Dieser Eintrag stammt von Nathalie Ruda (*1991)

Unser Überleben der Kriegszeit

Erinnerungen von Frau S. (*1938) an diese Zeit.

Frau S. wurde 1938 in Posen geboren. Sie war das dritte Kind und ihr Vater arbeitete in einer Gasfabrik als Nachtwache. Als sie ein Jahr alt, war brach der Krieg aus. Daher kann sie sich an die Kriegszeit nicht mehr erinnern. Jedoch sind ihr einige besondere Ereignisse in Erinnerung geblieben. Die Bedeutendsten werden im Folgenden dargestellt:

In einer Nacht 1939 gab es wieder einmal einen Fliegeralarm. Zum Schutze der Fabrik und vor allem zum Schutze von Czempiń (Stadt in Polen) schaltete ihr Vater die Maschinen aus. 
Ein Nachbar, der ihm schon immer schaden wollte, beschuldigte ihn der Sabotage. Daraufhin wurde der Vater verhaftet und in ein Konzentrationslager nach Dachau in Oberbayern gebracht. 

Er wurde von seinen drei Kindern und seiner damals schwangeren Frau getrennt.
Den Neugeborenen nannte ihre Mutter Bolek, was auf Deutsch Schmerz bedeutet.
Dies war der Anfang einer schweren Zeit für die Familie von Frau S., da ihre Mutter nun vier Kinder alleine zu ernähren und zu erziehen hatte.
Doch sie war eine starke Frau und begann kurz nach der Geburt von Bolek mit der Arbeit in einer Wäscherei. Dies war eine sehr harte Arbeit, weil man zu dieser Zeit die Wäsche noch auf Waschbrettern gewaschen hat. Frau S. kann sich sehr gut an die Finger ihrer Mutter erinnern, die sich durch die Arbeit in der Wäscherei ganz verkrümmt hatten und sich nicht mehr strecken ließen. Neben der Wäscherei arbeitete ihre Mutter auch noch als Putzfrau in einem Kino und ebenfalls als Putzfrau bei einer deutschen Familie. Durch die Arbeit im Kino erhielt sie viele Freikarten, dadurch konnten die Frau S. mit ihren Geschwistern einige Vorstellungen besuchen. Sonst befand sich Frau S. mit ihren Geschwistern, während die Mutter arbeitete, zu Hause. Es war eine schwere Zeit für meine Uroma, betont Frau S. deutlich. Allein mit der Ungewissheit zu leben, ob ihr Mann jemals wiederkommen würde. 

Um 1945, als die Russen kamen, flohen viele Deutsche, darunter auch die deutsche Familie, bei der die Mutter von Frau S., arbeitete. Diese Familie mochte Frau S. sehr gerne und sie wollten sie unbedingt mitnehmen. Ihre Mutter wollte ihr Kind aber unter keinen Umständen weggeben, egal wie hart es noch werden würde. Also ließ sie sich etwas einfallen: Kurz bevor die deutsche Familie kam, um Frau S. abzuholen, kniff ihre Mutter sie so doll, dass Frau S. anfing stark zu weinen. Das Weinen nutzte sie dann als überzeugendes Argument dafür, dass Frau S. nicht weggehen mochte und da die Familie nicht herzlos war, ließen sie Frau S. bei ihrer Mutter. 
Damit hat die Mutter von Frau S. wahrscheinlich das Leben gerettet, da viele der Geflohenen die Flucht nicht überlebten. 

1945 wurden die Überlebenden aus dem KZ-Lager von den Amerikanern befreit. Der Vater von Frau S. war einer der wenigen Überlebenden und konnte heimkehren. 

Die Erzählungen ihres Vaters:
Die Zeit im KZ war eine schreckliche Zeit. Zweimal wollte er nicht mehr weiterleben und stand vor dem elektrischen Lagerzaun. Er bot eine Möglichkeit, sich das Leben zu nehmen. Er tat es aber zum Glück nicht.
Er ließ sich nicht unterkriegen und scheute keine Arbeit, was ihm das Leben rettete. Denn nur Fachkräfte und Leute, die viele und gute Arbeit verrichteten, wurden am Leben gelassen.
Der Vater von Frau S. und sein Freund, Jozef Tomiczek, gehörten zu einer guten Arbeitsgruppe und überlebten daher die Zeit im Konzentrationslager. Es war eine Zeit der Angst, ob man am nächsten Tag noch am Leben sein würde. Jeden Tag stand er und die anderen Gefangenen mit gemischten Gefühlen draußen auf einem großen Platz. Jeden Tag wählten die Offiziere die weiteren Opfer für die Gaskammer aus. Also die Nächsten, die den folgenden Tag nicht mehr erleben würden….

Mehr weiß Frau S. nicht, weil ihr Vater nicht mehr darüber erzählte. Es war für ihn eine Zeit des Terrors und er wollte sie vergessen und sich nicht an sie erinnern.
Von diesem Zeitpunkt an nahm das Leben von Frau S. einen guten Verlauf. Beide Elternteile arbeiteten und sie hatten zu essen und ein Auskommen. Frau S. ging zur Schule und wuchs zu einer Frau heran. 

Auf dem folgenden Foto ist ein Freund, von dem Vater von Frau S., der in zwei Konzentrationslagern war, abgebildet. So ein Foto ließen sich viele der KZ-Überlebenden zur Erinnerung machen.

Die Rückseite des Fotos:

 

Übersetzung des Textes:

Zur Erinnerung an das harte Hitler-Konzentrationslager.
Oświęcim Nr.1165 Mauthausen
Nr.2569 von 1939 bis 1945 bis 
5.5.1945 Jozef Tomiczek

Erklärung zum Text:
Jozef Tomiczek war in zwei Konzentrationslagern in dem Zeitraum von 1939 bis zum 5.5.1945.
Einmal in Oświęcim ( deutsch Auschwitz; eine polnische Stadt in der Woiwodschaft Kleinpolen) unter der Nr.1165 und einmal in Mauthausen (Bundesland Oberösterreich) unter der Nr.2569.