Dieser Eintrag stammt von Raja Schuylenburg (*1989)


Meine Jugend im 3. Reich

Ergebnisse eines Interviews mit Ute A. (*1932)

„Wenn ich mir heute Filme über die damalige Nazizeit und die Umstände in denen man gelebt hat angucke, wird mir oft bewusst, dass ich wirkliches Glück gehabt habe, denn mir ist in sofern nie etwas schlimmes passiert. Ich wurde 1932 in Bergedorf geboren und war 7 Jahre alt als der Krieg anfing. Meine Eltern waren gegen Hitler. Sie gehörten der sozialistischen Partei an. Dies verheimlichten sie aber so gut es ging vor mir. Sie hatten angst, dass ich sie bei meinen Spielkameraden (die Eltern waren Nazis) verraten und sie so in Schwierigkeiten bringen würde. Sie hörten mit mir deshalb im Volksempfänger die Reden von Hitler oder Goebbels, damit ich in der Schule erzählen konnte, dass ich sie auch gehört habe. Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich mit meiner Mutter einkaufen gegangen bin. Uns kam eine Dame aus unserer Straße entgegen. Ich wusste genau, dass ich sie mit „Heil Hitler!“ begrüßen sollte, doch ich sagte zu meiner Mutter, dass ich dies nicht tun werde! Meiner Mutter gefiel dies jedoch nicht. Die Dame kam vorbei und grüßte wie immer mit „Heil Hitler!“ Ich sagte nur „schön guten Tag“, im selben Augenblick hatte ich mir eine heftige Backpfeife von meiner Mutter eingefangen. Damals war ich stinksauer auf meine Mutter, aber später hat sie mir dann erzählt, dass sie dies tun musste, damit nicht rauskam, dass sie gegen Hitler war.
 
Mit 15 musste ich dann zum Bund Deutscher Mädchen (BDM). Ich hab das gehasst! Wir sangen zusammen Lieder, kochten zusammen und wurden gegen jegliche Art von Ausländern aufgehetzt. Ich probierte jedes mal, mich vor dem Hingehen zu drücken, bis sie mich eines Tages abholen wollten. Doch zum Glück waren dieses mal meine Schuhe verbrannt, da ich sie zum aufwärmen zu weit in den Ofen gestellt hatte, und ich kein zweites Paare hatte, um zum BDM zu gehen. 

1943, musste ich mit 11 Jahren an der Kinderlandverschickung teilnehmen. Meine Mutter sagte, dass es gut wäre, wenn ich verreisen würde, da ich früher immer stark erkältet war. Den wahren Grund allerdings verheimlichte sie mir. Ich wurde nach Oldenburg verschickt, hielt es da aber nur 14 Tage aus. Als ich hörte, dass Bremen bombardiert wurde, bekam ich auf einmal eine schreckliche Angst, dass jetzt auch Hamburg dran war, und ich nicht bei meinen Eltern war. Ich fragte meine Gastmutter, die ich sehr mochte, wie viel es kosten würde, wenn sie mich mal mit der Bahn besuchen würde. Sie hat mir dann den Betrag von 17 Mark genannt. Nun wusste ich, wie viel ich brauchte, um alleine nach Hamburg zurückzufahren. Mein Geld reichte jedoch nicht ganz aus, und ich bat meine Mutter in einem Brief darum, mir noch etwas Taschengeld zu schicken; das tat sie auch. Als der Brief angekommen war, habe ich ein Telegramm aufgegeben, in dem ich meiner Mutter mitteilte, dass ich morgen um 13 Uhr am Bergedorfer Bahnhof ankommen würde. Dann fuhr ich den nächsten Tag alleine nach Hamburg zurück. Als ich zu Hause ankam war meine Mutter aber nicht begeistert und hielt mir eine ordentliche Standpauke.

Als dann die ersten Bomben auf Hamburg fielen, habe ich mir zusammen mit unserer Nachbarin einen Bunker gebaut. Der Bunker war ungefähr einen Meter unter der Erde. Einen absoluten Schutz bot der Bunker sicher nicht, aber er bot eine gewisse Beruhigung. Wenn in der Nacht der Bombenalarm anfing, musste mein Vater immer schnell aus dem Haus, denn er arbeitete bei der Feuerwehr. Mich holte dann unsere Nachbarin, um mit mir in den selbstgebauten Bunker zu klettern. Immer mit dabei waren meine Schildkröte und der Hund meiner Nachbarin.
 
Ich glaube, die größte Angst hatte ich einmal, als meine Mutter im Krankenhaus lag, und ich alleine zum Einkaufen gegangen bin. Damals musste man zum Krämer immer so kleine Lebensmittelkarten mitnehmen um die einzelnen Lebensmittel zu bekommen. Jedes Mitglied im Haushalt bekam eine Lebensmittelkarte. Für uns gab es immer 3 Karten: für meinen Vater, für meine Mutter und für mich. Da aber meine Mutter zu der Zeit im Krankenhaus lag, hätte ihre Karte abgegeben werden müssen. Zum Glück ist es nie herausgekommen, dass wir alle Karten benutzten.