Dieser Eintrag stammt von Heinz Schäffer  († 2009)

Wie viele Schutzengel braucht der Mensch?

Das 20. Jahrhundert, in dem ich 74 Jahre leben durfte, hat durch die beiden schrecklichen Weltkriege mit den unfassbaren Zerstörungen der Wohngebiete, den Vertreibungen und folgenden Gebietsverschiebungen, Millionen von Menschen das Leben gekostet. Fast alle Überlebenden, die diese Zeitabschnitte unbeschadet überstanden haben, können von mindesten einem, wenn nicht von mehreren Schutzengeln, den Sendboten des lieben Gottes, berichten. Ich habe einmal versucht, mein Leben rückschauend zu betrachten, um das schicksalhafte Eingreifen meiner Schutzengel zu dokumentieren.

Das erste Wirken meines Schutzengels
Im Herbst des Jahres 1940 war ich von meiner Schule für den Internatsübertritt in eine Lehrerbildungsanstalt vorgeschlagen worden. Man konnte dort mit 18 Jahren einen „Abschluss“ machen, der einem sehr praxisbezogenen Abitur gleichkam und zum Einsatz als Volksschullehrer befähigte. Ich befand mich zu der Zeit auf einem Gut im Kreise Rummelsburg in Pommern, um bei der Kartoffelernte zu helfen. Obwohl ich gerne Lehrer geworden wäre, riet mir eine innere Stimme, diesen Schulwechsel abzulehnen, was mir mit energischem Eingreifen meiner Eltern auch gelang. Meine Mitschüler, die zur Lehrerbildungsanstalt gegangen waren, haben diesen Schritt später sehr bereut, denn sie wurden alle vorzeitig und ohne Abschluss zur Waffen-SS eingezogen.

Nach dem Kriege wurde diese Ausbildung nicht anerkannt; außerdem hatten sie große Startprobleme wegen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit. Ich bin der Meinung, dass ich bei meiner Entscheidung das erste Mal von meinem Schutzengel geführt worden bin.

Der zweite Eingriff meines Schutzengels 
Am 1. August 1943 bin ich zum Reichsarbeitsdienst (RAD) einberufen worden. Unser Lager befand sich in Ostpreußen, in der Nähe des Dorfes Salpkeim, das ca. 20 km südlich von Rastenburg lag. 

Obwohl ich zum gleichen Zeitpunkt meine weitere Ausbildung in der Verwaltungsschule Stettin antreten sollte, hatte ich keine Wahl. Die Marschrichtung hieß: RAD Ostpreußen. Durch meine Verwaltungskenntnisse wurde ich im RAD nach 14 Tagen sehr strengem Dienst mit wenig Essen und starken körperlichen Anstrengungen zum Quartier- (Verpflegung) und Kammermeister-Gehilfen (Kleidung und Geräte) eingesetzt. Ich hatte zwar sehr viel Arbeit und saß darum auch häufig nachts in der Schreibstube, um Abrechnungen und Aufstellungen zu fertigen. Am nervigsten waren die Lebensmittelkarten-Abrechnungen und vielen Aufstellungen, die alle mit Geld verbunden waren. Vom täglichen Dienst war ich jedoch völlig freigestellt.

Nach 4 Wochen bekam unsere Abteilung den Auftrag, bei den Erdarbeiten des Flugplatzes für das Führerhauptquartier in Rastenburg mit zu helfen. Durch diesen Einsatz wurde ich einer FLAK-Einheit unterstellt und musste nicht mit an die Atlantikküste zum Bunkerbau. Viele Kameraden sind dort bei den schweren körperlichen Arbeiten verletzt worden oder sogar tödlich verunglückt. Ich bin der Meinung, dass mein Schutzengel auch hier die Hand im Spiel gehabt hat. 

Auch in Frankreich stand mir mein Schutzengel zur Seite

Der Führer hatte angeordnet, dass der Jahrgang 1926 nicht an der Ostfront eingesetzt werden sollte. Das hatte der RAD-Führer unseren Eltern am Einberufungstag bei der Verabschiedung zur Beruhigung mitgeteilt. So kam ich nach der Entlassung aus dem RAD im Oktober 1943 zur kurzen Ausbildung nach Deutsch-Krone in der Neumark, um später mit einem süddeutschen Ersatzbataillon in der französischen Normandie eingesetzt zu werden. Im Mai 1944 durfte ich noch einmal für 14 Tage in Urlaub fahren, da meine kleine Schwester im April verstorben war.

Nach dem sehr schönen Urlaub, denn in Pommern lebte man auch im Mai 1944 noch wie im tiefsten Frieden, musste ich durch das zerstörte Westdeutschland mit der Bahn nach Brest fahren, weil meine Einheit inzwischen von der Normandie dorthin verlegt worden war. Die Fahrt war ein einziger Höllenritt. Die Alliierten hatten die völlige Lufthoheit gewonnen und bombten und schossen auf alles, was sich auf der Erde bewegte. Es war eindeutig, dass sie eine große militärische Aktion vorbereiteten, denn sie versuchten insbesondere alle Transportwege zu zerschlagen. 

Mehrfach sind unsere Züge zerstört worden. Wir mussten immer wieder umsteigen und Umwege fahren. In Belgien, vor Lüttich, hielt der Zug mehrere Stunden. Ich war aus dem Zug gestiegen und sah, dass die FLAK-Besatzung auf dem letzten Waggon ihr Geschütz verließ und im Laufschritt in einem der nächsten Gräben Deckung suchte. Bei mir schrillten sofort die Alarmglocken; im Eilzugtempo lief ich die Böschung hinunter und warf mich, ohne auf den Schmutz zu achten, ebenfalls in einen Graben. Das war meine Rettung, denn unter den Zuginsassen und denen, die neben den Gleisen standen, gab es viele Tote und Verletzte. Die Flugzeuge stießen im Sturzflug so schnell auf den Zug, so dass die Mehrzahl der Insassen keine Chance hatte, eine Deckung aufzusuchen. Auch in dieser Situation hat mich mein Schutzengel nicht im Stich gelassen.

Bei der Invasion der Alliierten war die Wachsamkeit der Schutzengel stark gefordert. Am dritten Tag der heftigen Bombenangriffe auf und um Brest stand fest, dass es sich um ein Scheinmanöver handelte. Das tatsächliche Invasionsziel war die Normandie. Die Verteidigungstruppen sollten abgelenkt und zu falschen Entscheidungen veranlasst werden. Unsere Division erhielt den Marschbefehl, die schlappen 350 km bis zur Invasionsfront in einer Woche zurückzulegen. Es sollte nur nachts marschiert werden mit einer Leistung von 50 km, weil die Tiefflieger tagsüber jedes militärische Objekt angriffen.

Ich bekam am zweiten Tag sehr starke Halsbeschwerden, so dass ich vom Stabsarzt in das nächste Feldlazarett eingewiesen wurde. Dort wurde ein Mandelabszess diagnostiziert, der am nächsten Tag in Vollnarkose operiert wurde. Der Arzt erklärte mir, dass die Operation nicht ganz ungefährlich gewesen sei. 

Die Division hatte in den Nachtmärschen die vorgegebene Strecke von 50 km nicht erreicht. Sie bekam daher den Befehl, schon bei Tageslicht Aufstellung zu nehmen und zu marschieren. Das war eine verhängnisvolle Entscheidung. Die gegnerischen Aufklärungsflugzeuge hatten das sofort erkannt und ihre Jäger alarmiert. Die Angreifer kamen so schnell und überraschend, dass die Verluste an Menschen und Material schrecklich waren. Fast jede Kompanie hatte 25% Ausfälle zu melden; an einen Ersatz oder eine Verstärkung war nicht zu denken. Da es kaum noch intakte Fahrzeuge gab, mussten die Soldaten den Tornister und auch die Munitionskisten selber tragen.
Ich lag dagegen im einem Bett im Feldlazarett und hoffte auf meine baldige Genesung. Von den schrecklichen Erlebnissen meiner Kameraden habe ich erst später erfahren.
Mein Schutzengel hatte wieder einmal dafür gesorgt, dass ich rechtzeitig aus dem Verkehr gezogen wurde.

An der Front hatten die Schutzengel Hochkonjunktur
Nach 14 Tagen wurde ich zusammen mit mehreren Soldaten aus verschiedenen Waffengattungen als fronttauglich aus dem Lazarett entlassen. Wir mussten uns selbst das Transportmittel beschaffen: Es war ein französischer Linienbus, mit dem wir nach acht abenteuerlichen Nachtfahrten die Frontnähe erreichten. Von den Feldjägern, die von uns Landsern „Kettenhunde“ genannt wurden, bekamen wir nun Informationen über die Frontabschnitte unserer Einheit. So erreichte ich nach einem längeren Fußmarsch unseren Bataillonsgefechtsstand. Hier herrschte bereits ein böses Durcheinander. Ich wurde unserem Küchenunteroffizier zugeteilt und musste bei der Zubereitung der Verpflegung für unsere Kompanie helfen.

Doch plötzlich gab es auf dem Gelände große Aufregung. Ein fremder Offizier in Begleitung von Feldjägern war erschienen, um alle Soldaten ohne feste Funktionen für einen Gegenstoß einzusammeln. Die Amerikaner waren an einem Frontabschnitt durchgebrochen. Ich nutzte das chaosartige Durcheinander, um in einem für mich günstigen Augenblick unbeobachtet in ein Schützenloch zu kriechen, das ich mit einem Ballen Stroh bedeckte.

Nachdem der Lärm abgeklungen und ich sicher sein konnte, dass der Spuk vorbei war, kroch ich vorsichtig aus meinem Loch und entdeckte den Küchenunteroffizier, der sich ebenfalls vor dem gefährlichen Himmelfahrtskommando gedrückt hatte. Von den Kameraden, die beim Gegenstoß eingesetzt worden sind, habe ich nie wieder etwas gehört.
Bei der nicht ungefährlichen Befehlsverweigerung bin ich bedenkenlos der Eingebung meines Schutzengels gefolgt.

Die Höllenfahrt zum Fronteinsatz
Bei Einbruch der Dunkelheit musste die Verpflegung für die Kompanie an die Front gefahren werden. Auf drei hintereinander gekoppelte Infanteriekarren, es waren Blechkästen mit jeweils zwei Gummirädern, wurden Essenkübel und Kaltverpflegung verstaut. Davor wurde ein Pferd gespannt, das einen gewaltigen Kontrast zu den kleinen und sehr niedrigen Karren bildete. Auf dem ersten Karren saß der Kutscher, auf dem zweiten der Küchenunteroffizier und auf dem dritte kauerte ich. In schnellem Tempo ging es auf einem breiten Feldweg dem Kanonendonner entgegen. Mein Karren hüpfte ständig hin und her. Da die Einschläge immer deutlicher zu hören waren, zog ich meinen Kopf immer weiter ein. Ein Verkriechen war auf dem kleinen Gefährt aber nicht möglich. Urplötzlich kam etwas mit einem fürchterlichen Heulton auf uns zu. Das Pferd brach instinktiv zur Seite aus und riss die Karren und uns mit in den Graben. Einige Meter vor uns war eine Granate eingeschlagen. Die gesamte Verpflegung lag ebenfalls im Graben; verletzt war Gott sei Dank niemand. Der Kutscher musste das Pferd beruhigen, während der Unteroffizier und ich die Verpflegung wieder einluden. Anschließend ging die Fahrt in schnellem Trab weiter. 

Unverletzt erreichten wir den Frontabschnitt unserer Kompanie. Den grauenvollen Eindruck bei unserer Ankunft gegen 23.00 Uhr werde ich nie vergessen. Bei gespenstischer Dunkelheit musste ich sofort mit helfen, die schwerverwundeten Kameraden in ein kleines Wohnhaus zu tragen. Hier sollten sie von einem Arzt und den Sanitätern ihre Erstversorgung erhalten, denn sie konnten erst im Schutze der Dunkelheit geborgen werden. Die Verluste waren riesig gewesen. In einer Woche war unsere Kompanie von 120 auf 28 Mann zusammengeschrumpft.
Bei dieser Höllenfahrt hat uns der Schutzengel ein instinktvolles Pferd geschenkt. 

Das Wirken meines Schutzengels in unmittelbarer Frontnähe
Der Fronteinsatz war für mich schockierend. Die Amerikaner griffen mit einer derartigen Übermacht an Material und Menschen an, dass wir uns wie die schutzlosen Hasen vorkamen. Ihre Angriffstaktik war immer die gleiche. Zuerst deckten sie uns mit einem ungeheuren Granatenbeschuss ein, dann folgten die Tiefflieger und Hubschrauber, die unsere noch vorhandene Feuerkraft ausschalteten, und erst dann kam der eigentliche Bodenangriff mit Panzern und in deren Schutz die Soldaten. 

An einem Morgen lagen wir wieder unter Dauerbeschuss. Durch verwundete und ausgefallene Kameraden hatte ich keine Verbindung mehr zu Nebenleuten. Um mich gefahrlos abzusetzen, kroch ich an einem langen Erdwall entlang. Dabei traf ich auf unseren MG-Schützen. Wir fanden unsere Lage aussichtslos und entschieden uns, unsere Stellung aufzugeben. Wie wir uns aufrichteten, standen uns, oh Schreck, auf der anderen Seite des Erdwalles drei mit Maschinenpistolen bewaffnete amerikanische Soldaten gegenüber. Was dann geschah, kann ich rational nicht mehr beschreiben. Mein Gehirn und mein Denkvermögen müssen ausgeschaltet worden sein. Mein Schutzengel muss die Regie übernommen haben. 

Ich muss blitzschnell in das Schützenloch gefallen sein. Während mein Kamerad und ein Amerikaner getroffen worden sind. Ob die Schüsse tödlich waren, kann ich nicht sagen. Wie lange ich in dem Loch gelegen habe und mein Verstand ausgeschaltet war, weiß ich nicht. Irgendwann bin ich aus dem Loch gekrochen und habe mich in einem tiefen Graben unter undurchsichtigem Gebüsch versteckt. Hier bin ich in einen narkoseartigen Schlaf gefallen, der nach meinem Zeitgefühl zwei Tage andauerte. Am dritten Morgen hörte ich Stimmengewirr. Ich versuchte vorsichtig zu erkunden, wer oder was das sein könnte. Doch dann überraschte mich die Aufforderung: „Come on Boy“! Über mir standen zwei amerikanische Sanitäter, die den rückwärtigen Kampfplatz nach Toten und Verwundeten absuchten. Damit war mein Kriegseinsatz an der Westfront des 2. Weltkrieges beendet.
Mein Überleben in dieser Situation war sicher die größte Tat meines Schutzengels.

Auch in der Kriegsgefangenschaft hat mein Schutzengel mich nicht verlassen 
Bei der Gefangennahme durch die beiden amerikanischen Sanitäter bin ich korrekt behandelt worden. Doch später hat man mir alle Wertsachen und Abzeichen abgenommen.

Ich wurde mit einem Jeep von zwei Bewachern zu einem Auffanglager gebracht. Einer der Bewacher sprach perfekt deutsch. Er erzählte mir, dass er mit seinen Eltern im Jahre 1938 von Danzig nach Amerika ausgewandert sei. Im Scherz schlug er mir vor, die Uniformen zu wechseln, da ich ja nun in Sicherheit sei und nach Amerika kommen würde, während er einer ungewissen Zukunft entgegen sehe. Er versorgte mich mit drei Tafeln Schokolade, die ich gierig verspeiste. Vom Auffanglager ging es mit LKW-Transporten in ein riesiges Freilager direkt auf den Sandstrand des Atlantiks. Hier haben wir vier Wochen auf feuchtem Sand hausen müssen. 
Bei sehr schmaler Verpflegung wurden wir täglich zu Arbeitskommandos eingeteilt. Es waren überwiegend Leichenkommandos, die auf den umliegenden Schlachtfeldern Leichen einsammeln oder ausgraben mussten, Tote aus den Feldlazaretten abzuholen hatten, um alle Toten auf einem vorläufigen Soldatenfriedhof zu bestatten.

Auf einem dieser Kommandos lernte ich einen Bewacher kennen, der Schäffer hieß und aus Chikago stammte. Er war so begeistert, einen deutschen Namensvetter zu finden, dass ich fortan unter seinem persönlichen Schutz stand. So sorgte er dafür, dass ich nicht mehr zu einem Leichenkommando eingeteilt, sondern dem Vermessungsingenieur zugeteilt wurde, der auf dem Friedhof die Gräber absteckte und Holzkreuze setzte. Auch hat er mir häufiger Verpflegung zugesteckt. Das war für mich eine tolle Überlebenshilfe.
Auch für solche Zufallsbegegnungen zeichnet mein Schutzengel verantwortlich. 

Auf dem weiteren Weg meiner Kriegsgefangenschaft und meiner Entlassung musste mein Schutzengel gottlob nur regulierend eingreifen
Von Frankreich sind wir mit Landungsbooten in einer abenteuerlichen Fahrt nach England gebracht worden. Unser dortiger Aufenthalt war nur als Zwischenstation geplant, denn wir sollten in einem Konvoi nach Amerika befördert werden. Über New York ging es drei Tage lang in einem Schlafwagenzug in ein Camp nach Okmulgee im Staate Oklahoma. Hier sollte ich meine Rippenfellentzündung auskurieren, die ich mir in dem Strandlager am Atlantischen Ozean eingehandelt hatte. Die Amerikaner sind in gesundheitlichen Dingen sehr vorsichtig und gewissenhaft. So erhielt ich vorerst ein Einzelzimmer mit Dusche und Toilette. Ich kam mir vor wie im Himmel, denn ich hatte absolut keine Beschwerden. Nach Abschluss der umfangreichen Untersuchungen, durfte ich sogar in der Küche arbeiten. Trotzdem war ich durch die Anfangsdiagnose für den Gefangenenaustausch mit amerikanischen Soldaten aus Deutschland vorgesehen. Zum Weihnachtsfest 1944 bekam ich die erlösende Mitteilung, dass ab sofort keine Austauschtransporte mehr stattfinden. Das war mein schönstes Weihnachtsgeschenk. Da wir verpflegungsmäßig bestens versorgt wurden und in der Kantine bis auf Alkohol alles kaufen konnten, haben wir stilvoll Weihnachten gefeiert.

Über Camp Forrest im Staate Tennessee sind wir Mitte Juli 1945 von New York mit einem riesigen Dampfer auf die Heimreise geschickt worden. In Cherbourg wurden wir ausgeschifft, um von hier unter amerikanischer Begleitung mit dem Zug nach Frankfurt am Main gebracht zu werden. Die Amerikaner achteten sehr darauf, dass wir von den Franzosen nicht belästigt wurden. 

In Frankfurt Babenhausen wurde uns mitgeteilt, dass wir zum kriegsbedingten Arbeitseinsatz nach Frankreich oder England kommen würden. Nur wer arbeitsunfähig war, hatte die Chance, nach Hause entlassen zu werden. Da wir unseren Entlassungsschein bereits erhalten hatten, habe ich eine schnelle Urkundenfälschung begangen und meinen Entlassungsschein entsprechend geändert. Damit hatte ich wider Erwarten Glück; meine Fälschung ist nicht entdeckt worden. Ich war ab sofort ein freier Mann.
Für meinen Entlassungsschein habe ich die Anschrift meines Bettnachbarn angegeben, da meine Heimat Stolp in Pommern von den Polen besetzt worden war. Ich wusste nicht, ob meine Eltern den Krieg überlebt hatten. So habe ich mich mühselig nach Hamburg durchgeschlagen. 

Ich war erschüttert, wie ich auf einem Kohlenzug sitzend, durch das zerbombte Hamburg fuhr. Die Vorortsbahn brachte mich durch Trümmerfelder nach Bergedorf. Wie ich in Bergedorf ausstieg und vor dem Bahnhof stand, traute ich meinen Augen nicht: Eine völlig heile Welt, an der der Krieg mit seinen sinnlosen Zerstörungen spurlos vorbeigegangen war. Nach einem Fußmarsch von einer Stunde erreichte ich das Haus der Familie meines Kriegskameraden in Hamburg-Lohbrügge. Hier durfte ich nur eine Woche bleiben, da für Hamburg eine absolute Zuzugssperre galt. Ich suchte mir sofort Arbeit und Unterkunft bei einem Gemüsebauern in Hamburg-Allermöhe. Der Bauer ging mit meinen Anmeldeformularen zur Ortsdienststelle, die dort zwar abgestempelt, aber als für die Zuzugsbewilligung nicht zuständig zurückgegeben wurden. Mit diesen Papieren habe ich mir in Lohbrügge eine Anmeldeanschrift besorgt und ein Ummeldeformular von Allermöhe nach Bergedorf ausgefüllt, da nach Auskunft des Sachbearbeiters in Bergedorf, für eine Ummeldung innerhalb Hamburgs die Zustimmung der Genehmigungsbehörde in der Baumeisterstraße nicht erforderlich war; auf die Anmeldedaten hat er nicht geachtet. So wurde ich über diesen Trick Hamburger Bürger. 


Ich bin meinem Schutzengel zeitlebens dankbar, dass er mir in dem wunderschönen
Städtchen Hamburg-Bergedorf ein neues Zuhause, ja eine zweite Heimat gegeben hat.