Dieser Eintrag stammt von Heinz Schäffer (1926-2009)

Wie ich den Beginn des Zweiten Weltkrieges erlebt habe

Ich bin im Jahre 1926 in Stolp in Pommern geboren; war also zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, am 1. September 1939, 13 Jahre alt. Stolp, das heute zu Polen gehört und Slupsk heißt, lag damals 60 km westlich der polnischen Grenze; bis Danzig sind es 100 km, bis zur Ostsee 17 km.

Als behütetes Einzelkind wohnte meine Familie mit mir in einem typischen Arbeiterquartier.
In den firmeneigenen Wohnungen am Stadtrand von Stolp war kein Platz für bürgerliche Behaglichkeit; es war dort eher die Armut zu Hause. Meine Eltern hatten das Glück, einen gesicherten Arbeitsplatz zu haben, so dass sie auf die von den Nationalsozialisten viel gepriesenen Arbeitsbeschaffungsprogramme, die mehr oder weniger der militärischen Aufrüstung dienten, nicht angewiesen waren.

Meine Familie und die Mehrzahl der Nachbarn standen der SPD sehr nahe. Die Machtübernahme der NSDAP, die erkennbare Entwicklung zur Diktatur mit der Verfolgung und Liquidierung Andersdenkender, wurde mit großer Skepsis und entsprechendem Unbehagen verfolgt. Durch verbotenes Abhören ausländischer Radiosender wurden viele Propagandasprüche sehr häufig als Lügen und Unwahrheiten enttarnt. 
Ich bin in meiner Erziehung sehr stark von meinen Großmüttern geprägt worden. Beide waren Kriegerwitwen aus dem Ersten Weltkrieg. Sie haben mich zur kritischen Wachsamkeit gegenüber den „Mostrichfarbenen“, wie meine Großmütter die Nationalsozialisten nannten, erzogen.
So habe ich mir auch als Jungvolk-Führer, wozu ich gegen meinen Willen, allerdings mit Zustimmung meiner Mutter, die durch einen Hausbesuch meines Fähnlein-Führers dazu genötigt worden war, meine kritische Haltung gegenüber der „Braunen Führung“ bewahrt. Das hat sich auch in den späteren Jahren meiner Hitlerjugend-Zeit nicht geändert. 


Ich habe mich als einfaches Mitglied des HJ-Streifendienstes, der Vorstufe zur Waffen SS, geweigert, eine Verpflichtungserklärung für diese Truppe zu unterschreiben, was ohne jegliche Konsequenzen blieb.
Es ist historisch erwiesen, dass Hitler schon 1938 entschlossen war, bei nächster sich bietender Gelegenheit „das Militär zu erproben“. Auf dieses Ziel war seine aggressive Außenpolitik gerichtet. Typische Beispiele dafür sind die Verkündung der Nichtanerkennung des Versailler Vertrages im Frühjahr 1935, die Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes im März 1936, der Anschluss Österreichs im März 1938, die Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Tschechoslowakei und deren anschließende Zerschlagung im Herbst 1938. Als nächstes Opfer hatte Hitler sich Polen vorgenommen. Der Danziger Korridor, der Ostpreußen vom Reich trennte, lieferte ihm den willkommenen Vorwand für eine militärische Intervention.
Im Innern des Reiches wurde die Bevölkerung durch Propagandasprüche, wie „Ein Volk ohne Raum“ oder „Holt sie heim ins Reich“ und durch Sammelaktionen für „Volksdeutsche im Ausland“ sowie durch martialische Gesänge, wie „Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“ oder „Nach Ostland geht unser Ritt“ entsprechend eingestimmt.

Trotz der verordneten Scharfmacherei wollte die Bevölkerung keinen Krieg. Darum wurde mit unverkennbarer Erleichterung im Herbst 1938 die friedliche Lösung der Sudetenkrise durch die Konferenz von München aufgenommen. 
Dagegen schien es für den Streit mit den Polen, die sich auf die Schutzmächte Frankreich und England stützten, keine Lösung zu geben. Vordergründig ging es Hitler um einen Korridor durch das ehemalige Westpreußen, um das vom Reich getrennte Ostpreußen ohne polnische Kontrollen erreichen zu können. Auch der Freistaat Danzig, der mehrheitlich von Deutschen bewohnt wurde, sollte dem Reich angegliedert werden.

Die Polen waren zu keinem Kompromiss bereit, sondern provozierten ihrerseits durch nadelstichartige Aktionen, bestärkt durch englische Garantieversprechen. Der Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 zwischen Deutschland und der Sowjet-Union gab Hitler die Sicherheit, kein großes Risiko einzugehen, wenn es mit Polen zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommen würde. Die überstürzten und wohl kaum erstgemeinten Verhandlungen mit England und Polen wurden von Deutschland einseitig am 31. August 1939 als gescheitert erklärt. Zeitgleich rief Hitler die deutsche Wehrmach zu den Waffen.

Damit begann am 1. September 1939 um 4.45 Uhr der Zweite Weltkrieg. 

Die deutsche Wehrmacht hatte den angeblich überraschenden Erstschlag durch getarnte Manöver und gezielte Unterwanderungsaktionen gut vorbereitet.

Am 2. September 1939, meinem 13. Geburtstag, begann für mich ein aufregender Tag.
Auf unserem Firmenbetriebshof war eine Einberufungs-Sammelstelle für Landwirte mit Pferd und Wagen eingerichtet worden. Hier hatten sich die Reservisten mit ihrem Gestellungsbefehl einzufinden. Sie wurden eingekleidet und mit Waffen ausgerüstet. Sehr viele Landwirte waren gar nicht oder nur sehr schlecht ausgebildet. Sie konnten weder ihre Uniform richtig ordnen, noch wussten sie mit der Waffe umzugehen. Wir Jungen, die wir im Jungvolk gut trainiert worden waren, hatten die Aufgabe, Hilfestellung zu leisten. 

Da auch Alkohol ausgegeben wurde, sicher mit dem Ziel, die Stimmung und Begeisterung zu steigern, war die Unbeholfenheit bei vielen noch größer. Bis in die späten Nachtstunden dauerte dieser Trubel. An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken. Am nächsten Morgen zogen diese Reservetruppen gen Osten. 
Von dem Beginn der Kampfhandlungen gegen Polen haben wir weder einen Schuss gehört noch sonst größere oder außergewöhnlich Aktivitäten der deutschen Wehrmacht wahrgenommen. Vom ersten Tag des Krieges bis zum Sommer 1944 lag die Stadt Stolp in einer Oase des Friedens. Das geschichtliche Kartenmaterial , das die Truppenbewegungen des Polenfeldzuges graphisch darstellt, bestätigt meine Erinnerungen.
Danach kam leider das bittere Ende mit dem Verlust meiner Heimatstadt.