Dieser Eintrag stammt von  Andre-Marcel Rios Baz (*1989)

Jugend im 3. Reich

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Behnke (*1921)

Heinrich Behncke wurde 1921 in Rothenburgsort geboren und wuchs dort in einem Arbeiterviertel auf.

Als Junge ging er in eine Wandergruppe, die sich Bündische Jugend nannte. Das war eine Möglichkeit, in der Freizeit etwas zu unternehmen, da es so gut wie keine Freizeitangebote gab. Mit 12 wurde seine Gruppe ohne Befragung vom Jungvolk/Pimpfe übernommen(1933). Ab diesem Zeitpunkt wurden regelmäßig Heimabende von "den deutschen Jungen" organisiert, denen man sich nicht entziehen durfte. Dort wurden Geländespiele vorbereitet und patriotische Lieder gesungen, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken.
Zur gleichen Zeit wurde der sogenannte Fahnenappell eingeführt. Vor dem Unterricht musste die gesamte Schule auf dem Schulhof zur Fahnenhissung antreten und das Horst-Wessel-Lied singen. Ein Teil der Schüler kam in Uniform zur Schule, das war aber keine Vorschrift.

Im allgemeinen bekamen er oder die Bevölkerung nur sehr wenig von der Judenverfolgung mit. Zwar sah man kleinere jüdische Geschäfte mit eingeschlagenen Fenstern oder das große Alsterhaus wurde umbenannt, da der vorige Name "Tietz", der Nachname des jüdischen Gründers, war, aber von Deportationen jüdischer Familien oder der Existenz eines KZ´s in Neuengamme, in dem die Leute bei menschenunwürdigen Bedingungen untergebracht und dann unwissend vergast wurden, wusste er zur Zeit des 3.Reiches nichts, denn die Schattenseiten von Hitlers Politik wurden konsequent verschwiegen.

Als er in die Lehre ging und Kaufmann lernte, musste er wie jeder andere auch seine Pflichten in der HJ nebenbei bewältigen.
Danach war es Pflicht, in den Arbeitsdienst zu gehen. Dort arbeitete man von morgens bis abends in großen Gruppen, zum Beispiel an Autobahnen. Er half mit in Ostfriesland, das Emsland trocken zu legen.

1940 wurde er als Sturmschütze an der Ostfront eingesetzt, wo er in vier Jahren drei mal leicht bis mittelschwer verwundet wurde. Nach ungefähr einem Jahr Kriegsaufenthalt saß er an einem friedlichen Morgen in der Nähe von Minsk, am Rande des Stützpunktes, in seinem Patrouillenfahrzeug, als eine Gruppe gut gekleideter Zivilisten vorbeikam. Die Soldaten hatten auf das Erkennungszeichen ihrer Division, einen gewölbten Anker, da sie aus Hamburg kamen, Hummel-Hummel geschrieben. Daraufhin fragte einer der Zivilisten, ob er aus Hamburg komme. „Vom Rothenbaum“ antwortete er und fragte nach Zigaretten. Er wollte den Leuten gerade welche geben, als er von der Wachmannschaft daran gehindert und sofort zur Seite genommen wurde. Er sollte sich sofort bei seiner Einheit zwecks Bestrafung melden, so hieß es. Dort erfuhr er dann, dass es sich um deutsche Juden handelte. Ihm wurde auch gesagt, dass er in der Einheit nicht darüber reden sollte, wenn er nicht vors Kriegsgericht wolle.
Das war mit 20 Jahren und er meinte, das wäre das erste Mal gewesen, dass er mitbekam, dass man so schnell Probleme bekam, wenn man mit Juden zu tun hat.

1944, also mit Ende des Krieges, wurde er, wie viele andere auch, in russische Gefangenschaft genommen. Die gefangenen deutschen Soldaten wurden zu Tausenden in Güterwaggons in Richtung Osten, zum Beispiel nach Nowosibirsk, in Arbeitslager gebracht ."Vor allem die Älteren hatten größere Probleme, mit den herrschenden Umständen zurechtzukommen und sind deshalb eher daran zugrunde gegangen. Sie mussten praktisch Tag für Tag um ihre Essensrationen kämpfen."

Nach seiner Entlassung kehrte er zurück nach Hamburg, wo er glücklicherweise über seinen Onkel direkt den Kontakt zu seiner Familie fand, die zum Teil notgedrungen wegen Bombardierungen umziehen musste. So konnte er nach recht kurzer Zeit der Arbeitslosigkeit einen Aushilfsjob auf dem Bau annehmen. Nach zwei Jahren bekam er endlich eine Anstellung in einem Handelshaus in der Registratur als Handelskaufmann, wo er sich langsam nach oben arbeiten konnte und letztendlich erst seit 1992 im Ruhestand lebt.