Dieser Eintrag stammt von  Katharina Taubert (*1990)


Ergebnisse eines Interviews mit Frau H. *1921

Die Evakuierung nach Thüringen und die Rückkehr nach Hamburg

Frau H. wurde 1921 geboren. Nach einem Bombenangriff im Juli 1943 lebte sie mit ihren 8-Wochen alten Sohn bei den Eltern in Hamburg-Mundsburg, von wo sie auch den Feuersturm beobachten konnte.

Bomben auf Hamburg

Am 25. – 27. Juli 1943 gab es einen gewaltigen Bombenangriff der Alliierten über das nächtliche Hamburg. Die Flugzeuge kamen zum Teil im Tiefflug herangeflogen und entluden ihre Phosphor- und Heulbomben. Die Heulbomben konnte man weithin hören, „sie hatten einen charakteristischen Pfeifton!“.
Während der Bombenangriffe hockten die Menschen in Bunkern, wo sie mindestens 4 - 5 Stunden blieben. Die Innenräume glichen einem großen Rohr, wo rechts und links Klappstühle standen. Während der Bombenabwürfe, „vibrierten die Bunkerwände und wir zitterten mit.
Ich hatte meinen 8-Wochen alten Sohn stets bei mir und hatte mächtig Angst. Ich dachte: Hoffentlich überlebe ich alles.“
Nach den Angriffen gab es Entwarnung und man konnte die Bunker wieder verlassen und nach Hause gehen, falls es nicht zerstört war. Als ich am 26. Juli aus dem Bunker kam, war das Haus der Eltern zerstört. Wir hatten alles verloren! Die meisten 5 stöckigen Häuser wurden dem Erdboden gleich gemacht. Überall lagen Verletzte und Tote. Verbrannte Erwachsene sahen wie kleine Kinder aus! Es war schrecklich, dies zu sehen!
Auch die Innenstadt Hamburgs brannte lichterloh. Das Feuer war gigantisch und der Rauch machte den Tag zur Nacht. Ich war heilfroh, dass ich nicht in der Innenstadt lebte, denn dieses Inferno hätte ich bestimmt nicht überlebt.

Sammelplatz auf der Wiese
Am 26. Juli fuhren Polizeiwagen mit Lautsprechern durch die Stadt und riefen zur Evakuierung auf. Unsere Sammelstelle befand sich im Stadtpark auf der Wiese neben dem Planetarium. Ich ging dort hin. Die Wiese war groß und voller Menschen. „An diesem Tag wurde wahrscheinlich halb Hamburg evakuiert!“
Auf der Wiese standen Lastwagen, auf denen mal Kohle transportiert wurde. Während der Evakuierung durften Frauen mit Kindern und alte Menschen zuerst auf die Lastwagen klettern. Es passten bis zu 20 Personen auf die Ladefläche.
Ich wartete auf der Wiese mit meinem Sohn und dachte nur – Hauptsache aus Hamburg raus! Ich wusste nicht, wohin es ging und wo ich weiter leben werde. Ich wusste nicht, wo mein Mann ist und ob ich ihn überhaupt noch einmal wiedersehen würde. Doch über die Trennung der Familie und das Verlieren der Heimat dachte man nicht wirklich nach! „Man hatte Angst! Man wollte überleben!“

Niemand von meinen Verwandten wusste, dass ich evakuiert wurde. Es wusste nur eine Person, nämlich die Schwester aus der Finkenauer-Frauenklinik. Diese kam jeden Tag um 7 Uhr, um die Muttermilch, die ich spendete, abzuholen. Ihr konnte ich wenigstens Bescheid sagen.

Die Evakuierung
Am Sammelplatz beim Planetarium hatte ich nur einen Kinderwagen, meinen Sohn und einen kleinen Koffer, mit den wichtigsten Sachen. Wir stiegen auf den Wagen und wurden zu der nächsten Station, wo noch Züge fuhren, gebracht. Man stieg um und wurde weiter gefahren.
Während der Fahrt hielt man an Stationen an und weitere Menschen stiegen ein. Man bekam Essen und Trinken vom Roten Kreuz reingereicht. Man war froh, wenn man ein trockenes Brötchen bekam. Für die ganz kleinen gab es nichts.

Mit mir fuhr eine Frau, die einen Säugling dabei hatte. Sie konnte nicht stillen und so habe ich ihren Sohn mit gestillt, weil ich noch genug Muttermilch hatte!
Die Fahrt war chaotisch, die Menschen saßen in den Gängen und die Kinder, die zwischen 2 und 10 waren, haben geweint. Die „Säuglingsfrau“ und ich hatten Glück, denn unsere Kleinkinder schliefen meistens.
Ein anderes Problem war, dass der Zug oft auf offener Strecke anhielt und die Lokomotive abgetrennt und weggebracht wurde. Der Grund: Sie wurde woanders gebraucht. In diesem Fall blieben wir mehrere Stunden stehen. Außerdem gab es in keinem Zugabteil eine Toilette. Sobald der Zug anhielt, sprangen die meisten vom Zug und erledigten ihre Notdurft direkt vor dem Waggon! Jedoch war es auf den meisten Bahnhöfen möglich, eine Toilette aufsuchen. Die Fahrt war anstrengend, doch ich habe diese geduldig ertragen!

Ankunft und Unterkunft
Nach einer achttägigen Reise, kamen wir in Thüringen (Sonderhausen) an. Es war gegen acht Uhr. Wir wurden vom Roten Kreuz empfangen. Rote Kreuz-Helfer schrieben unsere persönlichen Daten auf und wiesen danach uns unsere Unterkünfte zu.. Es war alles gut organisiert!
Heimweh, Sorgen oder Angst? Das waren Faktoren, über die man nicht nachdachte, man war froh, weil man mit dem Kind überlebt hatte!
In Sonderhausen wurde ich auf einem Dachboden bei einem Oberleutnant, der das Haus beschlagnahmt hatte, untergebracht. In dem Raum gab es nur einen Tisch und einen Stuhl.  Später habe ich auch zwei Betten vom Roten Kreuz bekommen. Wir wurden von dem Offizier schlecht behandelt, deswegen gefiel es mir dort nicht.
Nach drei Monaten wurde ich bei einer Witwe, die zwei kleine Zimmer zur Verfügung gestellt hatte, untergebracht. Dort blieben wir jedoch ebenfalls nicht lange.

Umquartierung
Nach ein paar Wochen musste ich bei der Witwe ausziehen, denn Mütter mit Kindern, die nicht zur Schule gingen sollten nach Urbach (ein kleines Dorf) umquartiert werden. Dort gab es nur 7 Bauernhöfe, keine Geschäfte und keine Zugstation. Man war von der Außenwelt abgegrenzt. Als Stadtmensch dachte ich - wo bin ich denn jetzt nur angekommen? Ich fand es im Dorf furchtbar, denn die Bauern waren frech! Als sie uns sahen, sagten sie „Die Flüchtlinge kommen!“

Aufnahme und das Leben in Urbach
Die Bauern mussten die Evakuierten ohne Widerrede aufnehmen und versorgen, was ihnen nicht gefiel! Ich bekam einen Raum mit einem Strohbett, Tisch und Stuhl. Das Kinderbett habe ich aus Sonderhausen mitgebracht. Die Bauern waren wütend und wollten Ihre Nahrung nicht mit uns teilen. Sie waren biestig und gossen die Milch vor unseren Augen fort.
Tagsüber arbeiteten die Bauern auf dem Feld. Da ich dort nicht mithelfen konnte, musste ich Essen für sie kochen.
Nach den Feldarbeiten kamen sie oft mit schlechter Laune zurück. So wurde ich oft angeschrien und als Flüchtling bezeichnet. Doch die Bauern konnten auch nett sein! Ich habe mal Rote Grütze gemacht, das kannten sie nicht. Nach ein paar skeptischen Blicken probierten sie es und haben mich danach reichlich gelobt.
Beim Essen wurde eine Pfanne in die Mitte des Tisches gestellt. Die Bauern hatten nur einen Löffel und ein Kartoffelschälmesser zum Aufspießen. Es war eine Überwindung mit ihnen zu essen, da sie zu 10 Mann in der Pfanne rumstocherten. Doch nach einiger Zeit führte ich die Schüssel ein, so konnte ich auch mitessen.
In Urbach lernte ich Thüringer Klöße mit Schweinebraten kennen. Dieses Gericht mach ich heute noch!
An Essen mangelte es in Urbach nicht. Wir hatten alles selber, außer Mehl und Zucker.

Meine zweite Schwangerschaft und Weihnachten 1944
Ich habe meinem Mann geschrieben und habe auch Post von ihm erhalten. Wie das klappte, erzähl ich später. Im Sommer 1944 hat mich mein Mann in Urbach besucht, da er Urlaub hatte. In diesem Sommer wurde ich zum zweiten Mal schwanger. Ich machte mir keine Sorgen darüber, wie ich das Kind auf die Welt bringe! Ich war nur froh, mit meinen Mann zusammen zu sein.
Im Dezember 1944 fuhr ich zum Weihnachtsfest nach Hamburg und besuchte dort meine Familie sowie meine Verwandten.

Nach dem Fest kehrte ich nach Urbach zurück, weil es in Hamburg für mich keine Unterkunft gab. Ich war hochschwanger und meine Mutter begleitete mich. Allerdings wollte sie bald zurück, weil mein Vater sehr krank war, doch das ging nicht, weil keine Züge mehr fuhren und die Landstraßen von den Russen bewacht wurden.
Die Zeit verging und es wurde März 1945, da bekam ich meinen zweiten Sohn. In Urbach gab es keine Ärzte, so musste ich, als es so weit war, einen Knecht zu einer Hebamme schicken, die in einem Dorf, das 15 km weiter lag, wohnte. Die Hebamme kam als mein Sohn schon eine halbe Stunde alt war. Bei der Geburt half mir meine Mutter, während mein anderer Sohn auch im Zimmer war. Als die Hebamme kam, versorgte sie mich und den Neugeborenen. Zum Glück war alles in Ordnung.

Die Alliierten
Es war Mitte März 1945, da fuhren Amerikaner mit Panzern durchs Dorf. Ein paar Tage später fuhren russische Elitetruppe, wo die Männer fast zwei Meter groß waren, mit Panzern und Lastwagen durchs Dorf. Während der Eroberung des Dorfes mussten die Deutschen in ihren Häusern bleiben. Man beobachtete die Truppen aus dem Fenster und hatte Angst, denn viele schlimme Dinge hatten wir gehört. Jeder hoffte, dass ihm nichts passiert. Ende März kam noch weiteres russisches Militär, so dass am Ende etwa100 Mann, die zwischen 16 und 18 Jahre alt waren, im Dorf untergebracht wurden. Sie waren nicht gewalttätig, doch sie mussten verpflegt werden.

Die Gemeinde hat Küchen-Helfer bestimmt, darunter war auch meine Mutter. Ich musste nicht mithelfen. Einige Bauerntöchter verliebten sich in die Russen. Vergewaltigt wurde niemand.

Kleidung, Essen und die Verbindung zur Außenwelt
Wir bekamen Lebensmittelkarten, mit denen man die vorgeschriebene Menge an Lebensmitteln pro Person in einem Geschäft erhielt. Die Lebensmittelmarken wurden durch behördliche Stellen (Bezirksamt)  ein Mal pro Monat ausgegeben.
So fuhr ich mit dem Fahrrad alle 4 Wochen in das nahe gelegene Urbach, um dort Lebensmittel und Zeitung zu holen. Über die dortige Poststelle schickte ich meine Briefe an meinen Vater und meinen Mann. Die Rückpost kam dann nach Urbach, die wir dort dann beim Gemeindehaus abholen konnten.
Über Bezugscheine besorgte ich Stoffe und nähte daraus Kleider und Zeug für meinen Sohn; wenn ich Wolle bekam, strickte ich.
Wir hatten zwar kein Radio, dennoch wurden wir durch Mitarbeiter, die im Gemeindehaus saßen, regelmäßig informiert. Dies klappte gut!

Schlusswort
Im November1945 verließen wir Urbach und kehrten nach Hamburg zurück.
Ich war froh wieder in Hamburg bei meiner Familie und meinen Verwandten zu sein.