Dieser Eintrag stammt von Celina Romeikat (*1988) 

Leben in der Kriegszeit

Ergebnisse eines Interviews mit Herta Romeikat (*1922)

Wie alt waren Sie ungefähr in der Anfangszeit des Krieges und wo lebten Sie genau?
Am Anfang des Krieges war ich 17 Jahre alt und lebte in Hamburg/ Lohbrügge, im Kirschgarten. Dort hatten wir ein kleines Haus.

Wie waren Ihre Verhältnisse in Bezug auf Arbeit und Familie?
Ich wohnte zusammen mit meiner Mutter und 2 Geschwistern. Insgesamt hatte ich 7 Geschwister, doch 5 waren bereits ausgezogen. Später kam noch mein Mann dazu.
Mehrere meiner Schwestern hatten Kinder, die uns oft besuchten. Unser kleines Haus war immer voll mit Menschen, doch als der Krieg begann blieben alle in ihren Häusern und gingen nur heraus, wenn es dringend erforderlich war. Mein Mann hatte damals ein Motorrad, mit dem er immer nach Vierlanden fuhr und geplante Bombardements ankündigte. Er war der Einzige, der eine richtige Arbeit hatte. Dadurch herrschten sehr ärmliche Verhältnisse, da es uns oft an Geld mangelte. Dadurch kam es auch öfter dazu, dass wir von den Bauern Kartoffeln und Mohrrüben vom Feld geklaut haben.

Wie erging es den Kindern bei solchen Umständen?
Es war schwer für sie, aber auch schwer für uns. Öfters haben wir unsere Spielsachen selbst gemacht, weil wir uns keine neuen mehr leisten konnten. Aus Holz, Tannenzapfen oder kleinen Steinen konnte man selbst Puppen bauen oder mit Kieselsteinen Murmeln spielen.
Alle sind auch oft aufs Feld des Bauern gegangen, um sich dort Mohrrüben zu holen. Ach ja, aus Stöcken hatten sie sich auch noch selbst kleine Gewehre gebaut und haben mit den anderen Kindern Soldaten gespielt.

Warum haben Ihre Kinder "Soldaten" gespielt?
In der Kriegszeit wollten die Kleinen auch Soldaten werden, so wie ihre Väter oder Verwandten. Sie sahen immer zu ihnen hinauf und wollten so werden wie sie.
Vielen Kindern wurde von Anfang an eingeredet, dass sie auch mal ein starker Mann werden würden und das eigene Land verteidigen könnten. 
Als damals Hitler an die Macht kam, sah meine Mutter einen gar „Heiligen“ in ihm, da er Arbeit versprach. Trotzdem aber wollte sie den Kindern nicht einreden etwas zu tun, was sie nicht freiwillig tun wollten. Denn Hitler forderte immer die Menschen dazu auf, sich kraftvoll für ihr Vaterland einzusetzen.

Wie war Ihre persönliche Einstellung zu Hitler?
Anfangs war Hitler ein Mann wie jeder andere, wobei wir das Gefühl bekamen, er würde uns Menschen Arbeit verschaffen. Er versprach immer das Beste.

Ahnte Ihrer Meinung nach niemand etwas von Hitlers Diktator-Plänen?
Ich denke, am Anfang ahnte niemand etwas, doch zu später wussten es alle, taten aber nichts. Eine meiner Schwestern lebte neben dem heute noch bestehenden KZ Neuengamme. Damals wusste niemand, dass Hitler dort Juden umbringen und verbrennen ließ. Wir gingen davon aus, es wäre ein Arbeitslager um Menschen Arbeit zu verschaffen. Wir wunderten uns bloß, was sie dort im KZ verbrennen, denn es gab weder Holz noch Kohle zum Heizen. Es stießen allerdings große Rauchwolken aus den Schornsteinen auf, was uns sehr seltsam vorkam. Außerdem gingen viele Menschen dort hin, kamen aber nie wieder dort heraus. Wir ahnten Schreckliches, doch war dieser Gedanke zu grausam um ihn wahrhaben zu wollen. Die Angst machte sich auch breit, da die „SS“ die Menschen bestrafte oder gar umbrachte, wenn sie etwas gegen Hitler sagten.

Haben Sie selbst Erfahrungen mit der "SS"?
Ja, das habe ich leider. Die „SS“ verhaftete meinen Mann und schoss ihm in sein Bein, weil er ihr "Heil Hitler" nicht erwiderte. Er kam jedoch zum Glück ein paar Tage später wieder nach Hause.

War dies Ihr schrecklichstes, persönliches Erlebnis im Krieg?
Nein, bei weitem nicht. Es gibt viele schrecklichere Dinge zu erzählen. Ein Vorkommnis war zum Beispiel die mehrfachen Vergewaltigungen meiner Schwester durch englische Besatzungsmitglieder. Es war schrecklich. Außerdem wurde das Haus einer guten Freundin bombardiert und vollkommen zerstört. Ich habe sie nie wieder gesehen...

Aber Sie persönlich haben keine Bombardements auf Ihr Haus erlebt?
Nein, zumindest nicht mit Sprengstoffbomben. Es gab Tiefflieger die über uns brennendes Phosphor abwarfen. Es war wie in einem Traum, einfach unfassbar. Ehe man es realisierte war es zu spät. Unser Scheunendach ging in Flammen auf, die Bäume, Büsche und Gräser brannten, selbst die Pferde eines Nachbarn fingen Feuer und liefen brennend über ihre Koppeln. Ich werde nie den Anblick meiner lieben Nachbarin vergessen, die mit ihrem Kind draußen am Haus lehnte. Ihre Haut und auch die des Jungen waren über und über mit Brandwunden übersäht. Ihre Klamotten hingen nur noch als Fetzen an ihnen herunter. Der Kleine schrie so fürchterlich, es wird nie aus meinen Ohren verschwinden. Dabei gab es doch normalerweise immer Warnungen, sobald Tiefflieger in Sicht waren, damit man in die Schutzbunker fliehen konnte.

Haben Sie sich oft in Schutzbunkern aufgehalten?
Nein, ich habe es dort nicht ausgehalten. Eine heiße, stickige Luft mit durchdringenden, ängstlichen und wispernden Stimmen die Gott anbeteten, es möge ihnen nichts passieren. Keinen Freiraum, kein Licht, keine ruhige Minute in der man hoffnungsvoll die Augen schließen konnte. Ich habe mich am liebsten draußen aufgehalten, auch wenn es sehr gefährlich war.

(Interview musste abgebrochen werden, da Herta R. sich nicht mehr im Stande fühlte, etwas über die Kriegszeit zu erzählen.)