Dieser Eintrag stammt von Melanie Sarnow(*1991)

Erinnerungen eines heute 70-jährigen an seine Kindheit und die Zeit während und nach dem 2. Weltkrieg

Im Dezember 1936 wurde ich geboren, als in Berlin die Olympiade stattfand. Ich wuchs mit meiner Schwester, die vier Jahre älter war, bei unseren Eltern auf.
Bei Kriegsausbruch, während Berlin auch immer mehr in das Kampfgeschehen eingezogen wurde, wurden meine Schwester und ich nach Engelhaus, in das ehemalige Sudetenland evakuiert.

In Berlin wurde in vielen Firmen (Borsig, Bergmann – Borsig, Argus AIG, Siemens, Telefunken) sehr viel Kriegsmaterial hergestellt. Daher war der Gegner bestrebt, nicht nur die Hauptstadt, sondern auch die Firmen, die Kriegsmaterialien herstellten zu bombardieren.

In Engelhaus wurde ich eingeschult. Es gab für uns ein Klassenzimmer mit nur 3 Sitzbänken.
Auf der ersten Bankreihe saß die erste, auf der zweiten die zweite und auf der dritten die dritte Klasse. Wir wurden gleichzeitig von nur einem Lehrer unterrichtet.
Als wir einmal einen großen Fliegerverband über unsere Köpfe hinweg fliegen sahen, der in Richtung Dresden unterwegs war, sind wir auf den im Ort liegenden Berg auf dem sich eine Burgruine befand, gelaufen und haben dem Fliegerverband nachgeschaut. Als er etwa in der Höhe bei Karlsbad war, sahen wir, dass die Flugzeuge ihre Bomben abwarfen. 
Es wurde damals erzählt, der Fliegerkommandeur hätte gesagt: “Karlsbaderoblaten“, die Flieger verstanden aber Karlsbad abladen.
In Wirklichkeit ging es aber darum, die Flugzeuge leichter zu machen, weil sie von deutschen Abfangjägern gejagt wurden.

In Berlin wurden die Fliegerangriffe immer bedrohlicher.
Da sagte meine Mutter: “Ich möchte meine Kinder bei mir haben. Wenn den Kindern etwas passiert, sind wir alle davon betroffen. Ich möchte nicht, dass sie so weit weg von mir sind.“
Als sie uns abholte und wir dann mit dem Zug Richtung Berlin fuhren, mussten wir mehrmals umsteigen, da einige Zugverbindungen schon zerstört waren.
Als wir endlich abends in Berlin ankamen, sind wir hundemüde ins Bett gefallen.
Kurz darauf heulten die Sirenen, die auf öffentlichen Gebäuden und Schulen montiert waren und kündigten einen Fliegerangriff an. Eiligst sind wir aufgestanden und in den Luftschutzbunker in den Keller gegangen. Kurz darauf gab es aber wieder die Entwarnung.
Bei der Entwarnung heulten die Sirenen länger, als bei dem Signal für den Fliegerangriff. Wir gingen wieder na
ch oben ins Bett.
Dieses wiederholte sich noch zweimal. Beim letzten Mal haben wir es vor lauter Müdigkeit aber nicht mehr geschafft in den Luftschutzbunker zu kommen. Wir verkrochen uns im Flur, wo wir einen großen Wandschrank, eine Art Abstellkammer hatten und warteten den Luftangriff dort ab.
Einmal als wir wieder im Luftschutzbunker saßen und der Luftangriff sehr heftig war, spürten wir eine starke Druckwelle unter uns durchziehen, wobei sich das ganze Haus ca. 30 cm hob und auch wieder senkte.
Am nächsten Morgen, als wir aus dem Haus kamen, sahen wir vor dem Haus einen riesigen großen Krater mit ca. 15 m Durchmesser. Der hatte wahrscheinlich die gespürte Druckwelle verursacht.

Das Ende des Krieges näherte sich immer mehr und die Russen nahmen Berlin ein.
Als die Russen vor unserem Keller standen, in dem wir saßen, schossen sie, um zu sehen, ob sie Gegenwehr zu erwarten hatten. Danach kamen sie in den Keller und haben nach wichtigen Personen gesucht.
Das ging ungefähr noch 4-5-mal so.
Der letzte Trupp besetzte dann unser Haus und hielt sich mehrere Tage bei uns auf.
Als die Lage sich etwas normalisiert hatte, erkannten wir das Ausmaß, was alles um uns herum geschehen war.
Viele Häuser waren stark beschädigt oder standen nicht mehr. Wir hatten noch Glück gehabt. Unser Haus war nicht so stark beschädigt, jedoch hatte es kein Dach mehr.
Im Laufe der Zeit normalisierte sich das Leben. Die Straßen wurden soweit wie möglich wieder freigeräumt und die Trümmer der zerbombten Häuser wurden durch die später sogenannten Trümmerfrauen aufgeräumt.
Die Trümmerfrauen klopften die Mauersteine wieder sauber, um sie für Häuser, die nicht so stark beschädigt waren, wieder zum Verarbeiten bereit zu machen.
Dafür gab es nur einen geringen Lohn, aber was viel wichtiger war, sie bekamen die Lebensmittelkarten für Schwerstarbeiter.

In dieser schweren Zeit, als es wenig zu essen gab, blühte der Schwarzmarkt.
Auf dem Schwarzmarkt konnte man fast alles kaufen. Hauptsächlich waren natürlich Lebensmittel gefragt. Das damalige Zahlungsmittel waren Zigaretten. Eine Zigarette kostet ca. 8 Mark. Die Zigaretten kamen von der amerikanischen Besatzungsmacht, die meistens für Dinge und Dienstleistungen mit Zigaretten bezahlten. 

Es gab immer mehr Hamsterzüge. Die Städter fuhren mit Wertgegenständen, Schmuck, Porzellan etc., in das Umland von Berlin, Brandenburg und Vorpommern um bei den Bauern Sachen gegen Essbares einzutauschen. 
Es wurde aber immer schwieriger in der Umgebung von Berlin bei den Bauern etwas einzutauschen. Sie sagten: “ Soll ich meinen Schweinestall auch noch mit Teppich auslegen?“. Somit waren die Leute gezwungen immer weiter weg von Berlin zum Eintauschen zu fahren.

Etwa Ende 1946 wurde der Schulbetrieb allmählich wieder aufgenommen.
Wir Schüler mussten jeder drei Briketts mitbringen, da wir einen sehr strengen Winter hatten und die Klassenräume irgendwie beheizt werden mussten.
Das Schönste an der Schule war die Schulspeisung, wo durch Spenden in großen Suppenküchen Essen für die Schulen gekocht wurde. Das war für viele von uns die einzig warme Mahlzeit.
Es gab wenig zu essen und das Kochen zu Hause war für viele Familien sehr schwierig, da es auch an Brennmaterial mangelte. Stubben, die von bereits gefällten Bäumen noch im Erdreich waren, sind sehr begehrt gewesen.
Man grub sie aus und zerkleinerte sie anschließend zu Brenn- und Feuerholz. Viele Leute, die das nicht mehr schafften, waren gezwungen, ihre Möbel zu zerhacken und zu verfeuern. Strom gab es anfangs nur begrenzt von 18 - 20 Uhr.