Dieser Eintrag stammt von Margarete Schulmeister (*1925)

Monolog des Absolventen der Petrovskaia Akademie des Jahres 1918, des hundertjährigen Professors K. G. Schulmeister
Volgograd. 14. September 1995

Vergib deinen Verrätern

Ich war sehr überrascht und es gab auch wirklich allen Grund dazu, als ich erfuhr, dass es in Volgograd einen Mann gibt, der am 17 April 100 Jahre alt wird und zudem noch ein Absolvent unserer Akademie von 1918 ist. Noch mehr haben mich aber folgende in der Zeitschrift „Meliorativnyi Vestnik“ erschienenen Worte des Akademikers A.S. Maslov überrascht: Ein ungewöhnlicher, beispielloser Fall, und zwar nicht nur in Russland: Das 100jährige Jubiläum eines Wissenschaftlers wird in seiner Anwesenheit und mit/unter seiner aktiven Teilnahme begangen.

Auf den ersten Blick scheint es, als sei Konstantin Georgievich ein Monolith. Aber im wirklichen Leben ist er ganz eindeutig kein Riese. Er ist nicht besonders groß, eher schlank und blickt gerade heraus. Ich hatte anfangs angenommen, dass er nicht so gut sehen kann, es hat sich jedoch herausgestellt, dass er nicht einmal zum Lesen eine Brille benötigt. Aber eine gewisse Monolithät existiert dennoch. Sie und diese Charakterstärke, sein Mut, die beneidenswerte Gradlinigkeit, welcher Ehrlichkeit und der Glaube an das, was er sagt, innewohnen. Hinzu kommt die Aufrichtigkeit, die sich in den Jahren harter Prüfungen und nach der Rehabilitation gebildet und an Standhaftigkeit gewonnen hat. Und eben darin entdeckte ich seine Monolithät und Standfestigkeit

Und auch jetzt, während unserer Unterhaltung in seiner Wohnung, kann ich nicht anderes, als die Eintracht seiner Gradlinigkeit, der Barmherzigkeit und Milde, denen gegenüber, die ihn verraten haben, zu bewundern. Beneidenswerte Eigenschaften in unserem erbosten, erbittertem Jahrhundert. Vor allem für einen Hundertjährigen.

Wir trafen in dieser Stadt mit dem Fotokorrespondenten der Zeitschrift „Rossia“, dem A. Kobylov, ein. Gleich nach der Ankunft brachen wir mit dem auf uns wartenden Auto ins Zentrum der Stadt auf, wo der Professor mit seiner Tochter wohnt. Ich habe schon im voraus mit dem Prorektoren der VSKHA sowie mit Konstantin Georgievich telefoniert und alles abgesprochen, und nun sind wir bereits in der Wohnung, wo Arkadii taktvoll beginnt, Photos zu machen. Er hatte lediglich fünfzehn Minuten für die Aufnahmen und als er dann gegangen war, schaltete ich mein winziges Aufnahmegerät ein.

Konstatin Geprgievich beantwortete meine Fragen präzise, ausführlich und sogar umfänglich. Es gab keine Notwendigkeit nachzufragen oder um genauere Antworten zu bitten. Als ob der alte Schulmeister gewusst hätte, was ich brauchte und in welchem Umfang. Keine Weitschweifigkeiten, Wiederholungen und sinnleere Phrasen. Ruhige Stimme eines selbstsicheren Menschen, ausgezeichnetes Gedächtnis. Obwohl die Tochter von Zeit zu Zeit versuchte, etwas von dem Gesagtem zu präzisieren, funktionierte seine Erinnerung einwandfrei, und er korrigierte sogar die Bemerkungen der Tochter. Ferner war ich außerordentlich angetan von dem Takt- und Feingefühl, mit welchem der alte Mann das Gespräch führte. Er respektierte seinen Gesprächspartner, den er eigentlich gar nicht kannte, sehr. Eventuell auch aufgrund dessen, dass Temiriazevka keinen gehaltlosen Begriff auf seiner Herz- und Gedächtniskarte darstellt.
Nun wunderte ich mich, Aufnahmen transkribierend und Kassette mehrmals zurückspulend, über den Reichtum dieses Materials, welches in den Händen des Reporters zur historischen Quelle geworden ist.

Bis vor kurzem wussten weder ich, noch die Alma Mater, noch das Land, dass nebst dem Ufer der Volga ein solches Unikum, ein derart außergewöhnlicher Mensch lebt. Nun aber wird sein Haus des öfteren von Fernsehteams, Zeitungsreportern, Filmemachern u. a., auch aus Deutschland, aufgesucht.

Der Leser sollte sich nicht über den Stil und Ton seiner Erzählung wundern. Der Schmerz, den der Russland-Deutsche eine so lange Zeit in seiner Brust versteckt hielt, kam nun mit einem Mal zum Vorschein. Und der Professor sprach ganz offen, ohne sich zu genieren, ohne Angst davor zu haben, verurteilt zu werden. Eventuell ist es sein geistiges Vermächtnis an uns Jüngere und diejenigen, die noch ganz jung sind. Wie man leben, arbeiten, mit Menschen umgehen, ihnen die Unfreundlichkeiten, das Böse verzeihen sollte. Und obwohl er von sich sprach, davon, was sich in seinem Leben ereignete, sah ich in diesem einen Leben das, was mit seiner Heimat geschah. Taktvolles Beibehalten des Gesprächsmodus, so wie er war, - ohne Redaktionsanmerkungen – hier sind sie überflüssig. Ich denke ich, ich hoffe, Sie sind damit einverstanden, es ist die beste Methode, einen Menschen kennenzulernen. Lasst uns seinen Gedanken, der Tonalität des Gesprächs, das drei Stunden dauerte, konzentriert lauschen. Am Ende des Gesprächs war der Schulmeister in der gleichen Verfassung wie am Anfang, lediglich seine Stimme etwas heiser. Ich verschiebe absichtlich keine Akzente, entwickle keine anderen Szenarien, locke den Leser nicht mit dem Grauen und Schrecken seines Lebens. Alles so, wie es war. Kommt in die Wohnung rein, wo in einem kleinen Zimmer an meinem Schreibtisch mit einer Schreibmaschine umgeben von Bücherregalen ein reinlich gekleideter älterer Mann sitzt. Neben ihm, seine fürsorgliche Tochter, Margarita Konstantinovna.

Meine aus Deutschland stammenden Vorfahren, folgten dem Ruf der Imperatorin Katarina II aus dem Jahre 1763 und siedelten nach Russland über. Sie hatte angekündigt, dass die Bauern, die nach Russland gehen, ein Grundstück, eine Reihe Vergünstigungen bekommen könnten, um dort anzukommen, sich einzurichten und um wilden brachliegenden Steppen in ertragreiche Felder zu verwandeln. Und die Deutschen haben seinerzeit, wie Sie wissen, sie (Die Volgarepublik der Deutschen - red.) wurde 1941 auf Befehl Stalins liquidiert, sie haben das Nieder-Volgagebiet in blühende Ländereien verwandelt.
Sie haben sehr viel Getreide hergestellt, v.a. Weizen, auf dieser Grundlage haben die deutschen Unternehmer eine Mehldreschindustrie in Saratov aufgebaut, und das Mehl ist ans Volk gegangen, in ganz Russland.
Außerdem richteten die deutschen Unternehmer ihre Aufmerksamkeit auf große Kalksteinvorkommen in der Nähe von Volsk und es wurde eine große Zementfabrik ins Leben gerufen. Dieser Zement wurde für die Bedürfnisse des ganzen Landes verwendet. Außerdem entwickelten sie die Herstellung von Stoffen, sarpinki, so nannte man diese deutschen Stoffe. Es waren, kurz zusammengefasst, die Ergebnisse.
Sie hatten Privilegien beim Wehrdienst. Sie wurden nicht verpflichtet, aber nach 100 Jahren, ab 1865, sind unsere Deutschen in die Armee einberufen worden und sie haben sich dann an der Verteidigung ihrer neuen Heimat beteiligt.
Und es geschah dann, als Stalin im Jahre 1941 alle Volga-Deutschen - völlig unbegründet - einer feindseligen Gesinnung Russland gegenüber beschuldigte, eines Verrats der Heimat beschuldigte und beschloss, alle wegen dieses Verrates auszusiedeln, dass Tausende unserer jungen Männer in den ersten Kriegsjahren an der Front starben. Dieser Beschluss wurde von Chrushchev aufgehoben und die Beschuldigung des Verrates abgelehnt/zurückgewiesen. Aber die Tatsache bleibt bestehen: damals kam fast die ganze junge Generation ums Leben. Manche wurden in die Arbeitsarmee einberufen, und die Arbeitsbedingungen für die Deutschen waren tödlich. Auch von ihnen sind fast alle gestorben, jedoch nach und nach. Die Menschen wurden nicht ernährt, kriegten undurchführbare Aufgaben.

Meine wissenschaftlich-lehrende und öffentlich-agronomische Tätigkeit im SXI (landwirtschaftliche Hochschule) von Saratovsk wurde im Jahre 1938 am 22. Juli um 3 Uhr nachts unterbrochen – erinnerte sich Schulmeister während seiner Ehrung am 17. Mai, die seinem hundertjährigen Jubiläum gewidmet war – als ich von der NKVD verhaftet wurde. Am 29 .April 1939 wurde ich aufgrund einer verleumderischen Beschuldigung nach dem Paragraphen 58 UK RSFSR Punkt 8, 10 und 11 (antisovjetische Agitation gruppenterroristisches Vorgehen gegen Regierungsmitglieder der UDSSR Stalin, Molotov, Koganovich etc.) vom Militärtribunal zur Erschießung und Beschlagnahmung des Besitzes verurteilt. Nach einem zweimonatigen Aufenthalt in der Todeszelle hat das Militärkollegium des obersten Gerichtes der UDSSR die Erschießung durch 10-jährige Freiheitsstrafe einer Bescheidung der politischen Rechte für 5 Jahre ersetzt.
Im ersten Jahr des LAGERs, war es üblich, dass alle Inhaftierten, unabhängig davon, ob Akademiker oder Professoren, an allgemeinen Arbeiten beteiligt waren. Auch ich kam dorthin. Ich wurde an eine Zinnmine, ca. 400 km von Magadan – in eine Grube zum Arbeiten geschickt, aber ich hatte einen sehr schweren Prozess hinter mir, außerdem hatte ich zwei Monate in der Todeszelle in Saratov verbracht. Die Bedingungen in dieser Zelle waren sehr schlecht. Es war ein grauer, halbdunkler Raum. Die Möbel waren: eine kleine dreckige Matratze und eine Latrine. Weder Bett, noch Tisch, noch Stuhl. Und deshalb konnte ich nur auf meinen Beinen liegen und sitzen, sogar Nahrung habe ich im Stehen zu mir genommen, es gab keinen Platz, um den Teller abzustellen, der Boden war… Man könnte es damit vergleichen, wie Vieh vor dem Schlachten in Mist gehalten wird, so hielt man in diesen Zeiten Gefangene in Todeszellen.

Waren sie alleine in der Zelle?
Allein - vernehme ich als Antwort.
Ich kam dorthin als ein vergleichsweise gesunder Mann, kam jedoch als völliger Invalide, Behinderter heraus. Verlor an Gewicht und das wichtigste, ich hatte eine Gasvergiftung – es war Schwefelwasserstoff. Ich kam als Invalide heraus – wiederholt Konstantin Georgievich. Und kam ungeachtet meines Gesundheitszustandes in diesen Arrestantentransport und an diese Mine. Wir waren ungefähr zweieinhalbtausend Menschen, überwiegend Akademiker, aber unter ihnen waren viele Kriminelle.
Der Leiter dieser Mine schaute und beschloss: Wozu brauche ich einen Erschöpften, Kraftlosen?
Er beschloss eine medizinische Prüfung auf Tauglichkeit/Selektion einzurichten, denn es lohnte sich für ihn nicht, geschwächte, unfähige Invaliden zu beschäftigen. Der Arzt war ein Zivilbeschäftigter, dem niemand etwas befehlen konnte. Er entschied selbständig, wen er als arbeitsfähig einstufen konnte und wen nicht. Wenn er ein Häftling gewesen wäre, hätte er einen entsprechenden Befehl erhalten und alle für tauglich erklärt.
Als ich nackt vor diese Kommission unter der Leitung dieses Arztes trat, riss er die Augen auf und sagte: „Aber entschuldigen Sie mal, was ist denn mit Ihnen passiert, warum sind Sie so dürr (dystrophisch)? (Das Gewicht des Professors betrug knapp 40 kg). Ich sagte, dass ich 2 Monate in einer Todeszelle gesessen hatte.
Ich wurde amtlich für untauglich erklärt und zurück nach Magadan geschickt, wo sich ein Heim für behinderte Häftlinge befand. Wie aber wurden diese Gefangenen dort ausgenutzt? Gar nicht. Es gab dort keine Erholung und man zwang sie, einfache, leichte Arbeit auszuführen: Baumfällen. So wurde ich einer Baumfällertruppe zugeordnet.
Ich war so schwach, dass ich es nicht einmal schaffte, mit der Gruppe zum Wald zu kommen. Für gewöhnlich brachte mich ein Soldat später dorthin. Aber der Vorarbeiter war unzufrieden, es gab eine gewisse Arbeitszuteilung für jeden. Die Gruppe verstieß mich. Und dann beschloss der Leiter des Behindertenheims, ein ehemaliger Offizier, mich gänzlich loszuwerden. Neben dem Heim gab es nämlich eine Sovkhose, die Milch und Fleisch, Schweinefleisch herstellte. Und eines Tages kam ich in diese Sovkhose, als völlig Entkräfteter.
Sieben Kilometer war die Sovkhose vom Heim entfernt, jedoch konnte ich diese Strecke zu Fuß nicht schaffen, ich wurde mit einer Fuhre dorthin gebracht. Der Leiter der Sovkhose kam, schaute uns an und sagte: „Wozu habt ihr uns solche Kraftlosen gebracht? Die sind absolut untauglich…“ In dieser Sovchose gab es aber einen Arzt, der ebenfalls ein Häftling war, zum Glück kam er aus Saratov. Er kannte mich nicht persönlich, aber vom Namen, wie einen Professor, einen Dekan, dessen Artikel in der Presse gedruckt wurden. Die Öffentlichkeit kannte mich. Und so sagte er: „Hören sie, wissen sie, wer das ist? Ein Agronom. Unser Saratover Professor. Lassen sie uns ihn aufnehmen, ihn gut ernähren, lassen sie ihn wieder auf die Beine kommen, er wird uns nützen. Und es war so, als ob er ins Wasser schaute.
Man ließ mich bleiben und auf die Beine kommen. Als ich wieder gelernt hatte zu laufen, - es waren ein paar Wochen vergangen, - machte man mich zum Kälberstallwächter. Stellen Sie sich vor, mit den Pflichten - auf die Kälber aufzupassen und Öfen zu heizen. Für mich war es die Rettung. Der Vorarbeiter, es war ein Häftling, erlaubte mir, mich nachts von der Kalbsmilch zu ernähren. Der Hafer schmort lange, dabei entsteht eine sehr nahrhafte Lösung. Und das war meine Rettung.

Einen Monat später war ich wieder arbeitsfähig, und als der Frühling kam, (Februar, März, April) war ich im Kälberstall. Als die Feldarbeiten begannen, sagte der Sovkhseleiter: „ Lasst uns diesen Häftling, den Professor, zum Vorarbeiter – für die Züchtung und Anbau von Gemüse, Futter und Kartoffeln, machen. Ich blieb in dieser Sovchose praktisch bis zu meiner Befreiung. Und es hat mich gerettet! – Wiederholt mein Gesprächspartner erneut. – Wem bin ich zu Dank verpflichtet? Dem Arzt in der Mine Laso, welcher mich amtlich für untauglich erklärte.
Fällt es Ihnen schwer zu sprechen? - Wende ich mich an Konstantin Georgievich. –Ist es anstrengend für Sie? – Er schweigt. – Das einzige ist, dass Papa schlecht hört – wendet sich seine Tochter an mich. Es stellt sich aber heraus, dass mein Professor mich hört. „Nein, Georgij Viktorovich, ich bin in so einer schöpferischen Aufregung. Vor mir sitzt ein Mitarbeiter meiner Alma Mater, d.h. der Timirisjaever Akademie. Ich war verliebt in meine Lehrer.“
Die Tochter: „ Ich möchte Ihnen ein Papier zeigen. Die Familie wurde zerstört, bestraft. Aber wir wussten all die Jahre, seit 1938 nicht, dass unser Vater ein Staatsfeind ist. Wir haben niemals gesehen, weshalb wir bestraft wurden. Nun aber, in diesem Frühling, als sich das hundertjährige Jubiläum nahte, schrieb ich an die Saratover NKVD, unsere teure, liebe, und bekam recht schnell eine Kopie. Ich schrieb ohne jegliche Hoffnung. Und Papa hat zum ersten Mal, nachdem er so viele Jahre lang in solchen Missständen gelebt hatte, zum ersten Mal, nach 56 Jahren, sein Urteil gesehen.

Als ich anfing, es zu lesen, habe ich es zusammengefaltet und zur Seite gelegt. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich plötzlich über einem schrecklichen Abgrund, über einem offenen Grab befinde. Derart ungeheuerlich ist dieses Geschreibsel. Habe die Kopie weggelegt und lange nicht angefasst. Papa habe ich den Schrieb nicht gezeigt. Es ist grausam zu lesen, aber später, nachdem meine Kinder aus Peterburg kamen, beruhigte ich mich und gab es meinem Sohn. Und später, als genug Zeit vergangen war, gab ich es Papa, doch er wollte es nicht lesen.
Sie fängt an, das Urteil vorzulesen: „Den Konstantin Georgievich Schulmeister aufgrund des §58 zum höchsten Strafmaß“ „ERSCHIEßEN“ steht dort in Großbuchstaben. Das hat mich am meisten gewundert – sagt sie – es sind fast 60 Jahre vergangen und nun haben wir es zum ersten Mal erfahren. Es ist schrecklich. Jetzt kann ich es ruhig lesen. Aber es gab tatsächlich Menschen, die Spezialisten in diesem Genre waren. Sehr gängig und fein konnten sie schreiben.

Wir alle hatten vergleichsweise hohe Posten in der Wissenschaft inne – fährt K.G. Schulmeister fort (es handelt sich um die Akademiker Davidov, Tuliakov, Meister und Vavilov red.). Ich sag es nicht, um Eigenwerbung zu betreiben. Sie werden mich gleich verstehen. Ich war der Dekan und Vizerektor für Wissenschaft und Lehrtätigkeit. Heutzutage gibt es zwei Prorektoren, damals aber nur einen. Es kam öfter vor, dass man in Konferenzen und Versammlungen gesprochen hat. Gelegentlich wurde ich ins Büro des Obkom (Regionalkommitee) gerufen, obwohl ich nie in der Partei war. Mein ganzes Leben lang war ich parteilos. Wenn ich in der Partei gewesen wäre, hätte man mich definitiv erschossen. Stalin hasste Wissenschaftler, daher hat er Vavilov und Tuliakov eliminiert.
Der Untersuchungsleiter hatte daher uns alle, ihren Worten nach, zu überführen und zu beweisen, dass wir heimliche Feinde der sovietischen Regierung waren.

Zwei Studenten, die in meinen Vorlesungen waren, wurden verhaftet und gezwungen zu unterschreiben, dass ich sie angeblich für eine terroristische Organisation mobilisiert habe. Ihren Worten nach. Ich aber musste sie viele Jahre nach der Rehabilitation treffen. Sie haben sich mit aller Kraft geweigert, aber sie wurden ständig geschlagen – halbtot waren sie, man brachte sie zur Verzweiflung und sie schrieben:„ Ja, der Schulmeister hat uns mobilisiert“
Als ich aufgrund dieser Denunziation verhaftet und beschuldigt wurde, hat man sie freigelassen, aber zum Schweigen verpflichtet. Aber es sind 20 Jahre vergangen und sie… Es waren sehr anständige Menschen.
Das war ihre Methodik. Und dann wurden meine Doktoranden, es gab einige, dazu gezwungen, in der Saratover Zeitung auszusagen, ich sei ein verdeckter Volksfeind. Ein großer Artikel.
Dort wurden Fakten angeführt. Falsche natürlich, um der Öffentlichkeit zu beweisen, dass wir echte, erboste Feinde waren. Nebenbei, ich habe es noch geschafft diese Zeitschrift zu lesen. Ich wurde 2-3 Wochen nach Ausgabe der Zeitschrift verhaftet.

Zwanzig Jahre später bin ich vollständig rehabilitiert worden. Ich kam nach Moskau, war bei einer Konferenz und treffe dort meinen Doktoranden. Er ist nun Held des Sozialistischen Arbeitens, Direktor der Uralen Versuchsstation. Baschmakov. In der Pause kam er zu mir: „Konstantin Georgievich! Haben Sie mich erkannt? – Ja, antworte ich. - Und er warf sich mir an den Hals. „Konstantin Georgievich, mein Lieber, verzeihen Sie mir, dass ich mich als ihr Verräter erwies…“ Ein sehr anständiger Mensch, ein großer Familienmensch.
Nikolaj Ivanovich! Machen Sie sich keine Sorgen. In diesen 20 Jahren habe ich viele solcher schrecklichen Bilder gesehen. Ich freue mich sogar, dass sie durch meinen Hals, an meinem Rücken unversehrt bleiben konnten. Wenn Sie mich nicht verraten hätten, hätte man sie verhaftet, aber nachdem sie ihren Lehrer verraten hatten, haben sie eine gewisse Immunität erlangt. Niemand hat Sie angetastet, gestört, man nahm an, dass Sie Ihre Bürgerpflicht erfüllt hätten: Einen Volksfein entlarvt hätten. Wenn Sie es nicht gemacht hätten, dann hätte man sie verhaftet und ein anderer hätte Kapital aus mir geschlagen. Ich war sehr froh und seitdem stehe ich mit ihm in Kontakt, wir schreiben uns.
Es gab aber einen zweiten Menschen, Michail Ivanovich, ehemaliger Doktorand. Er hat es nicht erklärt. Sie haben es zusammen geschrieben. Er hat sich dazu nicht bekannt, nicht bereut.
„ Ist heutzutage ebenfalls wohlbehalten und gedeiht“ - fügt die Tochter hinzu.
So erschuf man damals Staatsfeinde.

Ich bitte den gedächtnisstarken Schulmeister, mir von N.O. Vavilov zu erzählen. Denn sie sind beide von Timirsiaevka und beide Saratover. Ihre Wege haben sich mehrmals gekreuzt.
Nikolaj Ivanovich Vavilov arbeitete schon im 8. Semester an der Moskauer Landwirtschaftsakademie am Fachbereich des Prjanischnikov und hielt dort ausgesuchte Vorlesungen in Genetik und Selektion. Außerdem bekam ich in meinem letzten Semester eine Praktikantenstelle in einer Selektionstation. Bei Rudzinskii. Dort habe ich auch meine Diplomarbeit geschrieben „Die Reaktion (Empfänglichkeit) unterschiedlicher Arten des Winterweizens auf/für wechselnden Feuchtigkeitsgehalt des Bodens“ (Erstaunt Sie die Gedächtnisstärke des Professors etwa nicht? – Red.) Und ich hab einen ganzen Monat im Vegetationshaus und auf den Feldern gearbeitet. In dieser Zeit prüfte Vavilov auf seiner Parzelle seine Kulturpflanzenkollektion auf Immunität gegen Pilzinfektionen. Wir trafen uns jeden Tag auf den Feldern und der Parzelle und unterhielten uns übers Fachliche. Er interessiere sich für meine Praktikantentätigkeit und ich fragte gelegentlich, was haben Sie, Nikolaj Ivanvich, hier heute gemacht? Eine Freundschaft fing an sich zu entwickeln. Das Schicksal schaffte Gelegenheiten, um sich zu treffen.

Als ich mein Studium beendet habe, lud man mich ein, die Stelle des Leiters des Kamyshinsker Versuchsfeldes zu übernehmen, und Nikolaj Ivanovich war zu dieser Zeit Professor im Institut für Landwirtschaft in Saratov. In diesen Jahren, 18, 19, 20 und Anfang 21 trafen wir uns jedes Jahr in Moskau. Ich besuchte ihn am Fachbereich. Sogar zu Hause empfing er mich. In dieser Zeit herrschte Hungersnot. Er beschaffte dennoch einige Lebensmittel, um mich damit bewirten zu können.
Er kam 1920 extra nach Kamyshin. Machte sich mit der Lokalsituation des Gemüseanbaus vertraut. Er übernachtete bei mir. Danach trafen wir uns jedes Jahr auf Konferenzen. Er stammte aus einer solchen Familie – der Vater, ein Mitglied der Moskauer Duma, war ein Mäzen wissenschaftlicher Mitarbeiter. Der Sohn eines armen Bauerns. Im Alter von entweder 12 oder 15 Jahren hat er sich aufgemacht, um Arbeit zu suchen. Er hatte einen Brief des Priesters dabei, in dem stand, dass der Inhaber dieses Briefes über eine wunderschöne Stimme verfügt und es ganz gut wäre, wenn man ihn in einem Kirchenchor unterbringen könnte. So sang dieser Vanja in Moskau 2-3 Jahre in einem Chor. Der Nachkomme eines armen Bauern, Sohn des Volkes. Später arbeitete er als Laufbursche bei einem Kaufmann (Kypec), machte einige Jahre lang den Laden sauber, wuchs auf und erweckte bei dem Kaufmann großes Vertrauen. Und dieser machte ihn fast zum Leiter. Er wurde ein Mitglied der Aktiengesellschaft der Manufaktur.
Nikolaj Ivanovich bekam von seinen Eltern bäuerliche Bräuche und Ethik mit. Sie besteht darin dass jeder nach dem Gebot lebt: Arbeite im Schweiße deines Angesichts, verdiene dir dein Brot. Das ist die Ideologie der Erziehung. Ein sehr einfacher Mensch. Er wurde wegen seines aufmerksamen und humanen Umgangs mit Menschen sehr geliebt. Auch in unserer Akademie.
Der Vater emigrierte 1918, da von Lenin „Terror“ angekündigt wurde. Nach dem Anschlag von Kaplan, die Unternehmer und Verwalter von Firmen zu verhaften. Ungefähr eine Million Menschen. Eine Massenflucht ins Ausland: Manche gingen zu Fuß, manche zu Pferd, über Wasserwege oder mit Zügen. Er lebte in Bulgarien. Nachdem sich alles gelegt hatte, ich erinnere mich nicht, hat Nikolaj Nikolavich beim Kalinin einen Antrag eingereicht, dass man seinem Vater erlaubte zurückzukehren. Ein paar Jahre und Nikolaj Nikolavich beerdigte ihn. Ich habe sehr viel Literatur. Sämtliche Werke von ihm, Vavilov.

Wir sprechen über Vergangenes, aber die Grausamkeit, das Böse, die Ungerechtigkeit lassen sich nicht so leicht vergessen. Und Margarita Konstantinovna erinnert sich an diese Zeit, daran, dass Verurteilungen ohne Anschuldigung und Verteidigung erfolgt sind. Alles war vorbereitet, bereits getippt und gedruckt. Und das Gericht selbst – drei Richter, der Vorsitzende und zwei Geschworene.
Es gab keinen Staatsanwalt, keinen Verteidiger, keinen Rechtsanwalt – betont mein Gesprächspartner – auf meine Bitte hin, Zeugen heranzuziehen, sagte man mir, dem Gericht sei auch so alles klar. Ich wurde in meinem Sessel von zwei Soldaten mit Gewehren bewacht. Der Prozess dauerte nicht lange. „Bekennen Sie sich schuldig?“ „Nein, tue ich nicht!“ Später war alles ganz simpel.
Er wurde im letzen Jahrhundert geboren, beendete sein Studium ein Jahr nach der Revolution, arbeitete 13 Jahre an einer Versuchsstation unter Caricin. Sein Leben ist mit drei Hochschulen verbunden, Temirjasevka, landwirtschaftliche Bildungsstätten in Saratov, Krasnojarsk und Volgograd. Er hatte viele Schüler und als er 1956 rehabilitiert worden ist, rieten sie den Rektor der VSKHI dazu, den Schulmeister zu rufen, denn er konnte ihnen nützlich sein. Ihrem Ruf folgend, kam er nach Volgograd.
Damals mochte man die ehemals Repressierten nicht, hatte noch Angst vor ihnen, es war noch eine andere Zeit – sage ich.
Jetzt mag man sie auch nicht besonders, - ergänzt Margarita Konstantinovna. Es wird gemeint, dass wir zu Recht bestraft wurden und zu Unrecht befreit. Bis heute kommt es vor, dass Menschen, die wissen, dass wir unter Repressalien litten und uns seit 15 Jahren kennen und wissen, dass wir keine Verbrecher sind, sich plötzlich vergessen und sagen „zu Recht bestraft“.
Es kam auch vor, dass ich am Institut lange diskutieren musste, es gab einige, die mir gegenüber feindlich gesinnt waren. Feinde aufgrund des nationalen Haders, Völkerhasses. Aber die örtliche Leitung behandelte mich immer gut. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich sage es nicht, um zu prahlen. Die Obrigkeit behandelte die Intellektuellen so: Sie schätzten sie dafür, dass sie ihnen nicht widersprachen, sich mit allen Maßnahmen einverstanden erklärten. Aber sie verstanden auch, dass es zu kolossalen Fehlern führte und daher schätzten sie, nebst der Liebe zu solchen prinziplosen Menschen, auch die Menschen, die ihnen die Wahrheit sagten. Im Interesse des Betriebes, der Produktion. Und da ich so erzogen worden bin, dass ich, wenn ich gefragt wurde, nicht lügen konnte, sagte ich: - „Ich bin anderer Meinung.“ Und es ergab sich meistens, dass meine Antworten den Interessen der Produktion entsprachen. Daher gingen alle Minister, wichtige Persönlichkeiten gut mit mir um.
Ich kann außerdem noch hinzufügen, dass ich 1966 den Orden „Ehrenanzeichen“ verliehen bekam. Und zehn Jahre später – den Orden der roten Arbeitsfahne. Georgij Viktorovich, ich teile Ihnen dies nicht um der Eigenreklame willen mit. Ich bereue nicht. Es geht darum, dass meine Feinde sich alle Mühe gegeben haben, mir ein Bein zu stellen. Daher zeigten sie mich oftmals im Obkom an, sobald die obersten Minister anfingen, sich damit auseinanderzusetzen, und wenn sie mich zu sich riefen, überzeugten sie sich davon, dass alles gelogen war, und Schulmeister das sagt, was er denkt. Und sein Denken basiert auf dem Wissen, dass er erworben hatte und auf seiner Erfahrung. Ich hätte mich anderenfalls nicht halten können, wenn ich allen Fehlern und schädigenden Maßnahmen, die durchgeführt wurden, zugestimmt hätte. Ich hätte diese Stelle nicht einnehmen können.

Eine Wende im Umgang der Volgograder Gesellschaft mit mir, brach mit dem Erscheinen Gorbachevs auf der Bildfläche an. Ab da schwiegen meine ehemaligen Feinde. Ich lebte nun ohne ständig ihrerseits bedroht zu werden. Jetzt bin ich vom Gouverneur der Region besonders toll behandelt worden, er gab mir mehrere Millionen, damit ich herausgeben konnte, (zwei Bände des Werks des Wissenschaftlers habe ich für unser Geschichtsmuseum mitgenommen – red.) die Verwaltung der Hochschule ging ebenfalls sehr gut mit mir um, sie haben meine Jubiläumsfeier organisiert.
Sie müssen im Alltag sicherlich charakterlich stark und hartnäckig sein? – frage ich ihn.
Wissen Sie, dass haben mir meine Lehrer in Moskau beigebracht. Ich besuchte die Veranstaltungen des Prjanischnikov, Dojarenko, des berühmten Chemikers Kablukov, des berühmten Akademikers Dem’janov, dann Vavilov und des berühmten Chajanov. Im achten Semester unterrichtete er bei uns die landwirtschaftliche Kooperation. Das alles waren äußerst prinzipienfeste Menschen. Und das Schicksal des Chajanov ist Ihnen bekannt. Er wurde als Mitglied der Kondratjeskij-Chajanov Partei zum Tode durch Erschießung verurteilt. Erschossen wurde er sieben Jahre später. Hat all die Jahre das Damoklesschwert über sich hängen gehabt. Das war eine grausame Bestrafung. Zu solchen Maßnahmen waren nur ausgesprochene Sadisten-Paranoiker fähig.

Aber hier geht der Wissenschaftler erneut zu seinen Lehrern über und sagt, dass „ sie ihm solches beigebracht haben, dass man in der Wissenschaft immer saubere Hände haben muss, darunter ist zu verstehen – keine Lügen, keine Fälschungen hervorzubringen, sondern die Wahrheit und nur die Wahrheit zu sagen. Priaschnikov und Vavilov haben es besonders betont. Dass die Wissenschaft nur mit sauberen Händen betrieben werden darf.

Die Tochter erinnert sich daran, wie der oberste Beamte des Obkom, Schkol’nikov, im Jahre 1962, - er war auf der Seite von Papas Vorschlägen-, den Rektor rügte: „ Aber Sie, Vasilii Fedorovich, sind wie eine Windfahne, folgen dem Wind. Der Schulmeister dagegen, geht auf den Scheiterhaufen, rückt aber von seinen Prinzipien nicht ab.„ Später hat der Rektor es Papa heimgezahlt.

Wir haben den Kalaschnikov, den ehemaligen Vorsitzenden des Lokalkomitees, der von den Zeitungen scharf kritisiert wurde, ebenfalls bedacht. Er hat die Menschen einfach ignoriert. Wenn etwas im landwirtschaftlichen Bereich benötigt wurde, bestellte er sich Berater aus Saratov und das, obwohl die vor Ort ansässigen Wissenschaftler und Spezialisten sich wesentlich besser mit lokalen Bedingungen und Spezifika auskannten. Er, selber im Haus der Romanovs (gehörend dem Obkom) lebend, verschaffte auch seiner Tochter eine Wohnung. Die dortigen Einwohner hatten es aber später durchgesetzt, (und es war die Aushebung Gorbachevs), dass er und seine Tochter verschwanden.

Während wir uns unterhielten, verschwand Margarita Konstantinovna des öfteren in der Küche, dort wurde der Lieblingskuchen, gefüllt mit Kohl, zubereitet.
Nationalgericht der Volgadeutschen. Ich schaute mich währenddessen im Zimmer mit vielen Familienfotographien und Büchern um. Solov’ev, Sovjetisches Lexikon, Dickens, Skott – mag ich sehr - sagte Schulmeister über diese Autoren. Außerdem mag er solche Kuchen und Hirsebrei mit Speck. Und Lysienko hielt man für einen untertänigen Blödmann. – fügt Schulmeister plötzlich hinzu. Er war praktisch ein Analphabet.
Ich möchte Ihnen noch einen Gedanken mitteilen: Stalin hielt Lysienko für den bedeutendsten Wissenschaftler in unserem Land. Er hat ihm sieben Leninorden verliehen. Nicht einmal ein Heerführer besaß in unserem Staat so viele. Er war ein Gauner, Schwindler innerhalb der Wissenschaft. Welchen Schaden haben Lysienko und Stalin angerichtet. Wegen Lysienko wurden Vavilov und Karpechenko hingerichtet, in Saratov gab es einen bemerkenswerten Wissenschaftler, Meister. Er wurde ebenfalls hingerichtet. Denn Lysienko war an der Akademie. Es gibt ein Porträt von ihm, von Jakushkin. Wir wissen, dass er (als letzter) Denunziationen schrieb.

Bis zum siebten Lebensjahr lebte ich in einem Dorf. Mama konnte kein Wort Russisch. Und auch ich konnte bis zum siebten Lebensjahr kein Wort Russisch. Dann schickte mich Papa nach Kamyshino, in eine russische Schule. Und bald konnte ich Russisch sprechen. Ich lernte die Sprache ununterbrochen, bis ich fünfzehn wurde.
In der Zeit meiner Inhaftierung hatte ich einen sehr guten Freund Degtiarenko Sasha, Aleksandr. Er hat an der Temiasever Akademie studiert, erfolgreich abgeschlossen. Promovierte in Leningrad. Wurde des Landesverrats beschuldigt.

Was sind für Sie 100 Jahre? Wie erreicht man die 100 und bleibt auf der Höhe? – frage ich den Professor.
Es ist vor allen Dingen ein Geschenk meiner Mutter, die mir das Gen der Langlebigkeit geschenkt hat. Ohne dieses Gen hätte ich nicht überleben können. Ekaterina Andreevna, geborene Beimler.
Und auch aufgrund des Wissens, das mir meine Lehrer vermittelt haben, vor allem an der Akademie – Priashnikov, Viliams (im Laufe meiner Studienzeit und zu meiner Zeit, als er nicht in der Partei und ein freier Mensch war, behandelte er die Studenten und Dozenten sehr menschlich. Nach seinem Eintritt in die Partei, 1926 unterrichtete er die Dogmen, die gröbsten Fehler der Pflanzenzüchtung.) Ich bekam Kenntnisse vermittelt, die mir halfen, mich mit meiner landwirtschaftlichen Tätigkeit auseinanderzusetzen, und sich besonders im Fernen Osten als nützlich erwiesen haben. 1958 kam sein Buch „Pflanzenzüchtung im Nord-Osten“ heraus.
Und, weiterhin meine Fragen beantwortend, fügt er hinzu: „Der Wissenschaftler ist dem Volk eine Rechenschaft schuldig, er muss sich bewähren. Ich hatte Glück. Wesentlich gesündere, kräftigere und willenstärkere wurden auch zur Zwangarbeit verurteilt. Und sie kamen um. Fortuna. Meine Aufgabe war es, Futterpflanzen zu züchten. Später wurde von Stalin angeordnet, alle deutschen, finnischen, ungarischen und rumänischen Häftlinge, mit denen wir Krieg geführt haben, in Straflager zu versetzen. Wir waren ca. sechzig Deutsche in der Sovchose. Und so sitzen wir bereits im Wagen, als plötzlich die Tür aufgeht und der Leiter der Sovchose, der für die Produktion zuständig war, hereinkommt (es war Aussaatzeit): „ Steig herunter Schulmeister!“ Die Kameraden winkten mit ihrer Kopfbedeckung, und auch ich nahm meine Mütze ab.

Nach Ablauf der Strafe wurde ich in meiner Abwesenheit zur lebenslangen Verbannung ins Magadaner Gebiet verurteilt. Ohne Erlaubnis, das Festland zu betreten. Im Januar 1956, nach 18 Jahren GU-LAG, bekam ich meine politischen Rechte wieder. Die Familie des Staatsfeindes hat all die Jahre in Verbannung im Norden von Kasachstan verbracht – aber unser Wiedersehen wurde immer wieder aufgeschoben. Der Einladung der Regionalleitung Magadans folgend, blieb ich noch ein weiteres Jahr dort und ging der Tätigkeit des Leiters der Abteilung für Wissenschaft in der dortigen landwirtschaftlichen Verwaltung nach. Arbeitete zwei Jahre in Krasnojarsk, dann in Volgograd. 1964 verlieh ihm der Prüfungskommission des SKHI, aufgrund der veröffentlichten Arbeiten zum Thema „ Die Problematik des trockenen Ackerbaus im Gebiet des Kastaniengrundes des unteren Volgagebietes.“ den Doktortitel in Agrarwissenschaften. Er widmete lange Jahre seiner wissenschaftlichen Tätigkeit der Erforschung der reinen Dämpfe. (Wundervoll sind sie, aber sie defraudieren (verringern) die Fruchtbarkeit des Bodens, die Humusverluste sind sehr groß.)

Auf der Feier zu Ehren seines Jubiläums sprach der Leiter der Regionaladministration von der Anwendung der wissenschaftlichen Theorien des Jubilars in der Landwirtschaft der Region, die übrigens in den letzten Jahren ziemlich hohe Leistungen vorzuweisen in der Lage war.
Nicht ohne Grund redeten viele, u.a. auch der Wissenschaftler I. S. Shatilov über das Talent und die Einzigartigkeit des ehemaligen Studenten unserer Akademie, seine hohe Schaffensaktivität, den, bis zum heutigen Tage anhaltenden, unermüdlichen Arbeitseifer, die bürgerliche Anständigkeit desjenigen, auf dessen Leben und Schaffen russische Agrarwissenschaft und praktische Landwirtschaft in Steppengebieten stolz ist. „Patriarch der Agrarwissenschaft für die Steppengebiete Russlands.“ Diese Bezeichnung gibt seine Bedeutung am besten wieder.

Der Kuchen ist fast aufgegessen. Margarita Konstantinovna bietet mir ein neues Stück an und legt es dann unaufgefordert auf meinen Teller. Ich hätte aber auch nicht abgelehnt, denn man bekommt sonst nicht so oft derart leckere Hausmannskost. Wir erheben unsere Gläser, die mit der kristallreinen Smirnov-Vodka gefüllt sind. Der Professor spricht einen Toast aus. Ich hab aber nicht erfahren können, wie der Professor in seinem Alter lebt, woran er nachts denkt. Wie er seine Verurteilung und die Monate in der Todeszelle wahrgenommen und überlebt hat. Vieles aus dem Leben unseres Zeitgenossen habe ich nicht erfahren. Ich denke, dass die letzte Hölle seines Lebens längst in der Vergangenheit verschwunden ist und dort ruht. Eine lange Zeit verbrachte er ganz gegen seinen Willen über den Abgrund, als die erboste Vergangenheit ihn auch nach dem 90. Jahr seines Lebens immer noch gelegentlich zu erkennen gab. Wie hat er durchgehalten, die Menschlichkeit, den Menschen in sich bewahrt?

Erkennen Sie den Charakter meines Gesprächspartners? Ein wirklicher Monolith. Geboren fünf Jahre vor dem 20. Jahrhundert, möchte er die nächsten fünf bis zum 21. ebenfalls wohlbehalten meistern. Vielleicht wird das Schicksal es erlauben, dass jener Russland-Deutsche, dessen Devise lautet: „Vergib deinen Verrätern“ noch lange lebt und uns allen mit einem guten Beispiel vorangeht, uns zeigt, wie man Menschen behandeln sollte. Wer sonst könnte das?