Dieser Eintrag stammt von Elena Sigart (*1989)

Eine Kriegs-Odyssee

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Rosa Sigart (*1932)

An einem schönen Frühjahrstag im Jahr 1944 stürmten deutsche Soldaten in das Haus der Schlidtengards. Im Auftrag von Hitler sollten alle Russland-Deutschen (das sind Deutsche, die vor langer Zeit nach Russland gezogen sind) aus der Sowjetunion wieder in ihr Heimatland Deutschland ziehen. Dieser Befehl kam deshalb zustande, weil die Russen völlig gegen Hitler waren und alle Deutschen, die sie in der Sowjetunion noch fanden, umgebracht wurden.
Also hatte die Familie keine andere Wahl und musste weg.

Rosa, die Jüngste von den 8 Kindern, verstand damals noch nicht; was gerade passierte, denn schließlich musste sie all ihre Sachen und Freunde zurück lassen, an die sie sich noch schwer erinnern kann. Sie erzählte voller Begeisterung, wie schön das Gebiet Odessa in Ukraine war, in der sie gewohnt haben. Sogar ein eigenes Weingut besaßen die Schlidtengards und sie dachten, dass sie noch zurückkommen würden, doch es kam alles anders.
Zunächst kamen sie nach einer lagen Wanderung mit ihren Pferden und Wagen in Polen (Prest) an, wo sie den Sommer über bleiben mussten. Der ältere Bruder von Rosa, Johannes, wurde zur Hitlerjugend aufgerufen und einfach von der Familie getrennt. „Johannes musste Schutzgräber und Panzergräber bauen“ antwortete Rosa auf die Frage, was er dort machen musste.
Schließlich musste die Familie nach Aufforderung der Deutschen weiter nach Deutschland ziehen. Sie wohnten in Klosterdorf bei Wittstock auf einem Bauernhof, wo sie natürlich auch arbeiten mussten. In der Nähe von Klosterdorf gab es sogar ein Hitlerjugendlager. Doch zur Mittagszeit, daran kann sich Rosa noch gut erinnern, wurde eine Bombe von den Russen auf das Hitlerjugendlager geschmissen. 

Doch lange blieben sie in Klosterdorf auch nicht und mussten mit Pferden und Wagen weiterziehen nach Dransen. Dort fanden sie auch Unterkunft bei einem Bauern und auch ihr Bruder kam wieder zurück zu der Familie. Nach wenigen Aufenthaltstagen wurde ihnen die freudige Mitteilung gemacht, dass der Krieg vorbei ist !!! Die Russen kamen sogar persönlich, um die Nachricht zu bringen.

Rosa erzählte voller Zorn: “Sie versprachen, uns wieder nach Hause zu bringen!“
Doch sie kamen im Oktober 1945 nach Sibirien ins Kostroma Gebiet.
Sie wurden zur Strafarbeit verurteilt, weil sie ihr Land verraten haben; indem sie nach Deutschland gefahren sind und nicht ihrem Land beigestanden haben.
Rosa und ihre ältere Schwester mussten im Wald arbeiten. Nur die Eltern mussten nicht arbeiten, bzw. konnten nicht, weil sie schon zu alt waren.

Rosa erzählte mit Tränen gefüllten Augen, dass ihr Vater im Jahr 1946 eines Morgens einfach nicht mehr aufgewacht ist und ihre Mutter 2 Jahre danach verhungert ist. Weitere 2 Jahre musste ihr Bruder Johannes ins Gefängnis, weil die Russen herausgefunden haben, dass er in der Hitlerjugend war. Sie erzählte voller Mitleid, dass ihr Bruder schon vorher viel durchmachen musste. Er musste auch noch seine Frau und seine erst einjährige Tochter verlassen und ins Gefängnis gehen.
Rosa musste trotzdem noch bis zum Jahr 1956 im Wald arbeiten, auch noch, als sie schwanger war. Sie erinnerte sich jedoch an schöne Arbeitstage mit ihren Freunden, denn sie haben das beste draus gemacht und ständig waren sie fröhlich und haben während der Arbeit gesungen. Damals dachten sie noch, dass sie für den Rest ihres Lebens dort arbeiten müssen. An einem Tag wurde den Arbeitern dann mitgeteilt, dass sie jetzt fortgehen können, egal wohin - nur nicht nach Hause!!!