Dieser Eintrag stammt von Maria Roth (*1988)

Flüchten von Ort zu Ort

Ergebnisse eines Interviews mit Carla Groß (*1930 in Berlin)

Mein Vater war im ersten Weltkrieg Soldat gewesen und meine Mutter lernte ihn dann auch als Soldaten kennen. Ich bin als Einzelkind behütet aufgewachsen. Auch meine Spielkameraden hatten meistens keine Geschwister. Mit 6 Jahren begann für mich, wie allgemein überall in Deutschland, die Schulpflicht. Alle Kinder wurden in Berlin zuerst in eine Volksschule eingeschult. Bereits 1941 wurden schon vereinzelt Bomben der Alliierten über unsere Stadt abgeworfen. Vor 1941 besuchten wir oft unsere Großeltern in Dresden. Als meine Mutter nicht mehr mit dem Zug mit mir fahren konnte, fuhr ich alleine nach Dresden, wo mich dann meine Großeltern vom Bahnhof abgeholten. Damals war ich 7 oder 8 Jahre alt. Es war für mich jedes Mal ein tolles Erlebnis alleine nach Dresden zu fahren; bereits zu Hause wurde mir ein Namensschild mit Reisezielangabe umgehängt. 

Als sich die Luftangriffe über Berlin verstärkten, da wechselte der Schulbeginn stetig. Dabei waren Fehlalarme, die uns quasi zu einem unnötigen Handeln zwangen, keine Seltenheit. Die Gefahr durch Bombenabwurf zu Schaden zu kommen wuchs von Tag zu Tag. Zeitweise wurden wir deshalb bei einer Familie auf dem Land untergebracht. Bei der Landfamilie gefiel es uns so gut, dass wir zu Weihnachten und Neujahr 1941/42 dorthin zurückkehrten.
Während des Landaufenthaltes ging ich zur Dorfschule. Alle achten Klassen waren dort in einem einzigen Raum untergebracht. Trotz herrschender Enge fühlte ich mich pudelwohl. 
Nach Ende meiner Schulzeit und musste ich anschließend sofort mein Pflichtjahr zusammen mit anderen Mädchen in einem Schulinternat ableisten. Wir haben dort unter anderem viele schöne Lieder gesungen und Gedichte gelernt. Übrigens von einem Lied kenne ich immer noch die ersten Strophen:
Der helle Tag ist aufgewacht, nun lasst die Träume in der Nacht, der Morgen bricht in die Täler, der Morgen singt, dass die Erde klingt, der Morgen bricht in die Täler. Einen Sack voll Hafer für mein Pferd, was kümmert mich ein warmer Herd. Die Welt ist weit und wir reiten, der Himmel ist weit und wir reiten. Der Morgen ist meine Freude, da steig ich in stiller Stund’, auf den höchsten Berg und schau’ in die Weite, grüß ich dich Deutschland aus Herzensgrund. Die früheste Stunde am Morgen, ist größer als Lust und Schmerz. Werft von euch Kummer und Sorgen, schenkt dem Tage ein fröhliches Herz. 

Ab März 1944 sind wir wegen der sich häufenden Luftangriffe nach Prag geflüchtet, wo wir bis Mitte Oktober blieben. Von Prag wichen wir zu meiner Tante und meinem Onkel ins Erzgebirge aus. Dort konnte ich dann auch mit meiner Kusine bis 1946 zusammen sein.
Zusammenfassend möchte ich doch sagen, dass die Zeit von 1933 - 1945 für meine Eltern nicht einfach waren. Meine Mutter als Halbwaise, war sehr schüchtern und ängstlich, hatte ab 1939 alleine für mich zu sorgen und dieses war in Berlin unter Kriegsbedingungen nicht einfach. Für mich als Kind waren die oft durchgeführten örtlichen Veränderungen trotzdem äußerst interessant.
Es gab auch Familien, deren Väter nicht Soldat werden brauchten, dieses war meistens der Fall, wenn sie beispielsweise in der Rüstungsindustrie arbeiteten.

Bis 1939 waren wir eine gut bürgerliche Familie. Sonntags gingen wir in den botanischen Garten, in eines der vielen Berliner Museen und in der Weihnachtszeit ins Theater und in die Oper. Im Krieg wurde übrigens sehr viel Theater gespielt, um die Menschen abzulenken. Die Kinos und Musikveranstaltungen waren gut besucht. Meine Mutter ging nur mit meinem Vater aus. Die Schwiegereltern und Geschwister meines Vaters lebten in Dresden.
Weil damals für meinen Vater unserer Sicherheit über alles ging, verbrachten wir viel Zeit auf dem Lande, wo meine Mutter dann arbeiten musste. Meiner Mutter, die die ungewohnte Landarbeit auf dem Dorfe gemeistert hat, gebührt heute noch meine Anerkennung. 
Von dem Attentat am 20. Juli 1944 auf Hitler haben wir nichts gehört. 

Die Zerstörung Dresdens (13./14.Februar 1945) konnten wir vom Erzgebirge aus direkt beobachten, denn die US- Flieger flogen im Geschwader in Sichthöhe über unsere Dörfer hinweg. Erst nach Tagen konnten wir eine Nachricht von meinen Großeltern erhalten und wir freuten uns sehr, dass sie unverletzt geblieben waren. Als die erste Bahn wieder fuhr brachte meine Mutter meinen Großeltern Lebens-mittel und sie war entsetzt über die gewaltige Zerstörung der einst so schönen Kulturstadt an der Elbe.

Als Ende März 1945 die ersten Verbände der Roten Armee mit ihren Panzern ins Erzgebirge eindrangen, da hatte bereits vorher das Flüchten deutscher Bürger eingesetzt. Wir warteten im Erzgebirge auf das Kriegsende.

Anfang Mai 1945 war es endlich soweit: Das Flüchten von Ort zu Ort und der 2. Weltkrieg waren beendet.