Dieser Eintrag stammt von Sandra Sawatzki (*1989)

Meine Erlebnisse zur Hitlerzeit

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn W. (*1930) aus Hamburg

Da ich 1930 geboren bin, habe ich nur sehr wenig von der Hitler-Zeit miterlebt. Ich hab in einem Dorf namens Bytow in Ostpommern gelebt. Dort hat man nicht viel von Hitler mitbekommen. Außerdem war die Zeit für mich nicht sehr schrecklich, weil wir Deutsche waren. Deutsche wurden nicht so schlecht behandelt, wie die Juden oder Polen.

Schulzeit
Ich ging zur Schule, wie jeder andere. Das Verhältnis der Lehrer und Schüler war ganz normal, nichts Besonderes. Wahrscheinlich genau so wie heutzutage in der Schule. In der Schule mussten wir alles über Hitler lernen. Wir lernten wer Hitler genau ist, woher er kam und was er vorhat. Außerdem lernten wir, dass Hitler Gutes getan hat. Zum Beispiel, dass Hitler dafür gesorgt hat, dass die Deutschen wieder mehr Arbeitsplätze hatten. Heute wissen wir, dass er schlechte Sachen gemacht hat und schlecht war. Zu Hitler haben wir später in der 5. und 6. Klasse sogar das Buch „Mein Kampf“ durchgearbeitet. Als wir das Buch gelesen haben, habe ich Vieles daraus nicht verstanden oder konnte es nicht nachvollziehen. Denn wer kann schon in einem jungen Alter verstehen, dass Hitler Tausende von Juden umbringen wollte. Da ich ja auf dem Dorf gelebt habe, gab es bei uns, während der Schulzeit keine Bombenalarme. Alarme gab es nur in den großen Städten, wo viele Menschen lebten. 
Nach der Schule kam ich zum Deutschen Jungvolk (DJ), denn für die Hitlerjugend (HJ) war ich zu jung. Auch das Jugendvolk war eine nationalsozialistische Jugendorganisation. Die Hitlerjugend war eine Pflichtorganisation für alle 10-18jährigen, wo die Jugendlichen eine vormilitärische Erziehung und Indoktrination (Beeinflussung und Lenkung des Denkens und Handelns von Menschen) erhielten. Im Jungvolk war man von 10-14 Jahren. In dem Alter wurde man für das Militär noch nicht vorbereitet. Also wurden wir nicht so, wie in der Hitlerjugend erzogen, dass wir nur für das „Deutsche Volk dienen sollten“, wie Hitler es immer wieder erwähnt hat. Im Deutschen Jungvolk trafen wir uns, um miteinander zu spielen und auch viel Sport zu treiben.

Meine Familie
Meine Familie war nicht immer vereint. Mein Bruder musste in die Hitler Jugend, weil er älter war als ich und somit auch später in die Schutzstaffel (SS). Ich war sehr um meinen Bruder besorgt, da ich nicht wusste was er in der Schutzstaffel zu erledigen hatte. Ich hoffte für ihn, dass er niemanden umbringen sollte und dass er keine schwere Zeit erleben musste. Doch meine Besorgnis wurde nur noch bestärkt als mein Bruder im Jahr 1944 zum Militär musste und somit im Krieg kämpfen. Für mich war das sehr traurig, da ich Angst hatte meinen Bruder nie wieder zu sehen. So kam es denn auch, dass mein Bruder jahrelang verschollen war. Meine Mutter ging von Behörde zu Behörde um heraus zu finden, wo mein Bruder ist. Wir waren alle deswegen sehr verzweifelt. Bis 1948 das „Deutsche Rote Kreuz“ uns informiert hat, dass mein Bruder noch lebt. Ich war überglücklich darüber und freute mich schon ihn bald wieder zu sehen. Doch da habe ich mich getäuscht, denn mein Bruder kam erst in den 70er Jahren wieder nach Hause. Wahrscheinlich hatte er zuviel Angst vor den Kommunisten und das er von ihnen eingesperrt werden würde. Später erfuhr ich von ihm, dass er gegen Frankreich an der Front gekämpft hat. 
Mein Vater musste nicht in den Krieg ziehen und an der Front kämpfen, da er schon im ersten Weltkrieg gedient hatte. Darüber war ich sehr froh, denn wenn noch einer aus meiner Familie in den Krieg gezogen wäre, dann wäre ich sehr traurig gewesen. Aber er musste trotzdem etwas für den Krieg leisten. Er hat nämlich in Dänemark in einer staatlich angesehenen Firma Bunker gebaut. Das heißt, dass mein Vater auch nicht bei uns zu Hause war. Also waren meine Mutter, meine beiden Schwestern und ich alleine. Aber es ging uns nicht sehr schlecht zu Hause, wir hatten genug zu Essen und zu Trinken. Wir haben nur darauf gehofft bald wieder mit meinem Vater und Bruder vereint zu sein.

Rast auf unserem Hof

Kurz bevor die Deutschen im Jahre 1939 den zweiten Weltkrieg angefangen haben und über die polnische Grenze wollten, um Polen zu stürmen, haben ein paar deutsche Soldaten Rast auf unserem Hof gemacht, denn wir wohnten nur ca.10 km weit von der damaligen Grenze zu Polen entfernt. Ich und ein paar andere Jungen haben mit den Pferden von den deutschen Soldaten gespielt und sind auf ihnen geritten. Das hat uns viel Spaß gebracht. Wir haben es nicht geahnt, dass die Soldaten auf dem Weg zu einer Schlacht waren. Wir haben das gar nicht richtig mitbekommen, warum die deutschen Soldaten bei uns im Stall geschlafen haben. Ich hab gedacht es wäre eine Übung oder so etwas Ähnliches. Es hat den Kindern keiner etwas erzählt, dass es Krieg geben werde. Ich war zu der Zeit erst neun Jahre alt und unsere Eltern haben uns nichts verraten. Sie wollten uns Kinder schützen und uns nicht in Gefahr bringen. Das haben wir aber erst später erfahren…. 
Außerdem hat kein Mensch über Geschehnisse, wie wenn jemand Flüchtlinge versteckt hat, gesprochen. Da die Menschen Angst hatten von ihren eigenen Nachbarn, die auch Landsleute waren, verraten zu werden. Dieses taten die Nachbarn, um gut in der Politik da zu stehen, wenn zum Beispiel einer in der NSDAP war. Und die Menschen, die verraten wurden, würden in Gefängnisse oder Konzentrationslagern kommen. Wie zum Beispiel bei meiner Frau. 
Meine Frau und der Partisan
Meine Frau lebte mit ihrer Familie in einem Haus. Außerdem lebten da noch eine andere Frau und ihre Kinder. Die Türen von dem Haus waren nie abgeschlossen. Eines Nachts schlich sich der Mann von der anderen Frau in das Haus und versteckte sich. Er war ein Partisan (politischer und bewaffneter Widerstandskämpfer). Ein paar Nächte später kam die Gestapo in das Haus von meiner Frau und haben den Partisan gesucht, aber nicht gefunden. Daraufhin hat die Gestapo die Familie von meiner Frau ausgefragt, wo er sei, weil sie glaubten, dass die Familie von meiner Frau ihn versteckt habe. Doch dem war nicht so. Die Gestapo hat der Familie nicht geglaubt und haben sie in ein Konzentrationslager gesteckt. Die Familie von meiner Frau war von November 1944 bis zum Kriegsende im März 1945 in dem Konzentrationslager. Dort haben die Eltern und die ältere Schwester von meiner Frau Gräber gegraben. Meine Frau war noch zu jung. Sie war erst 6 Jahre alt und deshalb saß sie die ganze Zeit nur herum und hat sich gelangweilt. Da der Vater von meiner Frau nach dem Kriegsende bei dem Weg nach Hause Angst hatte zu erfrieren, blieb die Familie noch in einem Haus der Deutschen. Die Häuser standen leer, da die Deutschen in den Westen geflohen sind. Um sich am Leben zu erhalten, musste meine Frau immer betteln gehen. Sie war noch jung und niedlich, deshalb wurde sie immer vorgeschickt bei den anderen Nachbarn anzuklopfen um etwas zu erbetteln.

Flucht und Vertreibung
Aber wieder zurück zu mir…: 
1944 hat der Bürgermeister oder besser gesagt das Ortsamt die Anweisung gemacht, dass wir flüchten sollen, da die Russen kommen. So sind meine Familie und ich mit vielen anderen Menschen vor den Russen geflüchtet. Da ich 14 Jahre alt war verstand ich sofort worum es geht… Ich wusste, dass die Russen uns umbringen wollten! Deshalb hatte ich so eine Angst, dass ich so schnell ich nur konnte lief. Wir wollten zur Ostsee und von da aus mit der Fähre nach Dänemark. Denn in Stettin war schon die Grenze gezogen. Doch die Russen haben uns kurz vor der Ostsee geschnappt. Wir waren um die 80 bis 100 Menschen. Ich hatte so eine Angst und ich hoffte, dass sie uns nicht quälen werden. Doch das war nicht der Fall. Die Russen vergingen sich an den Frauen und quälten die Männer. Außerdem haben die Russen uns alle an die Wand gestellt und gedroht uns mit Pistolen zu erschießen. Ich zitterte am ganzen Leib und hoffte, dass es schnell vorbei ging. Sie wollten unseren Schmuck und unsere Schätze. Viele, die geflüchtet sind, haben ihre Wertsachen versteckt. Also haben wir den Russen nur das wenige gegeben, was wir mit hatten. Daraufhin haben sie uns auch in Ruhe gelassen. Ich war so glücklich und erleichtert, dass uns nichts passiert ist und dass die Russen uns nichts Schlimmeres angetan haben. Also haben wir uns langsam wieder auf den Heimweg gemacht…