Dieser Eintrag stammt von Roland Walter (* 1983) aus Hamburg. 25.05.2000

Alltag im III. Reich 
von Aneliese W.

November 1944, Mittags

Meine Mutter sagte zu mir: "Bitte nimm dein Fahrrad und fahr nach Vierlanden und geh Kartoffeln holen. Und bitte pass auf, dass du vor der Dunkelheit wieder zu Hause bist."  Ich nahm also mein Fahrrad und machte mich auf den Weg. Ich wusste, dass unsere Vorräte nicht gerade groß waren und die Bauern in den Vierlanden hatten ja auch nichts zu verschenken. Meine Mutter improvisierte zu dieser Zeit schon so viel. Sie machte aus ein wenig Stärke und einem Ei ein Essen,  das für die ganze Familie reichte (immerhin 5 Personen) und zumindest satt machte. Der Mangel war überall zu spüren. Man zog sogar unseren Heißwasserboiler ein, um die Rüstung mit allen Mitteln zu unterstützen. Als ich bei  unserem Bauern angekommen war,  fragte ich ihn, ob er einen kleinen Sack Kartoffeln entbehren könne. Er bedauerte und meinte,  dass er selbst durch die magere Ernte nicht viel hätte. Er schickte mich aber zu einem anderen Bauern, der seiner Meinung nach eine reichhaltigere Ernte hatte.

Ich fuhr also weiter, obwohl ich eigentlich schon auf dem Rückweg sein sollte, weil die Dämmerung nun langsam einsetzte. Mein Fahrrad hatte kein Licht. Als ich bei dem Bauern ankam,  war er noch auf dem Hof und fütterte die Schweine. Ich sprach ihn an und er erschrak heftig. Ich fragte ihn,  ob er einige Kartoffeln für mich hätte. Er nickte und meinte, dass er mir einen kleinen Sack geben könne. Ich machte mich mit dem Sack, für den ich dem Bauern eine Flasche Wein gab, auf dem Gepäckträger also auf den Rückweg. Plötzlich traf ich auf einer Kreuzung, ich weiß nicht mehr welche, auf eine Nachtstreife. Der Mann meinte zu mir, was ich so spät noch draußen mache. Ich war erst 15 Jahre alt und der Polizist meinte, dass ich eigentlich nicht mehr draußen herum laufen sollte. Er fragte mich, wo ich wohne und ich wusste, dass wenn ich ihm sagen würde, Bergedorf, dann würde er mich mit dem Polizeiwagen nach Hause bringen. Ich meinte also: "Ich wohne gleich da um die Ecke. Ich komme gerade von einem Nachbarn, von dem ich mir die Kartoffeln geholt habe." Er ließ mich passieren und ich konnte dann endlich nach Hause fahren. Ich erzählte alles meiner Mutter, und sie war froh, dass sie nun wieder einige Kartoffeln hatte, mit denen sie uns für einige Wochen etwas kochen konnte."