Dieser Eintrag stammt von Paul Schwetz (*1989)

Nie wieder in die Heimat…

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn M. (*1926 )

Als erstes vorweg: Ich bin Deutscher! Ich wurde in Kreuzberg, Ostpreußen geboren.

Als der Krieg ausbrach (1939), arbeitete ich gerade als Autoschlosserlehrling. Es war eine gute Arbeit und sie machte mir viel Spaß. Doch mein Wunsch war es, der Wehrmacht beizutreten, da es eine Ehre ist, für sein Vaterland zu kämpfen. Leider wurde ich im Herbst bloß zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Dann wurde ich im Neujahr in einem kleinen Dorf in Polen (damals noch deutsches Terrain) stationiert, um Schützengräben zu graben. Als plötzlich die Russen im Januar 1944 während eines Gefechtes die Front durchbrachen, musste ich bei Nacht, ausgerüstet mit einem Fahrrad und einem Gewehr, in Richtung Heimat fliehen. Als ich in Zittau ankam, wechselte ich meine braune Arbeitsuniform gegen eine graue Wehrmachtsuniform. Im Ersatz-Ausbildungs-Batallion wurde ich bis zum April 1945 zum Minenwerfer ausgebildet. Später wurde ich als Panzergrenadier an die Front versetzt.

In einem schweren Gefecht wurde ich von einem Granatsplitter am Knie verletzt. Es war nur eine leichte Verletzung, doch sie behinderte mich an der Flucht, so dass ich von den Russen während einer Schlacht gefangen genommen wurde. Vom Kriegsgefangenenlager in Sommerfelde (mit etwa 20.000 Inhaftierten) wurde ich und eine Gruppe anderer Gefangener in einen Viehwagon gepfercht und in einer einmonatigen Zugfahrt nach Libidian Na Donu, einer Ortschaft in Russland gebracht. Es schneite. Als Unterkunft diente uns eine vierstöckige, leicht beschädigte Schnapsfabrik. In der obersten Etage wurden die Offiziere untergebracht. In den anderen drei waren wir Soldaten. Ich arbeitete im Begräbniskommando und schaufelte täglich Gräber aus. Als Bezahlung erhielt ich 50g Brot. In diesem Lager hörte ich, wie einige Soldaten russisch sprachen. Es waren (bzw. wurden später) Russlanddeutsche. Deutsche, denen die Ausreise in ihr Heimatland später verwehrt worden ist. Ich ahnte nicht, dass wir einem gemeinsamen Schicksal ausgesetzt waren, und dass ihr Leidensweg auch der meine war. Als der Winter zu Ende war, wurde ein Teil der Gefangenen (darunter ich) nach Chimki, eine Vorstadt von Moskau, gebracht. Dort fanden intensive Verhöre statt. Hier erfuhr ich, als ich wahrheitsgemäß angab, dass ich Ostpreuße bin, dass ich nie wieder nach Hause darf, weil es jetzt russischer Boden ist (wie es leider bis heute ist) und damit eine geschlossene Zone. Ich bereute es zutiefst, die Wahrheit gesagt zu haben. Ich hätte doch einen anderen Geburtsort angeben können! Dann wäre mein weiterer Lebensweg sicher anders verlaufen. Aber das konnte ich leider nicht vorhersehen…

Ende Herbst wurden mehrere Russlanddeutsche (darunter ich) nach Kotlas, (einem Gefängnis) gebracht. Hier blieben wir nicht sehr lange (etwa 1 Monat). Meine Reise ging weiter Richtung Norden. So kamen wir nach einer langen Zugreise in einem Gebiet namens Lespunt Sotka Karosoborskie Lespromchos in Archangelsk an: und zwar zum Arbeitsdienst unter Kommandanturaufsicht für sehr lange Zeit. Wir waren jetzt Holzfäller. Außer ein paar Baracken und dem schier unendlichem Wald gab es dort nichts. Eine Baracke war als Kontor und für die Verwaltung eingerichtet und eine andere als Kommandantur. Die anderen waren als Unterkünfte für uns gedacht. In einigen davon wohnten bereits Russlanddeutsche. Sie waren wohl schon früher dorthin verschleppt worden. Von nun an war dies unser Zuhause, unser Lebensort. Dort traf ich auch meine erste Frau. Sie arbeitete als Köchin. Im Jahre 1949 heiratete ich sie. Später bekamen wir Kinder. 1950 erhielten wir einen Brief von ihrem Bruder und blieben in Briefkontakt mit ihm.

Als dann im Jahre 1953 Stalin starb, schrieb ich ein Gesuch nach Moskau mit der Bitte, nach Deutschland zurückkehren zu dürfen. Die Genehmigung wurde verweigert. Ich wiederholte mein Bittschreiben 3 bis 4-mal pro Jahr. Doch jedes Mal bekam ich eine Absage mit der Begründung, dass ich ein Visum bräuchte. Leider konnte mir niemand ein Visum ausstellen, da meine Eltern gestorben waren (mein Vater, als ich klein war und meine Mutter während eines Bombardements) und ich sonst keine Familie hatte. Also musste ich schweren Herzens aufgeben. Als Kraftfahrer verdiente ich meinen Lebensunterhalt.

1962 zog ich mit meiner Familie nach Dnjepropetrowsk (Ukraine), die Heimatstadt meiner Frau. Als sie 1966 starb, stand ich da ohne Haus und mit drei Kindern. Ich drängte den Staat um eine Ausreisegenehmigung. Schließlich hatte ich die Wahl zwischen einer Ausreisegenehmigung und einer 2-Zimmerwohnung, die mit der Einverständniserklärung verbunden war, nie wieder die Ausreise zu beantragen. Ich entschied mich für die Wohnung. 1972 heiratete ich ein zweites Mal. 

Sehr lange Zeit verging, bis die UdSSR letztendlich aufgelöst wurde. Ich stellte erneut einen Antrag. 1992 erhielt ich die Genehmigung! Endlich! Der Haken war, sie galt nicht für meine Frau. Ich reiste allein nach Friedland in Deutschland und bat die Regierung, um eine Zusammenführung der Familie. Dem wurde sofort stattgegeben. 1994 zog ich mit meiner Frau nach Hamburg. 1995 kamen meine Kinder, die bereits erwachsen waren und eigene Kinder hatten, nach.

Bis heute darf ich nicht in meine Heimatstadt reisen.