Dieser Eintrag stammt von Finn-Hendrik Schmidt (*1988)

Eine Kindheit im 3. Reich
         
Ergebnisse eines Interviews mit Frau Zander (*1930)

In Posen zuhause
Als »deutsches Mädel« wurde Gertrud Zander am 20.12.1930 in Posen im Staat Polen geboren. Hier lebte sie quasi bis zum 9-ten Lebensjahr beschwingt in den Tag hinein. Ihre Familie bestand aus Mutter und Vater, zwei ältere Brüder und noch einen jüngeren Bruder. Frau Zander: Ich wurde in eine Zeit hineingeboren, die wohl mit zur dramatischsten Epoche des letzten Jahrhunderts gehörte.

Der 2. Weltkrieg beginnt

Im September1939 marschieren deutsche Truppen mit Unterstützung der Luftwaffe in Polen ein. Dies war der Beginn des 2. Weltkrieges. Ein paar Bomben wurden dabei auch über die Stadt Posen abgeworfen. Polen ist nach 4 Wochen überrannt. Nebenbei, im Osten Polens dringt die »Rote Armee« ein und gewinnt große Gebiete. Adolf Hitler und Josef Stalin richten deutsche und sowjetische Verwaltungen ein. Der Staat Polen existierte nicht mehr. 
Der älteste Bruder stirbt im Zweiten Weltkrieg den »Heldentod« für Führer, Volk und Vaterland. Der Vater, der im Ersten Weltkrieg diente, stirbt anno 1941 an einer Lungentuberkulose. 

Ein Kolonialwarenladen

Die Mutter von vier Kindern führt seit 1941 allein den eigenen Kolonialwarenladen. Von ihren Kindern verlangt sie Gehorsam und Pflichterfüllung. Frau Zander: Jeder musste seinem Alter entsprechend mithelfen damit nichts in Unordnung verfiel.

Deutsche Privatschulen in Polen

Die Familie lebte bis 1938 als Deutsche in Polen. Gertrud wurde in einer privaten deutschen Schule 1936 eingeschult. Neben der deutschen Sprache musste Gertrud auch die polnische Sprache erlernen. Diese Privatschule wurde auch von polnischen Kindern besucht. Die ersten negativen Veränderungen traten aber bereits schon Ende 1938 in Kraft. Mitschüler die keinen deutschen Namen besaßen, mussten die deutsche Schule in Posen verlassen.

Volksdeutsche

Der „Führer“ Adolf Hitler, wurde von den Volksdeutschen sehr geschätzt und niemand ahnte, was auf sie zukommen würde. Mit dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht gehörten die in Posen lebenden Deutschen zum »Großdeutschen Reich«. Dieses wurde von allen Deutschen in Polen gefeiert und begrüßt. 

Das öffentliche Leben ändert sich

Vor der Besatzung waren die Deutschen in Polen eine Minderheit, aber das störte niemanden, man respektierte einander. Während der Besatzung wurde nun alles anders. Polen und vor allen Dingen polnische Juden wurden zunehmend unter politischen Druck gesetzt. Sie durften zum Beispiel, nicht mehr im vorderen Wagen der Straßenbahn sitzen. Laut Polizeiverordnung in Deutschland (1. September 1941) müssen nun Juden, die das 6. Lebensjahr vollendet haben, einen gelben „Judenstern“ sichtbar tragen. Die Polen und Juden wurden immer stärker diffamiert. Frau Zander: Als ich mich mit meiner polnischen Freundin unterhielt, kam mein Patenonkel in SA Uniform zu uns und fragte mich, wieso ich als deutsches Mädel es nötig habe, polnisch zu reden. Ich war über sein Verhalten sehr wütend, weil ich es einfach nicht verstand. 

Nazi Propaganda

Das negative Erlebnis mit ihrem Onkel war eines unter vielen, die das Mädchen Gertrud stutzig machten. Frau Zander: Heute weiß ich, dass meine jugendliche Naivität mich vor der nicht aufhörenden Propaganda der Nazis schützte. Das Schlechte, was man mir einzutrichtern versuchte, nahm ich gar nicht richtig wahr. Eigentlich blieb für mich alles ganz normal, ich ging jeden Sonntag in die Kirche, ich ging zur Schule und ich machte meines Erachtens alles wie bisher. 

Lebensmittelmarken

Mit zunehmender Kriegsdauer änderten sich ein paar Dinge quasi schleichend. Lebens-mittel beispielsweise konnte man bald nur noch gegen Marken kaufen, wobei die Rationen für Juden und Polen immer geringer wurden. Die Lebensmittelhändler mussten die abgeschnittenen Marken gewissenhaft in ein kleines Heft kleben und genau darüber Buch führen. Die Marken wurden von Kreisämtern vergeben.

Jungmädel

Frau Zander wurde Jungmädel. Frau Zander: Ich empfand diese Zeit als sehr schön. Zweimal in der Woche traf man sich nach der Schule zum Singen und Spielen. Man Schrieb Briefe an die Frontsoldaten, strickte Pullover und Socken und packte diese liebevoll in Päckchen für die tapferen Soldaten. Solche gemeinsamen Aktivitäten stärkten den Zusammenhalt in der Gruppe.

Flucht 

Im Winter 1944/45 drang die »Roten Armee« ins Deutsche Reich. Viele Gebiete waren eingeschlossen oder bereits erobert. Schreckensnachrichten verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Der Vormarsch der Sowjets war nicht mehr aufzuhalten. Frau Zander: Niemand wollte den »Rotarmisten« in die Hände fallen. Unsere Flucht aus Posen in Richtung Westen begann im Januar 1945.