Dieser Eintrag stammt von Ronja Dobrindt

Erich ist tot!

4 Jahre dauerte der 2. Weltkrieg bereits, als der Bruder meiner Oma Karl Holst, auch Kalli genannt, zur Grundausbildung in die Kasernen nach Bad-Schwartau musste. Ihr anderer Bruder Erich war bereits schon im Krieg. Keiner wollte es, aber es musste so sein. Damals war er 19 Jahre alt. Nach drei Wochen musste er zur Ostfront, um dort Funker zu sein. Regelmäßig bekamen meine Oma und ihre Eltern Briefe von ihren beiden Brüdern/Söhnen, in denen aber nie irgendwelche Informationen über Geschehen oder Vorhergehensweise stehen durften. Doch am 20.Juni 1942 fiel Kalli vom Funkturm, den die Russen angesägt hatten, und musste ins Lazarett. Weil seine Kompanie weiter zog und er bei seinen Kameraden bleiben wollte, blieb er dort aber nur drei Tage und erklärte sich freiwillig für gesund. Den letzten Brief schrieb er am 24. Juni 1942, in dem stand, dass er sich von nun an nicht mehr so häufig melden kann, da das Verschicken von Feldpost stark eingeschränkt wird. Eines Morgens hörte meine Oma plötzlich einen schrecklichen Schrei von ihrer Mutter. Sofort lief sie aus ihrem Zimmer in den Flur. Ihre Mutter stand geschockt, mit Tränen in den Augen, in der Eingangstür. In der Hand hielt sie einen hellblauen Brief mit schwarzer Umrandung. Damals wusste meine Oma (sie war 13 Jahre alt) nicht, was das bedeutet. Dann schrie ihre Mutter verzweifelt „Erich ist tot!“ und öffnete den Brief, in dem folgendes stand:

am 26. Juni 1942

Sehr geehrter Herr Holst!
Als Kompanienführer erfülle ich die traurige Verpflichtung, Ihnen anzuzeigen, dass ihr Sohn, der Funker Karl Holst, am 23. Juni gegen 22.00 Uhr bei einem Bombenangriff russischer Flieger auf unserer Stellung den Heldentod für den Frieden unseres Volkes gestorben ist. Er wurde mit neun Kameraden auf dem Heldenfriedhof in Schtschigry – einer kleinen Stadt an der Bahnstrecke kurz nach Woronesk – am 24. mit militärischen Ehren beigesetzt. Ich spreche Ihnen und Ihrer Frau, zugleich im Namen aller Angehörigen der Kompanie, unser tiefstes Mitgefühl aus. Wir sind uns bewusst, dass dieser Verlust Sie sehr hart trifft. Möge es Ihnen ein Trost sein, dass er sein junges Leben gab für ein größeres Deutschland und den Frieden der Heimat. Die Kompanie verliert in dem Gefallenen einen guten Soldaten und Kameraden, der wegen seines frischen Wesens und seines aufrichtigen Charakters bei allen geschätzt und beliebt war. Der Nachlass ihres Sohnes geht Ihnen in nächster Zeit zu. Ein Lageplan der Gräber und eine Aufnahme werden Ihnen später zugeschickt.“ 

Dr. Weure Oberleutnant

Aber es war nicht Erich, wie alle dachten, da dieser sich länger nicht gemeldet hatte. Es war Kalli. Er fiel am Tag seines 20. Geburtstages, kurz nachdem er seinen letzten Brief abgeschickt hatte. Die Mutter meiner Oma brach in Tränen zusammen. Monate lang konnte sich die Familie nicht erholen. Bis heute hat meine Oma noch diesen schrecklichen Schrei in den Ohren. Sie wird ihn wohl auch nie vergessen.