Dieser Eintrag stammt von Sandra Neuwirth (* 1983) aus Hamburg

Erlebnisse  1933 - 1945

Johanna S. ist heute 71 Jahre alt. Als sie so alt war wie wir heute, war der zweite Weltkrieg bereits zu Ende.

Vor dem Krieg gingen ihr Bruder und ihre Schwester bereits früh zum Arbeitsdienst. Damals ging es ihnen allen noch gut.

Auch sie war, wie viele andere Mädchen, Mitglied beim BDM. In Bergedorf war in der Hinsicht eine Sondersituation, da die Führerpositionen anders als in Hamburg notenabhängig waren. Als sie einmal von der Schule kam, sah sie, wie ihr Vater einem Juden etwas zu essen gab. Als ihr Vater sie dann sah, ging er auf sie zu und stellte sie vor die Wahl ihn entweder ihrer Gruppenführerin zu melden oder die Sache für sich zu behalten. Daraufhin rannte sie auf ihr Zimmer, schloss sich ein, schmiss sich aufs Bett und weinte, weil sie nicht wusste, was sie machen sollte. Heute kann sie sich dass kaum noch vorstellen, aber damals war es für sie ein echter Interessenkonflikt. Ansonsten hatte sie die Juden aus dem KZ nur gesehen, wenn sie durch Bergedorf gingen. Für sie sahen sie immer wie Verbrecher aus Western aus. Sie wurden oft durch Bergedorf geführt. Einmal konnte sie sehen, wie jemand ihnen ein Stück Brot zuwarf und ein Häftling es an sich nahm. Er hatte Glück, dass er von den Aufsehern nicht gesehen werden konnte, da er günstig ging und die anderen ihn nicht verrieten. Ihre Gefühle den Juden gegenüber konnte sie nicht einordnen; es war teils Mitleid, teils Ablehnung. Später arbeiteten noch russische Kriegsgefangene im Kartoffelhandel in Bergedorf, die man dort sehen konnte.

Im Frühjahr 1939 wurde dann ihr damals 35-jähriger Bruder zum Wehrdienst eingezogen. Zu dem Zeitpunkt war sie gerade mal neun Jahre alt. Schon da sprach ihr Vater beim Mittagessen immer vom bevorstehenden Krieg. Die Reden des Vaters waren für sie immer sehr bedrückend. Zu der Zeit war das alles schwer vorstellbar.

Nach der Proklamation jedoch haben alle den Soldaten zugejubelt und die Panzer geschmückt. Der Aufmarsch in Bergedorf hatte ja auch wenig mit dem Krieg zu tun.

Wie viele andere Kinder damals auch, kam sie in die Kinderlandverschickung. Das erste Mal war sie im Kloster Ammersee. An die Zeit kann sie sich jedoch kaum erinnern. Das zweite Mal war sie in Bad Reichenhall. Dort waren etwa 350 Kinder, 90 davon aus Bergedorf. Von diesen 90 Kindern verloren alle ihr zu Hause, zwei sogar ihre Familien. Sie waren dort in einem Hotel untergebracht, das aus mehren Häusern bestand. In Bad Reichenhall feierte sie ihren 14. Geburtstag. Sie waren damals begeisterte Jungmädel, wie sie betont. Auch wenn man sich das, wie sie sagt, heute schwer vorstellen kann, haben sie damals für Hitler geschwärmt wie für einen Star. Sie haben ihm sogar Briefe geschrieben, die allerdings nie beantwortet wurden. Ansonsten haben sie mit den Jungmädel Ausflüge gemacht, einmal zum Beispiel nach Nürnberg zu einer Sportveranstaltung. Sie haben dort in Turnhallen geschlafen. Mit leuchtenden Augen versucht sie das Gefühl der Gemeinschaft zu beschreiben, kann es wie sie sagt aber nicht in Worte fassen.

Aus Bad Reichenhall musste sie aber 1943 wieder zurück, weil in der Gegend zu viel geschossen wurde. Alle Kinder, die zu dem Zeitpunkt zu Hause irgendwo untergebracht werden konnten, mussten abgeholt werden. Alle anderen wurden auf andere Lager verteilt. Sie wurde von ihrer Mutter abgeholt. Die Zugfahrt nach Hamburg dauerte über 24 Stunden.  Der Zug musste immer wieder anhalten, weil er beschossen wurde oder die Gleise schlecht waren. Als sie in Hamburg ankam und die ausgebombte Stadt sah, musste sie weinen. Noch heute steigen ihr beim Erzählen Tränen in die Augen.

Das Kriegsende hat sie in Bergedorf erlebt. Schon kurz nach Weihnachten fiel der Unterricht an sämtlichen Bergedorfer Schulen aus. Bergedorf wurde zur Lazarettstadt erklärt und sämtliche Schulen wurden in Lazarette umgewandelt. Die Krankenschwestern waren total überlastet und fielen nach und nach aus. So kam es, dass die 16-jährigen Mädchen als Rote- Kreuz Mädchen eingezogen wurden und als Vollkrankenschwestern arbeiten mussten. Zunächst hatten sie nur leichte Aufgaben zu erledigen wie Brote schmieren. Dann durften sie auf Station und amputierte Soldaten füttern. Sie mussten von zu Hause Bürsten und Seife mitbringen um die Uniformen zu reinigen. Beim Verbandszimmer-Dienst im ehemaligen Musikzimmer musste sie Mullbinden säubern und wieder aufwickeln. Danach musste sie Soldaten mit festhalten, bei denen leichte Eingriffe ohne Betäubung durchgeführt wurden.

Dann war sie in einer Lazarettküche zwischen Bergedorf und Börnsen, wo sie Kartoffelschälen gelernt hat. Einmal haben Tiefflieger auf einen Tank geschossen, der auf dem Hof stand, obwohl auf dem Dach der Schule ein rotes Kreuz war. Sie saß hinter dem Tank und hat Essen gemacht. In dem Tank war, entgegen der Annahme der Tiefflieger, kein Benzin. Wahrscheinlich wurde darin nur Gemüse oder so etwas aufbewahrt.

Danach war sie in der Brinkschule als Krankenschwester tätig. Dort waren die nicht ganz so schwer verwundeten Soldaten. Das war zu der Zeit, als Gauleiter Kaufmann das Ultimatum gestellt wurde, Bergedorf an die Engländer zu übergeben. Durch eine Verzögerung wurde Bergedorf von der Flak mit drei Salven beschossen. Dabei wurden sämtliche Fenster durch den Druck zerstört. Zur selben Zeit musste in der Brinkschule der Waschkessel gefeuert werden, um Grießbrei zu kochen. Einige Soldaten halfen den Mädchen dabei. Die Brinkschule war am schlechtesten mit allem ausgestattet. Als die Flak ballerte, war der Hof voller Soldaten, die die Mädchen runter in den Keller rissen. Bei dem Angriff wurde keiner durch Granatsplitter verletzt. Der Arzt schickte die Mädchen daraufhin nach Hause, damit auch die Eltern beruhigt waren. Das Sachsentor, durch das sie nach Hause ging, war voller Scherben.

Später musste sie in den Vierlande noch Glasscherben aus den Beeten sammeln. Dabei wurden sie auch beschossen. Die Gefahr bei der Arbeit haben viele einfach hingenommen.

Sie hat, wie viele andere junge Leute auch, bis zum Schluss an den Sieg geglaubt. Nach der Kapitulation waren sie wütend auf ihre Eltern und Lehrer. Sie waren überzeugt davon, dass es nicht angehen konnte. Die Enttäuschung war so groß, dass Hamburger Kinder sogar in den Untergrund abtauchten. Bei der Hitlerjugend hatten sie keine negativen Erfahrungen gemacht und nun kein Vertrauen mehr zu niemandem. Sie hatten erst noch alte Lehrer, aber später an der Luisenschule hatten sie, wie sie sagt, "Superlehrer", die sie aufgefangen haben.

Bei sich zu Hause bauten sie Bohnen usw. an und durch das Geschäft des Vaters in Hamburg hatten sie Tauschmöglichkeiten, sodass sie genug zu essen hatten. Sie hat teils den Mitschülern sogar noch etwas mitgebracht.