Dieser Eintrag stammt von Maria Roth (*1988)

Wenig zu Essen und doch glücklich

Ergebnisse eines Interviews mit Katharina und Peter Roth über die Zeit 1933- 1945

Katharina R.: Wir wurden 1941 aus unserer Heimat, die deutsche Republik Wolga, nach Sibirien umgesiedelt. » Der Grund: Im Juni 1941 überfielen Deutsche Truppen die Sowjetunion. Daraufhin wurden wir Wolgadeutschen kollektiv der Kollaboration beschuldigt. « 
In Sibirien gab es für uns damals außer Brot, Kartoffeln und Kraut fast nichts anderes zu Essen. Und weil uns die nötige Kleidung fehlte konnten wir nicht zur Schule gehen. 
Schule wurde durch „Arbeit gehen“ ersetzt. Ich stand um 4:00 Uhr morgens auf, putzte in einem Gebäude und sorgte dafür, dass alle dort tätigen Erwachsenen warme Räume vorfanden. Zum Anheizen des Ofens hackte ich das vorhandene Holz in kleinere Stücke. Nach getaner Arbeit ging ich von Haus zu Haus mit einer Namensliste um den Tätigen ihren Arbeitseinsatz zu übermitteln. Mein Weg von Dorf zu Dorf betrug zirka 2 Kilometer. 
In der Familie versuchten wir ein stetes Zusammensein aufrecht zu erhalten. Gesprächsinhalte blieben unter uns. Mir ist nicht bekannt, dass an „Fremde“ kritische Gesprächsinhalte weiter übermittelt wurden. Kranke fanden selten ärztlich Hilfe.
Bei uns gab es keine Kriegsfront. Sieg oder Niederlage sowjetischen Soldaten spürten wir aber am eigenen Leibe und zwar anhand von Sanktionen durch die Parteikader.
Damals haben alle gesagt: “Krankheit, Krieg und Hungersnot sind genug!“

Von 1941- 1956 unterstanden wir einer Kommandantur, die fast alles bestimmte. Beispielsweise durfte man sich ab 22:00 Uhr nicht mehr außerhalb seiner Wohnunterkunft aufhalten. Ausnahmen mussten vom Kommandeur genehmigt werden. Mir kam es öfters so vor als würde ich in einem großen Gefängnis leben. Gedanken über die Zukunft, so glaube ich, haben sich die meisten Leute wohl nicht gemacht; hingegen dachte niemand ans Aufgeben. Umsiedler lebten damals quasi von Tag zu Tag. Zusammenhalt und gegenseitig unterstützt aber waren selbstverständlich. Es wurde im Kollektiv gearbeitet. Immerhin gab es als Belohnung für gute Arbeit hin und wieder gebackenes Haferbrot, das allerdings oft schon völlig veraltet und verhärtet war. Kinder bekamen 200g und Arbeiter 400g Brot pro Tag. 
Zusammenfassend kann ich also sagen: „Alle in unserem Dorf mussten Armut und Einschränkung 15 Jahre lang uneingeschränkt hinnehmen.“ 

Peter R.: Ich war damals noch keine 14 Jahre alt, da habe ich in Sibirien Schafe auf einer weitläufigen Grasweide gehütet und zwar barfuss. Bis zum 18. Lebensjahr hatte ich nur ein Paar Schuhe gehabt, die ich noch dazu quasi schon bei meiner Geburt von meiner Mutter geschenkt bekommen hatte.
Umsiedlungskinder gingen allgemein nicht zur Schule, somit lernte auch ich weder lesen noch schreiben. Ich kann nur soviel lesen und schreiben wie es mir meine Mutter beigebracht hatte. Als wir nach Deutschland kamen, lernten meine Frau und ich die deutsche Sprache etwas ausführlicher mit Hilfe unserer Tochter. 
Mein Vater war ein richtiger Spaßvogel. Seinen Humor habe ich wohl schon bei meiner Geburt geerbt. Mein Spruch: „Lesen und Schreiben kann ich nicht, aber Lügen wie gedruckt!“
Eine kleine sich tatsächlich zugetragene Geschichte aus meiner „reifen“ Frühzeit möchte ich noch erzählen: „Es kam die Zeit da wollte ich unbedingt heiraten, hatte aber keine Braut. Eines schönen Tages, ich kam gerade von der Arbeit, da war ein junges Fräulein vom anderen Dorf gekommen die ebenfalls einen Bräutigam suchte. Wir sahen uns nur an und waren sofort auf dem ersten Blick in einander verliebt. In aller Kürze haben wir dann geheiratet.“ Und was soll ich sagen: „Das war der Anfang vom Ende!“ Jetzt leben wir schon 54 Jahre zusammen. Wir haben 8 wunderbare Kinder. Und heute besteht unsere gesamte Familie aus 42 Personen! Ist das nicht prima.

Katharina R.: Ich hatte nie gedacht, dass es auf unserem Tisch jemals mehr geben wird, als Brot, Kartoffeln und Kraut. 
Wir sind jetzt glücklich und freuen uns, dass alle gesund und zufrieden sind. Natürlich hoffen wir, dass es keinen Krieg mehr gibt.