Dieser Eintrag stammt  Vincent Schmidt


Kindheitserlebnisse aus dem Ort Crossen/Oder 
im 3. Reich vor Kriegsbeginn

Meine Interviewpartner zum Thema "Alltag im 3. Reich vor dem Krieg" waren die Eheleute Ursula (geb. 1927) und Horst G. (geb. 1928), die beide ihre Kindheit in Crossen (heute Polen) an der Oder nahe der polnischen Grenz verbracht haben. Sie lebten in bescheidenen Verhältnissen, kamen aus kinderreichen Familien. Der Vater von Herrn G. war Landwirt und Gastwirt, der Vater von Frau G. war Arbeiter bei der Todt (eine Institution, der Fritz Todt vorstand, und die u. a. für den Straßenbau unter Hitler zuständig war). 

Schule 
Zu diesem Thema befragt erzählten Herr und Frau G., dass während ihrer Schulzeit der Unterricht lediglich informationsbezogen war, es wurde dort nicht gelernt, sich richtig zu verhalten oder wie man miteinander umzugehen hat. Dies wurde vorausgesetzt. Benahm man sich nicht dementsprechend, wurde geprügelt. Manchmal waren die Schläge so hart, dass die Kinder mit lebenslangen Narben leben mussten. So wurde auch die Schwester von Frau G. wegen einer kleinen Straftat vom Lehrer geschlagen: Er verletzte das Mädchen dabei so stark, dass eine Ader im Kopf geplatzt ist und sie sich daraufhin lange schonen musste, damit es nicht zu einer Verschlimmerung kam. 
Man hatte großen Respekt vor den Lehrern, die zum Teil in Uniform zur Schule kamen.
Auch in der Jungenschule bei Herrn G. herrschte ein strenges Regiment: In der Pause mussten die Schüler zu zweit oder in kleinen Gruppen im Kreis gehen, der Aufsicht habende Lehrer ging in entgegen gesetzter Richtung im Inneren des Kreises und kontrollierte genau, ob die Schüler auch keine Dummheiten machten. Benahm sich einer nicht, wurde er verdroschen. Er erzählte auch von Lehrern, die teilweise grundlos auf Schüler einschlugen, nur weil sie sie nicht mochten. 
Erzählte man dann von den harten Strafen zu Hause bei den Eltern, so gab es in beiden Familien kein Mitleid, geschweige denn, die Eltern hätten sich in der Schule über die Maßnahmen der Lehrer beschwert. Häufiger Kommentar der Eltern: "Dann hast Du es wohl auch verdient!"

HJ/BDM
Die Hitlerjugend war eine staatliche Organisation für die Kinder ab 10 Jahren. Die Treffen waren 2 mal wöchentlich und wurden meistens in Schulräumen, anderen öffentlichen Gebäuden oder sogar in einem Schloss in der Nähe abgehalten. Beide Eheleute erzählten mir, dass sie nicht gern zu diesen Veranstaltungen gingen, von ihren Eltern jedoch angehalten wurden, es regelmäßig zu tun. " Es waren die grauen Tage, an denen man nicht spielen konnte, was man wollte!" Auch dort wurde streng erzogen, es wurde sehr viel Wert auf Disziplin gelegt. Außerdem wurde viel über Hitler gesprochen, "er war das Vorbild schlechthin, auf allen Gebieten!" 
Herr G. hat bei der Hitlerjugend in einem Fanfarenmusikzug gespielt. Dieser ist auf verschiedenen Volksfesten aufgetreten. Herr G. erzählte, dass er sich einmal auf einer Veranstaltung verspielt habe: Statt einer einfachen Wiederholung eines Musikteilstückes hat er dies einmal zuviel wiederholt. Anschließend gab es von der ganzen Truppe Tadel und der Leiter "machte ihn vor allen  herunter".
Frau G. verbindet ihre BDM-Zeit mit Singen, Wandern und "natürlich vielen Geschichten vom Führer". Sport wurde groß geschrieben, es fanden häufig überregionale Sportveranstaltungen statt, bei denen man als Dorfgemeinschaft gegen andere anzutreten hatte. "Es war schön, mal in Gruppen aus seiner kleinen Stadt heraus zu kommen. Man schlief bei Auswärtsturnieren in Zelten, was für uns Mädchen natürlich ein großes Ereignis war. Durch Wandertage und andere Ausflüge sollten die Mädchen ihre Fitness und sportlichen Leistungen  verbessern. Später dann, als sie älter war, wurde sie im BDM (Bund deutscher Mädeö) auf das Leben als Frau in einer kinderreichen Familie vorbereitet. Man lernte kochen, nähen etc. Es gab  nach Schulabschluss das sogenannte Pflichtjahr, in dem sie auf einem Bauernhof gearbeitet, gelernt und geschlafen hat.

Alltag im 3. Reich
Bei der Frage nach dem Alltag ihrer Kinderzeit meinten beide: "Das Leben kann man mit der heutigen Zeit überhaupt nicht vergleichen. Es gab ja keinen PC und keinen Fernseher, die wenigsten hatten ein Radio; wir Kinder haben uns meistens auf der Straße aufgehalten und gespielt. In unserer Kleinstadt gab es nur einen Mann, der ein Auto besaß."
Frau G. lebte mit ihrer Familie in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung, in der es kein Badezimmer gab. Einmal pro Woche war Waschtag, und die ganze Wohnung wurde dafür umfunktioniert. Es wurde eine Wanne aufgestellt, alle nacheinander mussten darin baden. Die Wohnung war mit einfachen Möbeln ausgestattet, der Boden war nur angemalt, nicht gefliest oder gar mit Teppich. Die Familie war arm, es wurde immer nur soviel an Lebensmitteln gekauft, wie man gerade brauchte. Außerdem konnte man die Lebensmittel nur bedingt lagern weil es noch keinen Kühlschrank gab. So mussten die Kinder die täglich anfallenden Einkäufe erledigen ("Hab gerade keine Zeit" gab es nicht! Wenn die Eltern etwas brauchten, musste man sofort los!).
Frau G. wurde auch zu Hause oft geschlagen, "für Fehler, die man gemacht hat!". Sie sagt weiter, dass die Schläge eigentlich gar nicht so falsch gewesen seien, da man so Fehler nie zweimal gemacht hätte. Herr G. musste viel bei der Landwirtschaft mithelfen, auch wenn die anderen Kinder gerade mit ihm spielen wollten. 

Auf meine Frage, ob sie als Kinder etwas von der Regierung mitbekommen hätten, meinten sie: "Nein, als Kind macht man sich über solche Dinge keine Gedanken. Für uns war das normal, so war halt das Leben. Wir konnten uns ja nicht an die Zeit vor der NS erinnern!" Doch eine Sache fiel Herrn G. dabei ein, die ihn sogar als Kind schon geschockt hat und zum Nachdenken angeregt hat: " Ein Schulfreund meines Vaters war Kommunist. Er wurde schon sehr früh als politischer Gegner verhaftet. Mein Vater erhielt beim Umgraben der Felder und bei der Ernte oft Helfer, die auch häufig aus Gefängnissen kamen. Bei einem Mal war dann auch der Freund meines Vaters dabei, der uns als Gefangener helfen sollte. Dieses war meinem Vater sehr unangenehm."  Es gab wohl auch in diesem Ort einige Leute, die gegen die Hitlerregierung waren, aber es nicht öffentlich gesagt haben, um nicht von anderen angezeigt und dann verhaftet zu werden. Denn es gab dort viele Hitleranhänger, die froh waren, endlich wieder Arbeit zu haben, und die dafür bereit waren, andere anzuzeigen. Frau G. erzählte auch, dass einige Leute in die Partei gegangen sind, um von der Gesellschaft mehr respektiert zu werden. " Es gab Leute, die haben alles gemacht, was die Partei verlangte, nur um bei ihr angesehen zu sein. Wenn sie dann mit ihren SA-Uniformen durch die Stadt gingen, musste man sich in Acht nehmen!"

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