Dieser Eintrag stammt von Andrea Straub

 

Kriegserlebnisse in Kirchwerder 

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn G.


Herr G. wurde am 08.05.1934 im Krankenhaus Elim in Hamburg geboren. Sein Elternhaus steht in Kirchwerder nahe des Zollenspieker Fährhauses (früher Klockmann). Seine Kinder- und Schulzeit während des 2. Weltkrieges schildert er mir folgendermaßen:


"Als Kind spielte ich häufig mit anderen Kindern am Elbdeich. Ab 1940 konnte ich sehen wie im Zollenspieker Hafen Steine und Holzteile für das KZ-Neuengamme verladen wurden. Wir wurden allerdings von unseren Eltern angehalten nie über das zu sprechen, was wir gesehen haben und auch keine Fragen zu stellen. Vom KZ selbst habe ich sonst wenig mitbekommen." Als ich ihn auf seine Schulzeit ansprach antwortete Herr G. sehr schnell:
"Ich bin im September 1941 in Zollenspieker zur Schule gekommen. Wenn Fliegeralarm vor 24 Uhr war, begann die Schule am folgenden Tag erst um 11 Uhr. War nach 24 Uhr Fliegeralarm, so fand am darauf folgenden Tag kein Unterricht statt." 


Herr G. überlegte kurz und redete dann weiter: "Als die Feuerung knapper wurde blieb die Schule kalt. Zeitweise fand dann der Unterricht in der großen Garage des Hausarztes statt. Oder aber es ging in die Mannschaftsräume der Stakmeisterei am Hafen. Hier war der Unterricht für mich immer sehr interessant, da man einen sehr guten Ausblick auf die Elbe hatte. Der Unterricht fand fast ausschließlich bei Lehrerinnen statt (auch bereits pensionierte Lehrerinnen gaben wieder Unterricht, sowie einige ältere Lehrer). Die jüngeren Lehrer waren alle im Krieg." 
Als ich ihn noch mal auf den Fliegeralarm ansprach antwortete er kurz: "Wenn während der Freizeit Fliegeralarm war musste ich schnell nach Hause und mit den anderen in unseren Keller. Bei Entwarnung (langer Ton) durften wir wieder spielen gehen."
Herr G. sprach nach einer kurzen Pause weiter: " Wir hatten auch einige Gefangene (hauptsächlich Franzosen und ein paar Polen).Sie wurden auf den Höfen zur Arbeit eingesetzt. Einige halfen auch meinen Eltern bei der Gemüseernte. Bei den Mahlzeiten durften sie laut Verordnung nicht mit uns an einem Tisch sitzen. (Wir haben sie trotzdem am Tisch Platz nehmen lassen, es durfte nur niemand wissen.)

Als ich ihn auf seine ersten Erfahrungen mit dem Krieg ansprach sah Herr G. nachdenklich vor sich hin und meinte dann: "Die ersten richtigen Kriegserlebnisse hatte ich 1941 als nachts in ca. 100 m Entfernung 6 Bomben gefallen sind. Es wurde dabei ein Haus getroffen, Mistbeetfenster und Freilandkulturen zerstört. Menschen kamen hierbei Gott sei Dank nicht zu schaden. Die Bombentrichter hatten einen Durchmesser von ca. 8 m. 
Im Laufe der nächsten Jahre setzte sich das Abwerfen von Brand- und Phosphorbomben im Landgebiet fort. Mehrere Einzelhäuser sind in Flammen aufgegangen."


Ich sprach ihn auf den Großangriff auf Hamburg an und er antwortet überraschend schnell: "Der Großangriff auf Hamburg war im Juli 1943. Es wurden mehrere Angriffe in Staffeln geflogen, meist nachts. Mir erschien der Himmel in der Nacht taghell und am Tag sah die Sonne durch den Ascheregen, der bis zu uns nach Vierlanden reichte, ganz klein aus. Die Folge des Großangriffes was, dass der Schulunterricht für uns ganz ausfiel. 
Die ausgebombten Menschen wurden mit Schiffen die Elbe rauf gebracht und im Landgebiet bei den Anwohnern eingewiesen. Es wurden Feldküchen für die Flüchtlinge eingerichtet (für Suppentöpfe, Eintöpfe usw.)."


Dann fiel Herr G. noch etwas ein: "Im Frühjahr 1945 sollte die Elblinie verteidigt werden. Löcher wurden in die Innenseite des Elbdeiches gegraben (Abstand ca. 50 - 60 m), in denen dann meistens ein Soldat mit Maschinengewehr ausgerüstet lag. Wir als Anwohner durften nicht mehr auf den Deich (kein Auto, Pferdewagen oder Fahrrad).


Herr G. sah aus dem Fenster, schüttelte dann den Kopf und redete weiter: "Mehrere junge Offiziere waren fanatisch und wollten den Krieg noch in letzter Minute gewinnen. Die Anwohner sollten sich weit entfernt vom Deich aufhalten. Die Abfahrten von den Deichen wurden teilweise mit Geschützen besetzt. Diese Situation hielt bis Kriegsende im April 1945 an." 
Herr G. überlegte einen Moment, erinnerte sich und sprach weiter: "Wenig später wurde Hamburg durch Karl Kaufmann an die Engländer übergeben. Diese nahmen dann etliche größere Privatgebäude für sich in Anspruch. (Unterbringung der Mannschaften und Verwaltung.) Beliebte Gebäude waren hierfür Klockmann (Zollenspieker Fährhaus) und die Stakmeisterei am Hafen."
Abschließend schaute Herr G. mich an und meinte ernst zu mir: "Für uns Kinder waren die Kriegsjahre interessante Erlebnisse. Angst hatte ich keine."

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