Dieser Eintrag stammt von Ina Rissling(*1989)

„Singen war mein Lebensinhalt“

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Eva-Maria Nowottny (*1914)
Eva- Maria Nowottny in der Zeit der Hitlerjugend 1935-45 

Schon als ich klein war, liebte ich das Singen. Ich sang immer und überall. So schloss ich mich dem „Mädchenbund Königin Luise“ an, der dann in die Hitlerjugend zwangsweise eingegliedert wurde. Als dann die Hitlerjugend kam, war ich etwa 17 Jahre. Die erste Zeit der HJ imponierte mir, aber mit der Zeit entsprach es nicht meinen Vorstellungen. Der Leiterin gefiel das System der HJ auch nicht. Sie sagte zu mir, dass ich es ändern könne. So ging ich dann zur Ballgymnastik, zum Basteln und zum Chor.
Dort lernten wir Kartenlesen und wir alle belegten einen Erste-Hilfe-Kurs. Ich suchte die Gesellschaft, wo ich meinen Interessen nachgehen konnte. Ich ging gerne dort hin.
Später sollten wir soziale Dinge tun, wie Kindern aus ärmlicheren Familien Essen geben. So aß ein Nachbarsjunge bei uns zum Abendbrot.


Tanzen in der BDM

Später leitete ich als Musikreferentin die verschiedenen Musikwochenenden von Hamburg bis Dänemark, wo an den „Offenen Singen“ auch die Eltern teilnahmen.
Meiner jüdischen Tante gefiel meine Arbeit sehr. Ich sollte keine Probleme wegen ihr haben, weil sie Jüdin war, und so sollte meine Mutter mir nichts davon erzählen. „Wir tun doch nichts Böses und trotzdem werden an uns schlimme Dinge gemacht.“, sagte meine Tante. Sie verstand die Maßnahmen gegen die Juden nicht. Meine Mutter hielt ihr Wort und schwieg mir gegenüber.

Heinrich Spitta war damals ein großer Musiker. Otto Jochum, der Bruder des berühmten Dirigenten Eugen Jochum (Schüler von Furtwängler), leitete auf den Braunschweiger Musikwochen der HJ die Stimmbildung. Außerdem arbeitete ein Professor Abendrot mit dem Orchester, wie Bernstein mit dem Schleswig-Holsteinischen Jugendorchester. Wie sollten wir ahnen, dass die HJ etwas Schlimmes sein sollte. So dachten wir uns: „Wenn solche Berühmtheiten in der HJ Mitglieder sind, dann muss es etwas Gutes sein.“ Am Ende dieser Woche gaben wir ein Abschlusskonzertsingen auf dem Platz des Reichsausbesserungswerks zwischen einer großen Lokomotive und Waggons für die Belegschaft und die Gäste. Das war ein schöner Moment.
Bald lernte ich meinen Mann kennen, der ebenfalls die Musik sehr geliebt hat. Wir heirateten und bekamen zwei Töchter.

Dies war die glücklichste Zeit meines Lebens. Jedoch als der Krieg anfing, begann für viele eine schreckliche Zeit. Es kam mir so vor, als ob wir aus einem wunderschönen Traum aufwachten und in die Augen der schrecklichen Wirklichkeit sahen.
Der Schrecken begann, als mein Mann den Gestellungsbefehl im August1939 bekam. Er war Reserveoffizier und sollte in eine Kaserne. Einen Monat später begann der Krieg. Hitler arbeitete auf den Krieg hin und hatte so alles schon vorbereitet.

Später sollten meine jüdische Tante und ihre Schwester nach Minsk und in einer Munitionsfabrik arbeiten. An der Moorweide am Dammtor wollte meine Mutter sich von ihnen verabschieden. Dort kam ein Offizier hektisch und schnell auf meine Mutter zu und wollte sie forttreiben. Sie erwiderte jedoch: „Aber hören Sie mal! Ich möchte mich nur von meinen Bekannten verabschieden. Das wird doch noch möglich sein.“ Der Offizier sagte nichts weiter. Er ging, so wie er gekommen war, wieder zu der Menge zurück. Meine Mutter verabschiedete sich von ihnen und wir sahen sie nie wieder.

In Bergedorf hat man die Vertreibung und Diskriminierung der Juden nicht mitbekommen. Wir wussten weder was ein KZ ist, noch dass es in Neuengamme eines gab. In meiner Familie kam dieses Thema nie ins Gespräch, obwohl ich eine jüdische Tante hatte.


Eva-Maria Nowottny mit 17 Jahren

Kurz vor dem Ende des Krieges bin ich in das jüdische Zentrum in Hamburg gegangen. Dort wurde eine Gedenkstunde für die Verstorbenen gehalten. Ich brachte ein Rosenstöckchen mit. Viele Menschen waren dort und legten Blumen auf das Mosaik. Ich drang zum Mosaik vor und setzte mein Rosenstöckchen direkt in die Mitte. Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Hier erfuhr ich von dem Tod meiner Tante und ihrer Schwester in Riga. Dann wurde ich zum Lesepult gebeten und sollte die Namen meiner Bekannten vor Gott aufrufen. Dabei liefen mir die Tränen über die Wangen.

Im Winter 1944/1945 fiel mein Mann vor Moskau. Nur durch Zufall erfuhr ich davon. Im selben Winter verlor ich meine jüngste Tochter. Es gab im Krieg keine gute ärztliche Versorgung, geschweige denn Medikamente.

Damit meine andere Tochter und ich auf andere Gedanken kommen konnten, luden unsere Freunde uns nach Falkensee ein. Mein Gastgeber hatte die Aufforderung, an einer Gerichtsverhandlung von Freisler teilzunehmen. Er fragte mich, ob ich mitgehen wolle. Ich ging mit ihm.
Ein alter Professor wurde von einer Krankenschwester angeklagt. Er sagte im Lazarett zu den Soldaten: „Ihr haltet eure Knochen für etwas hin, was keinen Bestand hat und geht in den Tod.“ Wegen „Wehrkraftzersetzung“ wurde er zum Tode verurteilt. Er tat mir unendlich Leid.
Wie ich später erfuhr, war es nur eine Scheingerichtsverhandlung, wie viele andere zu dieser Zeit auch. Das Urteil stand schon vor der Gerichtsverhandlung fest.

Denke ich heute an die Zeit, dann ist es für mich einfach unfassbar. Was konnten wir jedoch dagegen tun? Rein gar nichts. Und das ist das schlimmste. Der Krieg war zu Ende. Eine Erlösung? Nein. Es war keine Erlösung für mich. Das Vaterland war zerstört, genauso wie viele Familien. Die Angst vor der Zukunft war groß.