Dieser Eintrag stammt von Gehrd Fahl  *1928

Das Singen im Dritten Reich

                                                          Gedanken und Erinnerungen

Den Anstoß, dieses Thema zu vertiefen, ergab sich aus der Debatte über den Liedtext „Es zittern die morschen Knochen".
Ich möchte ein wenig weiter ausholen.
In meiner Kindheit hörte ich von meiner Mutter Lieder wie „Am Brunnen vor dem Tore" oder „Müde kehrt ein Wandersmann zurück" oder andere Küchenlieder. Das Ganze vorgetragen bei der Hausarbeit oder am Waschtag, einem in jeder Beziehung aufwendigen Tag an Kraft und Ausdauer, der anscheinend nur durch lautes Singen zu überstehen war. Bei dem Lied vom müden Wandersmann musste ich regelmäßig heulen, so ergriffen war ich entweder von dem Text oder der Singweise meiner Mutter.

Bei Opa Guhl, einem Nachbarn, lernte ich u.a. plattdeutsche Lieder, auch das Lied vom Trudelband und nicht Tüdelband. Das Ganze erlebte ich zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr. Just fallen mir noch zwei Textanfänge ein, und zwar „Der Neger hat sein Kind gebissen, Oh Mona" und „Vadder hett Modder dat Oog untpett und weet nich, wo het laten hett“. Ob es sich um Scherzlieder oder Schlager gehandelt hat, weiß ich nicht.

Aber auch danach wurde Musik in unserer Familie großgeschrieben. Wenn die Familie zusammenkam an den Wochenenden, also Tanten und Onkel mit Kindern, wurde nach dem Kaffe oder dem Abendbrot musiziert, also Musik mit der Hand gemacht, wie man heute sagt. Die Norag, der einzig erreichbare Radiosender, brachte selten das Richtige zur rechten Zeit. Onkel Willy, ein gelernter Bäcker, spielte hervorragend Klarinette, sein Sohn Mandoline oder Waldzither, ein in Hamburg sehr verbreitetes Instrument. Das Repertoire bestand aus Hamburg-Liedern, u.a. mit den Melodien und Texten der Gebrüder Wolf.
Da die Gebr. Wolf Juden waren, durften auch ihre Lieder nicht mehr gesungen werden. Und sie wurden trotzdem gesungen, und das, obwohl einzelne Familienglieder doch dem neuen „Glauben" huldigten. Dazu kamen natürlich Volkslieder wie „Die Waldeslust" oder Schlager der damaligen Zeit. 

Wenn es schon mal hoch herging, wurden auch der Teppich hochgeschlagen und das Tanzbein geschwungen. Wir Kinder saßen dann unter dem Tisch und schauten von dort aus dem munteren Treiben der Erwachsenen zu. Dass die Zeiten wirtschaftlich nicht die allerbesten waren, habe ich ja erst viel später erfahren und daraus die Lehre gezogen, dass man auch in schlechten Zeiten den Kopf nicht in den Sand stecken muss und die Fröhlichkeit – und wenn auch nur als Seelendoktor -- ihren Platz hat. Ein Thema, das auch heute wieder an Bedeutung gewinnt.

Im Jahre 1935 wurde ich eingeschult. Auch in der 8ten Klasse, es war damals die Einschulungsklasse, von den Schülern ab der 7. Klasse auch Baby-Klasse genannt, wurde das Deutsche Liedgut gepflegt. Da wir damals auch noch eine gewisse Stundenzahl an Plattdeutsch hatten, wurde auch plattdeutsch gesungen, und zwar Lieder wie „Lütt Matten de Haas“ oder „Wenn hier een Pott mit Bohnen steiht" usw. Auch hochdeutsche Lieder, wie „Es wollt ein Vogel Hochzeit machen“ oder „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“ oder „Das Wandern ist des Müllers Lust". An politisch geprägte Lieder kann ich mich auch im 2. oder 3. Schuljahr nicht erinnern. Dies mag aber mit unserer Schule und dem damaligen Lehrkörper zusammenhängen und nicht typisch für die Zeit sein.

Im Musikunterricht in den höheren Klassen mussten wir keine völkischen oder politischen Lieder singen. Auch Soldatenlieder kamen dort nicht vor. Diese wurden uns später bei den Pimpfen beigebracht. Es waren Lieder wie das Lied des Afrika-Corps „Es donnern die Motoren" oder das berühmte Lied der Marine
"Denn wir fahren gegen Engelland". Diese Lieder waren natürlich erst nach dem Kriegsbeginn und später im Schwange.

1938 kam ich zu den Pimpfen, dem Deutschen Jungvolk. Dort, so meine ich mich zu erinnern, gab es das Horst Wessel –Lied "Unsere Fahne flattert uns voran, in die Zukunft ziehn wir Mann für Mann" oder „Wenn die goldne Abendsonne sendet ihren letzten Schein, zieht ein Regiment von Hitler in ein kleines Städtchen ein" oder  „die blauen Dragoner, sie reiten" oder "Nach Osten geht unser Blick, nach Osten geht unser Ritt"  und so weiter und so weiter.
Nach einem gelungenem Geländespiel in den Harburger Bergen, es war ein Nachtgeländespiel mit Übernachtung im - heute sagt man Heu-Hotel - sangen wir auch schon mal wie die preußischen Truppen nach der Schlacht bei Leuthen den Choral „Nun danket alle Gott". Es war schon eine verrückte Zeit .
Und nicht zu vergessen die Lieder „Oh du schöner Westerwald". Ich bezweifle noch heute, ob all das, was wir in dieser Zeit auf Anweisung vollbracht haben, unseren Verstand erreicht hat. 
Das Gemeinschaftsgefühl und das gemeinsame Erleben nicht alltäglicher Dinge waren wohl vorherrschend und auch, ob uns ein Lied vom Gefühl her genehm war.

 Das Procedere lief ja beim Marschieren so ab, dass der Befehlende rief :
 „Ein Lied...", und dann war es die Aufgabe des rechten Flügelmannes, ein Lied anzustimmen. 
Wenn uns das angestimmte Lied nicht gefiel, machten wir unseren Unmut durch bestimmte Missfallenslaute kund, und dies so lange, bis ein uns genehmes Lied angestimmt war. Die Methode klappte nicht immer und sie hatte hin und wieder auch Repressalien in Form von Strafdienst zur Folge.

Zu den bisher genannten Liedern kamen ja noch unzählige hinzu. 
Ein Lied, es wurde mit der Melodie der englischen Nationalhymne gesungen, ging so „I am an Eaton-boy, von Kopf bis Füßen neu, seht nur die lange Hos, Zylinderhut ganz groß, so sehn wir aus, die ganze Welt scheint uns gering, Good save the King„ oder noch ein Kriegsjahr später nach der Melodie der italienischen Nationalhymne das Lied „Wir sind tapfre Italiener, unser Land wird immer kleener" - (Hier enden leider meine Textkenntnisse trotz heftigen Nachdenkens).
Das Lied „Hoch Genosse Stalin, hoch Genossen Stalin am Laternenpfahl usw." sangen wir immer sehr provokativ, indem wir nach den Zeilen „Hoch Genosse Stalin, hoch Genosse Stalin" eine große Pause zur nächsten Zeile „am Laternenpfahl " machten und uns an den manchmal entsetzten Gesichtern der Menschen, hauptsächlich aber an denen der örtlichen Parteigenossen, weideten. Wenn wir unter uns waren, sangen wir schon mal den Text  "Ham Se schon ein Führerbild, nein, nein wir ham noch keins".
Damit keine Irrtümer aufkommen, dies waren durchaus keine Widerstandshaltungen, aber gegen den Strich gebürstet, um es volkstümlich auszudrücken, haben wir schon.

Es waren halt Streiche der etwas anderen Art, gefährlicher. Aber war uns das bewusst? 
Als Zwangshandlungen der besonderen Art empfanden wir stets das Absingen des Deutschlandliedes und des zwangsläufig dazugehörenden „Horst-Wessel-Liedes". Für heutige Schülerinnen und Schüler interessant dürfte die Kulthandlung des Beginns und der Beendigung der Ferien sein. 
Nach der 3. oder 4. Schulstunde am letzten Schultag, bzw. vor der ersten Schulstunde nach den Ferien, traten sämtliche Klassen unter der Leitung ihrer Klassenlehrer auf dem Schulhof in einem großen Quarree an und lauschten den Worten des Schulleiters.
Jede dieser Reden, wie viele Reden andernorts, endeten mit der Schlussformel „Wir grüßen unseren Führen Adolf Hitler" mit einem kräftigen, dreimaligem „Sieg Heil". Und dann kam die Zwangshandlung, nämlich das Absingen der bereits o.a. Lieder.

Noch viel schlimmer oder anstrengender war, dass alle während des Singens auch noch den rechten Arm zum „Deutschen Gruß" erheben mussten.
Ein jeder mag heute nachempfinden, dass die Plätze im 2. und 3. Glied bevorzugt waren. Die dort Stehenden konnten nämlich ihren ausgestreckten Arm während des Singens auf die Schulter des Vordermannes oder der Vorderfrau legen, während das erste Glied ohne jegliches Schummeln durchhalten musste. 


1941 waren wir von April bis kurz vor Weihnachten in der Kinderlandverschickung in Oberbayern, in dem schönen Ort Reit im Winkl.

Entgegen der Unterschrift auf der Postkarte ist es die Jugendherberge im Ort. Entstanden aus den ehemaligen Zollgrenzhäusern. Nach dem Anschluss Österreichs wurden sie ja nicht mehr gebraucht.

Wir hatten inzwischen einen neuen Klassenlehrer bekommen und der, ein strammer NATIONALSOZIALIST, machte jeden Morgen mit uns Flaggenparade auf dem freien Platz vor unserer Unterkunft. Er - in seiner braunen Uniform und dem „Parteideckel“ auf dem Kopf - verkündete uns dann die Parole des Tages, meistens ein im Wehrmachtsbericht genannter Ort in Russland, den die deutschen Truppen gerade eingenommen hatte.


Unser täglicher Flaggenappell

Nach der Flaggenparade konnte der Tag beginnen, vor allem mit dem Frühstück, denn wir waren in dem Alter wo Appetit kein Fremdwort war. Nur ein für unsere Bedürfnisse angemessenes Frühstück gab es nicht. Es war ja alles rationiert. 

Danach begann unser Schulunterricht. Gesungen wurde nicht und auch mit dem Gedankengut Nationalsozialismus wurden wir nicht besonders behelligt. Der Schulunterricht stand absolut im Vordergrund. Unsere Bergwanderungen, und wir haben viele gemacht, haben wir stets ohne Gesang absolviert, die Natur hatte Vorrang.


Auf dem Weg zum Wilden Kaiser über Berg und Tal mit Übernachtung auf dem Stripsenjoch.

Im Spätsommer mussten wir zum Ernteeinsatz in die Hallertau und Hopfen zupfen. Der Bauer, dem wir mit 6 Jungen zugeteilt wurden und wo wir auch Quartier nahmen, war ein fairer Partner. 
Er verlangte von uns Leistungen und dafür versprach er gutes und reichliches Essen. Sowohl wir wie auch er haben Wort gehalten. 
Es ging uns dort gut . 
Vor weiteren HJ-Diensten hat er uns zu unserer Freude stets bewahrt. Das war gar nicht immer leicht, denn der Ort Wolnzach-Bahnhof war vollgestopft mit Erntehelfern der Organisationen des BdM ( Bund deutscher Mädchen) und des Deutschen Jungvolkes und die Führer pflückten natürlich nicht mit und verspürten daher hin und wieder große Lust, trotz der schweren täglichen Arbeit irgendwelchen Dienst anzusetzen.
Die Daseinsberechtigung musste wohl nachgewiesen werden.



Auch hier wurde erkennbar nicht gesungen beim Marsch durch Reit im Winkl.

Auch ein Besuch der Hauptstadt der Bewegung (München) war für uns aus Reit im Winkl genehmigt und organisiert. 
Ferner noch eine Woche in Berchtesgaden und zwar am Königsee. Dies alles hatten wir unserem Hamburger Schulleiter zu verdanken.
Er war mittlerweile zum Beauftragten für die Kinderlandverschickung in Oberbayern avanciert und hatte sich, sehr zu unserer Freude, seiner beiden Klassen erinnert und das Füllhorn über uns ausgegossen. Selbstverständlich mussten wir die Stätten der Bewegung in München in Form eines Pflichtprogramms besuchen. Aber wir haben auch viele andere schöne Dinge dieser Stadt sehen dürfen. 
Dagegen war der Besuch im Bürgerbräukeller mit dem Bestaunen des ersten Kassenbehältnisses der NSDAP in Form einer Zigarrenkiste wenig sensationell. Ich kann mich nicht erinnern, hierbei große Gefühle entwickelt zu haben. 
Der Besuch des Deutschen Museums dagegen war weitaus aufregender und interessanter.

Der Königsee mit St. Bartholomä im Jahre 1941

Auch später, am Königsee, sind wir selbstverständlich nicht auf dem Obersalzberg, dem Sitz der meisten Nazigrößen, eingeladen und empfangen worden. 
Das riesige Areal war eingezäunt und von der SS schwer bewacht. Besondere Gedanken an diesen Hort der Bevorzugten haben wir meines Wissens nicht verschwendet.
Auch hier haben wir enorme Bergwanderungen unternommen. Eigentlich war das Ganze eine Gruppenreise der besonderen Art., die wir unbekümmert genossen haben.
Im Oktober hatten wir den ersten Schnee. Für uns Nordlichter unvorstellbare Mengen, die wir aber mit Schlitten- und Skilaufen sichtlich genossen haben. 
Zum Singen blieb uns daher auch wenig Zeit, also haben wir es gelassen

Im November, es kann auch schon Dezember gewesen sein, kehrten wir in den Schoß unserer Familien zurück und in den Alltag des Schullebens und der Fliegeralarme. 
Für einige aus unserem Klassenverband bedeutete die Rückkehr aber auch einen Klassen- oder genauer Schultypwechsel, darunter auch ich. 
Seit dem Ende der Sommerferien gehörten wir aufgrund unserer schulischen Leistungen dem Oberbau an. Einer Schulform, die es meines Wissens nur in Hamburg gab und in nur 4 Jahren das Wissen der mittleren Reife vermittelte.

Unsere heimatliche Schule beherbergte so eine Schulform und nannte sich Volksschule mit Aufbauzug (Oberbau) und bezog den Stadtteil Rothenburgsort als Einzugsgebiet mit ein.
Wir kamen also in einen völlig neuen schon bestehenden Klassenverband.
Die Vermischung vollzog sich ohne Schwierigkeiten und hat bis heute gehalten. 
Wir treffen uns noch regelmäßig einmal im Jahr mit unseren Frauen oder Partnerinnen. Wir waren damals 23 Schüler in der Klasse, davon leben heute noch 14, einer davon seit vielen, vielen Jahren in den USA. Wie ich meine, ein ganz gutes Ergebnis.

Wir bekamen auch wieder Musikunterricht mit einem richtigen Musiklehrer.
Er war wohl zu klein geraten, um Soldat sein zu können. 
Aber er war ein sehr harter Typ, der auch schon mal kräftig hinlangte, wenn es nötig war.  Wir haben bei ihm nie politische, sprich NS-Lieder singen müssen. Es war immer Liedgut aus dem reichen Schatz der Volkslieder
Bei den Pimpfen hatte sich auch einiges geändert.
Viele unserer Führer waren inzwischen zu den Fahnen geeilt worden, einige auch schon gefallen. Unsere jetzigen Führer, teilweise waren wir selbst schon welche, brachten nicht nur neuen Schwung, sondern auch einen etwas anderen Geist in die Organisation. 

Es wurde lockerer, jedenfalls bei uns auf der Veddel und auch in Rothenburgsort.
Als anlässlich eines Abendmarsches über die Veddel aus ca. 300 Sängerkehlen das Lied „Wir wollen unseren guten alten Kaiser wieder haben, aber nur mit Bart" erklant, stand nicht die Bevölkerung der Veddel Kopf, sondern die Parteiorganisationen bzw. deren Funktionäre. 
Wir verspürten eine heimliche Freude über diesen Streich.

In diese Zeit fällt auch die Sendung des Großdeutschen Rundfunks mit dem Namen „Wunschkonzert“. Es fand jeden Sonntag um 16 Uhr statt.
Dort grüßten Soldaten und Angehörige ihre Lieben in der Heimat und an der Front.
Auch die Toten erfuhren hier noch einmal, so es gewünscht wurde, ihr letztes Gedenken. Alles in allem sehr oft eine rührselige Angelegenheit, aber mit dem Hintergedanken, den Opferwillen des Volkes zu stärken .
Als Musikkapelle agierte der auf Marsch- und Durchhaltemusik spezialisierte Kapellmeister Herms Niels mit seinen Mannen. Sein bürgerlicher Name war Hermann Nielebock. Ein damals bekannter Sänger war Wilhelm Strienz, allgemein auch Reichswehmutsänger genannt.

Auf Geheiß des damaligen Propagandaministers Joseph Goebbels wurde hierüber sogar ein Spielfilm hergestellt und in die Kinos gebracht.
Der Film „Wir machen Musik" wurde von uns wegen seiner damals als fetzig empfundenen Musik sehr viel besser angenommen. 
Und während meiner Konfirmandenzeit entdeckte ich auch meinen Pastor unter den Kinobesuchern. Wie das Leben so spielt, wenn man die damalige Zeit und ihre Auffassung in Rechnung stellt. Vereinzelt fingen wir auch an, unsere Winteruniforme, sie waren schwarz, mit einem weißen Seidenschal zu drapieren. Ein äußeres Kennzeichen von vielen anderen, der Swing-Jugend. Die Anhänger der Swing-Jugend wurden von den staatlichen Organen verfolgt, bestraft und auch in Jugend-Konzentrationslager gebracht. Eines davon war bei Göttingen. 
Auf jeden Fall beherrschten wir die Schlager der damaligen Zeit mindestens so gut wie das Repertoire der Pflichtlieder. Unsere Heimabende endeten meistens in einem Luftschutzbunker und waren für uns sehr unterhaltsam.
Achtete man doch sorgfältig darauf, dass auch die Jungmädchen oder zumindest deren und unsere Führungszirkel an einem Abend tagten. 
Auch wenn wir noch nicht so weit waren wie gleichaltrige Jugendliche in der heutigen Zeit, so war der Hang zum weiblichen auch damals schon ausgeprägt. Und wer hatte schon das Glück, die absolute Verdunkelung erleben zu dürfen. Glaubt mir, es war eine schöne Zeit. Es ging nicht zum Äußersten, aber es war schön und Politik und Krieg so fern, auch wenn er so nahe war, und im Duo haben wir nie gesungen.
Und eine Entschuldigung für späteres Nachhausekommen hatten wir ja auch immer. Die Sirenen waren unsere Legitimation.

Unseren Konfirmandenunterricht besuchten wir regelmäßig. Ebenso den Gottesdienst mit Anwesenheitskontrolle. Im Frühjahr 1943 wurde unser Jahrgang 1928 mit Erfolg konfirmiert. Danach legte man uns nahe, wieder in die Kinderlandverschickung zu gehen. Es sollte nach Böhmen gehen. 
Wir waren ja inzwischen 15 stolze Jahre alt und wollten partout nicht nach Böhmen, sondern ins gelobte Land Ungarn. Der heiße Tipp unter Kinderlandverschickungserfahrenen. Über dieses Thema wird noch gesondert zu berichten sein. 
Ende April 1943 setzte sich von Hamburg-Altona aus ein Sonderzug Richtung Passau in Bewegung. Wir fuhren die Nacht hin. Vormittags waren wir in Passau. Hier sollte übernachtet werden, um dann am nächsten Tag mit einem Raddampfer Richtung Budapest weiterzufahren.
Unser Dilemma begann in Passau mit der örtlichen Hitlerjugend-Führung und uns. 
Wir waren sicherlich so um die 500 bis 600 Pimpfe und hatten unsere eigenen Führungskader aus Hamburg dabei.
In der Nibelungenhalle, auch heute noch ein Ort mit für uns Norddeutsche suspekten Veranstaltungen, wurde das Essen eingenommen und auf dem Weg dorthin sollte nach Meinung der örtlichen HJ-Führung marschiert und gesungen werden.
 


Unsere Klasse vor der Nibelungenhalle in Passau 1943 und so gar nicht sangesfreudig. Eher in der Erwartung der kommenden Dinge

Man wurde sich nicht so ganz einig im Sinne unseres "großen Führers“ und schon war die Missstimmung da. Es gab Auseinandersetzungen, die auch während der Nacht anhielten. Jedenfalls hinterließen wir am nächsten Morgen eine ziemlich ramponierte Redoute, so hieß unser Nachtquartier. Ein riesiger großer Ballsaal mit Kristalllüstern, die irgendwann keine mehr waren. Jedenfalls waren die Passauer froh, als wir alle an Bord waren und das Schiff der Donau-Dampfschifffahrtsgesellschaft ablegte. Wie man sieht, gab es auch damals schon ein Nord-Süd-Gefälle.

Die Fahrt überstanden wir mit Sport – Spiel – und Spannung. Darunter auch viel Gesang, aber keine vaterländischen Lieder. In unserer Klasse hatten wir inzwischen auch die schräge Musik, oder was wir damals dafür hielten, entdeckt und da uns diese Texte mindestens so geläufig waren wie die Glocke von Schiller haben wir diese Lieder angestimmt "Für eine Nacht voller Seligkeit da geb ich alles hin" sang Zarah Leander und wir natürlich auch. 

In Budapest angekommen marschierten wir freiwillig, ohne bayerische Leitung, in 12er-Reihen zum Ostbahnhof. Nicht alle Ungarn waren davon begeistert. Viel haben wir von dieser Missstimmung nicht gemerkt, denn wir marschierten durch eine Weltstadt ohne Verdunkelung. Für uns ein Wunder. Vor lauter Schreck haben wir, einschließlich unserer Führung, das Singen vergessen. Vielleicht wurde es auch unterlassen, weil es nicht so angebracht erschien.

Unsere Ankunft in Beremend. Hier wurden wir allerdings mit Gesang begrüßt.


Am nächsten Mittag trafen wir in unserem Zielort Beremend, einem Ort in der Provinz Baranya, im Südwesten Ungarns, direkt an der damaligen serbischen Landesgrenze ein. Wir wurden von der sich zum Deutschtum und zu Deutschland bekennenden Volksgruppe am Bahnhof mit Gesang begrüßt. Wir begriffen sehr schnell, wie sehr diese Menschen uns, die wir aus dem „Reich" kamen und das „Reich" verehrten. 
Diese Erkenntnis machte uns alle sehr nachdenklich, und dies schon bei der Begrüßungszeremonie, so dass wir auch später Taktlosigkeiten nicht begangen haben. 
Wir hatten einen Lagermannschaftsführer aus Hamburg dabei, der die Sache mit dem HJ-Dienst usw. regeln sollte. 
Das mit dem Dienst hielt sich sehr in Grenzen und das war auch ganz in unserem Sinne. Unser Dorf war ein typisches Reihendorf und gut und gern 4 km lang. Es hatte zwei Bahnhöfe. Unsere Schulräume lagen in der Ortsmitte und unsere beiden Lehrer wohnten in unmittelbarer Nähe dieser Räume.
Dort versammelten wir uns jeden Morgen zum Unterricht . Nationalhymne oder ähnliches wurde nicht abgesungen. 

Erklärtes Ziel war ein ungestörter Unterricht. Und Nachmittags nach den Schularbeiten mussten wir uns wichtigeren Dingen als dem HJ-Dienst zuwenden. Zum Beispiel den Wein verkosten oder am Abend uns den Schönen widmen. Wir waren ja schon 15 Jahre jung und die gleichaltrigen Mädchen waren ab 16 schon heiratsfähig. War also auch nichts mit Singen.
Ein Klassenkamerad hatte sein Akkordeon mitgebracht und spielte die gängigen Schlager. Und wir begleiteten ihn mit unserem Singsang.
Hin und wieder musste unser Freund auch seine Nachtruhe opfern und unseren beiden Lehrern aufspielen, wenn das Heimweh zu groß wurde und der Durst stechend.
In diesem Zusammenhang fallen mir noch einige Lieder ein, wie z.B. das „Lied vom faulen Wasser“ oder besser bekannt unter dem Namen „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord" oder „Oh, du schöner Westerwald“. Übrigens Lieder, die auch heute noch gesungen werden. Auch der unverwüstliche  "Ick heff mol en Hamburger Veermaster sehn"  begleitete uns damals schon. 
Viel interessanter für uns war aber das Programm des Soldatensenders Belgrad. 
Wir konnten ihn im südlichen Ungarn gut empfangen waren wir doch räumlich gar nicht so weit entfernt von Belgrad. Dieser Sender bewegte sich auf einem schmalen Grat zwischen erlaubter und unerlaubter Musik.
Natürlich war für uns die unerlaubte Swing-Musik das Erlebnis schlechthin. Markenzeichen des Soldatensenders Belgrad und bei Freund und Feind beliebt war das Lied „Lili Marleen“.
Mit diesem Lied wurde regelmäßig das Programm beendet.
Ende November 1943 wurden wir nach Hamburg zurückbeordert. 
Unsere Einberufung als Luftwaffenhelfer stand bevor. 
Unsere Aufbewahrungszeit als zukünftige mögliche Menschenopfer im Dienste des Regimes war abgelaufen.
Am 2.Januar war es dann so weit. Wir wurden Luftwaffenhelfer und das Singen beschränkte sich auf Marsch- und Soldatenlieder. Vaterländische Gesänge im Sinne des Nationalsozialismus mussten wir dort nicht mehr anstimmen.
Das Verhältnis zwischen der Wehrmacht und den Gliederungen der Partei war nicht immer das beste. 
Wir profitierten davon, denn durch unseren Ungarnaufenthalt hatten wir andere Eindrücke gesammelt und große Zweifel hatten sich im Innern aufgebaut.

Das Geschütz "Berta" mit einem Teil 
seiner Geschützbedienung im Herbst 1944
am westlichen Rand von Hamburg zwischen 
Hamburg-Sülldorf und dem Forst Klövensteen

Umso entsetzter war ich, als ich zu einem Lehrgang nach Trittau abkommandiert wurde. Ausbilder waren Unterführer der Wehrmacht, die Leitung lag jedoch in den Händen eines hauptamtlichen HJ-Führers. Und dieser befahl uns im Rahmen eines Hamburg-Besuches und dem Marsch durch die Mönckebergstrasse den Ruf „ Juda verrecke" zu brüllen. Ich habe nicht mitgebrüllt und mich nur geschämt. Meine ganze Erziehung und die Umgebung von Elternhaus und Familie waren nicht auf ein solches Verhalten ausgerichtet. 
Hochachtung vor Mensch und Kreatur standen an oberster Stelle bei meiner Mutter. Und dies hat sie folgerichtig weitergegeben.

Ziel unseres Hamburg-Besuches war das Curio-Haus. 
Hier fand ein Konzert - oder besser gesagt - eine Werbeveranstaltung der Division "Großdeutschland", einer Elite Heeresformation statt. Auf der Bühne saß – so würden wir heute sagen – eine Big Band. Und es ging auch richtig mit Marschmusik los, nachdem sich der Saal mit weiteren Jugendlichen aus der Hansestadt gefüllt hatte. 
Aber zu unserem Erstaunen blieb es nicht lange bei der Marschmusik. Nach einer Ansprache durch einen Offizier, die in der Verherrlichung des Soldatentums gipfelte und der ganz besonderen Ehre in der Division Großdeutschland dienen zu dürfen, gab es weiter Musik. 

Und das was jetzt erklang, war eigentlich von der Reichsmusikkammer - so etwas gab es damals wirklich - verboten. Es wurden zwar u.a. die langläufigen Schlager gespielt, aber wie. Sie erklangen im Jazz- oder Swing-Rhythmus und als Krönung des Ganzen sogar der Tiger-Rag. 
Das mag für heutige Verhältnisse zwar provinziell gelten, aber zu der Zeit war das schon etwas, wenn verbotene Dinge geschahen. Aber es war ja Werbung und in der Werbung - das wissen wir heute – sind viele Dinge erlaubt. Nur wir waren damals noch nicht zu dieser Erkenntnis gelangt. Gleichwohl habe ich mich nicht anwerben lassen.
Wohl auch aus der Erfahrung heraus, dass wir in unserer Batterie-Stellung durchschnittlich einmal wöchentlich von irgendeiner Waffengattung, einschließlich der Waffen-SS und deren Werber, aufgesucht wurden und moralisch ganz schön unter Druck gesetzt wurden. Aber das ist ein anderes Thema. 

Nach meiner Zeit als Luftwaffenhelfer wurde ich zu einer Heeresflakeinheit eingezogen. Das war für alle Teile praktisch, da ich ja ausgebildet war. So wurde keine Zeit vergeudet. 
Das Singen machte dem Kämpfen Platz und der erster Singsang wurde nach meiner Erinnerung erst auf dem Marsch in die Gefangenschaft als Marschlied angestimmt, um beim Marschieren Tritt aufzunehmen.
In der Gefangenschaft, - wir waren mit unserer Batterie auf einem Bauernhof vor Büsum einquartiert, -  gab es dann Konzerte in der Feldscheune mit Schubert-Liedern usw. Dargebracht von Musikern und Sängern aus dem Kameradenkreis heraus, die auch etwas anderes konnten als nur zu kämpfen.
Mein erstes Musical erlebte ich ebenfalls in der Gefangenschaft. Und zwar in Westerdeichstrich, einem kleinen Dorf vor Büsum. Aufgeführt von Soldaten und angeleitet von einem auch später wieder bekannt gewordenem Regisseur. Der Name ist mir leider entfallen. Und hiermit endet für mich auch das 3. Reich.

Soweit meine subjektiven und sicherlich nicht ganz vollständigen Erinnerungen über das, das „Dritte Reich" Singen und die Musik eines 10 – 17jährigen Pimpfes, Flakhelfers und Soldaten. Mir ist bewusst, und das weiß ich aus Schilderungen von Jahrgangsgenossen, dass Nationalsozialismus in jedweder Form sich sehr unterschieden hat. Es hing sehr von den beteiligten Personen ab. 
Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft ging es dann weiter beim Tanzen mit 
"Smoke gets in your Eyes“, "Tea for two" und, und …. 
Aber es war ja nicht mehr das 3. Reich, und wir genossen es.