Dieser Eintrag stammt von Silke Steinert Silke Steinert (* 28.11.1988)

Ergebnisse eines Interviews mit Rose S. (*1933)

Rose-Marie (45 Jahre)

1973- 1945 aus der Sicht eines Kindes

Rose S. lebt mit ihren Eltern und zehn Geschwistern in der Kleinstadt Helmstedt (Niedersachsen). Die große Dreizimmerwohnung, in der sie wohnen, ist einst eine Schule gewesen mitten an der Autobahn, die für den Krieg errichtet wurde.
Der Vater, Wilfried, war ein Arbeiter in einer Munitionsfabrik. Später ist er im Krieg umgekommen. Zurückgeblieben sind Rose, ihre Mutter und die zehn Geschwister. Egon war der einzige jüngere Bruder von ihr und wurde von der SS als das „Patenkind“ von Hitler bezeichnet, weil er am selben Tag wie der „Führer“. Geburtstag hatte
Dieser Tag war der 20. April und jedes Patenkind bekam an diesem Tag ein Paket mit Süßigkeiten und einer Grußkarte:

„Herzlichen Glückwunsch!
Mögest du groß und stark werden.
Alles Gute! Dein Führer.“

Der Bund Deutscher Mädel
Die Hitlerjugend: Mädchen wie Jungen mussten an den zahlreichen Sportaktivitäten der HJ teilnehmen, um den Idealen des Führers zu entsprechen.

An einem Mittwoch kam ein SA-Mann zu uns und forderte meine Schwestern und mich auf, mit zum großen Sportplatz in der Stadt zu kommen. Wir versammelten uns auf dem Platz. Jedes Mädchen bekam eine Uniform und Anweisungen.
Nur zum Sport durften wir die Uniform tragen.
Ich trug einen braunen Faltenrock, eine braune Jacke mit acht Knöpfen, die auf die Taille gearbeitet waren. Dazu trugen wir ein weißes Hemd mit einem schwarzen Dreieckstuch, das mit einem Lederknoten gehalten wurde.
Kurze weiße Socken trug man mit braunen Schnürschuhen aus Leder.
Es gab nicht nur eine Kleiderordnung. Lange Haare wurden stets geflochten.

Alle haben gemeinsam Sport betrieben. Wenn eine mal nicht auf die Sauberkeit ihrer Kleidung achtete oder nicht am Sport teilnahm, wurde Druck ausgeübt. Dieser bestand meistens aus zusätzlichen Sportaktivitäten mit einem schwierigen Aufgabenfeld.
Das Gemeinschaftsgefühl wurde dadurch gestärkt, dass man Nazilieder gesungen hat:
Wir sind die Hitlerjugend
Und helfen euch befrei'n,
Wir stehn mit unserm jungen Blut
Für Volk und Heimat ein!

Die Aktivitäten beschränkten sich nicht nur auf den Sportplatz, sondern wir haben auch Wanderungen, lange Märsche in freier Natur und Theateraufführungen gehabt.

Später sollten wir einmal der „Nation“ viele Kinder schenken, sodass wir viel Gymnastiksport hatten, damit wir mit unserem Körper in Einklang kamen.
Im Jahr 1938 wurde das landwirtschaftliche bzw. hauswirtschaftliche Dienstjahr verpflichtend. Meine Schwestern haben an diesem Pflichtjahr noch teilgenommen. Dort wurde ihnen das Kochen, die Landarbeit und alles, was dazu gehörte, vermittelt.
Die Zeit in dem BDM war angesichts der Gemeinschaft sehr nett und ich habe mich in der Gruppe wohl gefühlt.


Bombenangriff auf Helmstedt und seine Folgen (Niedersachsen)

Foto von den Bränden in der Stadt Braunschweig nachts nahe von Helmstedt

Abends war ich zu Hause, als der erste Bombenangriff begann.
Zuerst sahen wir Tiefflieger. Man hörte ihren Schall durch die Straßen. Sie flogen donnernd über die Häuser hinweg. Die Angriffe wurden über das Radio angekündigt, aber leider oft erst sehr spät.
Dann kam die erste Bombe geflogen. Mit einem Pfeifton zischte das runde, lange Objekt vom Himmel herab. Auf dem Boden angekommen zersprengte sie alles.
Die erste Bombe fiel auf einen Garten hinter unserem Haus.
Zwei Menschen sah ich, die durch die Luft geschleudert wurden.
Der Oberkörper des einen Menschen flog in einen Schornstein und blieb stecken.
Die Fenster zersprangen durch den gewaltigen Luftdruck.
Die Menschen schrien entsetzt. Keiner wusste genau, was in dem Moment passierte, da alle unter Schock standen. Niemand hat jemals mit einem solchen Angriff gerechnet.

Die zweite Bombe flog direkt auf den Pferdestall der Brauerei Wolters. Alle Tiere waren sofort tot von der gewaltigen Explosion der Bombe. Die ganze Nacht lang brannte die Stadt und viele Menschen versuchten verzweifelt, das Feuer zu bändigen. Die Tage nach dem Bombenanschlag waren katastrophal und veränderten unser ganzes Leben. Das Fleisch der Pferde stahlen wir und aßen das Bein, da wir keine andere Nahrung hatten. Wir richteten so gut wie möglich das Essen zu mit Hilfe eines langen Messer und haben sechs Wochen lang nur dieses Pferdefleisch und Kartoffelschalen gegessen. Es reichte gerade mal zum Überleben. Etwas anderes gab es nicht, da alles zerstört war. Manche Menschen brachten sich selber um, weil sie den Tod ihrer Mitmenschen nicht ertragen konnten. Einer von ihnen war unser Nachbar, der seine Tochter und seine Frau verloren hatte.

Mein Vater selbst war Arbeiter in einer Munitionsfabrik. Bombensplitter töteten ihn, als eine Bombe die Fabrik traf. Die halbe Stadt war zertrümmert. Alle Kinder haben mitgeholfen, die Trümmer zu beseitigen. Spielen konnten wir nicht.

Wenige Tage nach dem Anschlag musste ich in einer Besenfabrik reinigen, damit ich die Familie unterstützen konnte. Es gab keinen Lohn, aber geschmierte Brote.
Ich gab sie meinen Geschwistern und meiner Mutter. Ich war eine der Jüngsten.
Die langen und kalten Winter mussten wir frieren, da es keine Heizung gab.
Es ging um das nackte Überleben. Wir schlugen Holz aus dem Wald und verwendeten es als Brennholz. Aus Kartoffelsäcken fertigten wir Schuhe und Kleidung an.
Wir waren froh über alle Materialien, aus denen wir irgendwas Gebräuchliches fertigen konnten.


„Die Amerikaner kommen!“
…so hieß es an dem Tag, als die amerikanischen Soldaten in Helmstedt eintrafen.
Es war im Frühjahr 1945, als die „Fremden“ bei uns eintrafen.

Das Haus, in der Rose und ihre Familie lebte

Gerade befand ich mich im Garten vor unserem Haus, als ich mehrere Fahrzeuge sah, die mir unbekannt waren.
Aus reiner Neugier ging ich auf die Straße um zu schauen, was passierte.
Alle anderen Geschwister und die Mutter blieben im Hause.
Vor jeder Haustür wurde ein amerikanischer Soldat postiert, der ein Gewehr trug.
Ein Jeep fuhr vor und es stiegen dunkelhäutige Menschen aus.
Zuvor hatten wir noch nie farbige Menschen gesehen, sodass sie uns fremd waren.
Ihre Gesichter waren ernst. Man konnte keine Emotionen in ihnen erkennen. Ihr Anblick im Dunkeln machte mir Angst. Sie trugen Marinekleidung und Stiefel.

Bevor ich in das Haus fliehen konnte, packte mich ein GI an meinem Arm und sagte: „Come on“.
Dies verstand ich nicht und war ganz außer mir vor Angst.
Wehren konnte ich mich nicht, da die Männer mir körperlich überlegen waren.
Die Amerikaner nahmen keine Rücksicht und drängten mich in das Fahrzeug. Die Fahrt dauerte eine halbe Stunde.
Da es draußen dunkel war, konnte ich nicht erkennen, wohin die Fahrt ging. Beim Ausstieg erkannte ich aber das Rathaus, in das wir hinein gingen.
Sie brachten mich in einen Raum und fragten mich, was ich so spät auf der Straße zu suchen hätte. In dem Raum standen ein Schreibtisch, Stühle und alte Möbel. Sie forderten mich auf, mich hinzusetzen.
Ein Schreiber, ein Dolmetscher und ein Oberkommandant verhörten mich.
Zuerst sprach einer der GI-Männer auf Englisch, was dann ein anderer übersetzen musste.
Da mein Stiefvater Nationalsozialist war, wollten sie wissen, wo er sich befände.
Ich sagte nicht, wo er war, denn sonst wäre er in ein Internierungscamp gekommen.
Nach einer Stunde war das Verhör zu Ende und die Amerikaner brachten mich nach Hause.