbeitslos und meine Mutter macht Heimarbeit für eine Knopffabrik. Meine Schwester und ich müssen natürlich mithelfen. Wir haben ein Dutzend (12 Stück) poliert und auf eine Platte aufgenäht. Auf eine Platte passt genau ein Dutzend. Täglich müssen wir 3 davon machen. Wenn die Heimarbeit getan ist, dürfen wir nach draußen gehen und spielen. 

Es geht nicht nur uns so, sondern jedem im Dorf. Aber nach der Machtergreifung Hitlers geht es uns nicht besser. Zwar hatten wir mal einige Angebote zu verreisen, aber diese waren nicht viel wert, denn Reisen kann man nicht essen… . So bleibt alles wie bisher. Unsere wirtschaftliche Situation ist sehr schlecht. Wir leben in einem Notstandsgebiet. Damit wir etwas zu essen bekommen, haben wir beim Bäcker nach altem Brot gefragt. Es ist dann meist so steinhart, dass wir das Brot im Malzkaffee eintauchen, damit es weich wird. Oft gehe ich auch mit meinen Freunden oder mit meiner Schwester zum Bauern. Wir singen vor deren Tür und halten ihnen einen Korb entgegen, damit sie uns etwas zu essen geben können. Aber manchmal bleibt uns auch nichts anderes übrig als zu klauen. Wir gehen in fremde Gärten und essen dort Kirschen, Äpfel und Pflaumen… .

Auch unser Lehrplan in der Schule hat sich verändert. Die Lehrer haben uns beigebracht, dass wir durch den Versailler Vertrag wirtschaftlich kaputt sind und daran seien nur amerikanische Juden Schuld. Dennoch wurden wir nicht wirklich zum Judenhass erzogen, wie andere in den nahe liegenden Städten. Denn bei uns gibt es keine Juden außer einen, der ein sehr alter Arzt ist. Für ihn interessiert sich sowieso keiner. 

Unsere Sportvereine haben sich auch sehr verändert. Früher hatten wir nur Fußball und Athletik. Nun haben wir Sportvereine mit Nazi Einfluss. Sie haben uns auf die SS (Schutz Staffel) und auf die SA (Sturm Abteilung) vorbereitet. Wir haben das Marschieren und Schießen gelernt. So ist unsere Schulzeit auch sehr politisch. Dennoch kann ich eine kaufmännische Lehre machen. Zwischen meinen Freunden und mir gibt es Berufswettkämpfe, jeder will der beste sein. Mit dieser Lehre habe ich eines der besten Leistungszeugnisse erreicht.

Während der HJ- Zeit ist es ziemlich schwer zu verreisen. Wir haben Verwandte in Rotterdam, Holland. Ich sollte sie alleine im November 1938 besuchen. Von dem Judenpogrom wussten wir nichts. So brauchte ich eine Genehmigung vom Reichsjugendführer Baldur von Schirach. Nach der Erlaubnis, Deutschland während der HJ zu verlassen, fiel mir schon in der ersten Bahnstation ein Schild auf. Auf diesem Schild stand: „Helft den jüdischen Flüchtlingen“. Daraufhin fragte ich meine Bekannten in Rotterdam. Sie waren sehr erstaunt darüber, dass ich nichts wusste, weil es ja in meinem Land stattfand. Sie erzählten mir von den Synagogenverbrennungen und von den grausamen KZs. Ich konnte das nicht glauben. Für mich war das alles nur eine Propagandalüge. So reiste ich kurze Zeit später wieder ab.

In Deutschland wieder angekommen, melde ich mich freiwillig bei dem Militär als der Krieg ausbricht, um das Land zu verteidigen. Man sagt uns, dass die Polen deutsche Grenztruppen beschossen haben. Ich bin gerade 21 Jahre…