Dieser Eintrag stammt von Stefan Tiedchen

Aus dem Leben eines Seemannes

Vorbemerkung: 
seemann.jpg (1614622 Byte)Der inzwischen verstorbene Seemann, in seinen letzten Lebensjahren mit mir befreundet, hat bewegende Aufzeichnungen über sein Leben hinterlassen, die mir in Maschinenabschrift vorliegen. Er hat sie handschriftlich abgefasst; seine beiden Töchter, in Büroberufen tätig gewesen, haben sie auf sein Drängen mehr widerwillig in Maschinenschrift übertragen.

Beabsichtigt ist, Teile daraus nicht unbedingt in chronologischer Reihenfolge zu zitieren, verbunden durch erklärende Einschübe.

"Ariernachweis"

"Es ist    n i c h t    unwahrscheinlich, dass der Prüfling von einem deutschblütigen Manne abstammt" 
(Zitat aus einem Abstammungsbescheid vom 14.10.1939)

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Abstammungsbescheid
der Reichsstelle für Sippenforschung v. 10. Oktober 1939

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Im Nachlass des "Prüflings", wie er in dem Abstammungsbescheid bezeichnet wird, fand sich der Abstammungsbescheid der Reichsstelle für Sippenforschung in Berlin. Danach ist der "Prüfling" deutschen oder artverwandten Blutes, und das entschied 1939 über sein Schicksal, das an seidenem Faden hing. Bis hin zu seinem Tod 1995 hat der Verfasser der Aufzeichnungen von seinen Erlebnissen im Zusammenhang mit dieser "Prüfung", eines seiner bedrückendsten Erlebnisse, von Zeit zu Zeit erzählt.

Geboren ist der Verfasser 1909 in Königsberg als nichteheliches Kind. Seine Mutter, die er als herb beschrieben hat, hat ihn sogleich zu ihren Eltern gegeben. Später war sie eine durch und durch überzeugte Nationalsozialistin. Sie ist in den siebziger Jahren hoch betagt in Schleswig-Holstein gestorben.

"Der Ernst des Lebens!" - mit dieser Überschrift beginnen die Aufzeichnungen.

"Bis zu meinem 16. Lebensjahr bin ich im Hause meiner Großeltern gewesen. Es war eine schwere und harte Jugendzeit, die ich dort verbracht habe.

Mein größter Wunsch war, die Welt kennen zu lernen. Darum bin ich zur See gefahren und habe mir die Deckslaufbahn erwählt, um Matrose zu werden. Diese Lehrzeit war eine harte Schule für mich, zumal wir zu jener Zeit noch keine moderne Handelsflotte besaßen. Dieselbe bestand nur aus alten Pötten und Tramps. Die ersten meiner Seefahrtsjahre verbrachte ich in der Nord- und Ostsee. Habe viel Lang- und Grubenholz aus dem baltischen Raum nach Frankreich und England transportiert. Auch diese kleinen Fahrten darf man nicht zu den Vergnügungsreisen zählen. Es hat auch in diesen Gewässern viele schlaflose Nächte gegeben."


1934 während einer Hafenzeit in Hamburg hatte sich der Verfasser mit einer jungen Frau auf dem Stintfang bei den St. Pauli Landungsbrücken verabredet, damals einem beliebten Treffpunkt mit Blick auf den quirligen Hafen. In einiger Entfernung von ihm wartete eine junge Frau, ersichtlich ebenfalls dort verabredet. Beide wurden von ihren Partnern "versetzt" - so lernte der Verfasser seine spätere Frau kennen. Die Ehe bestand über 50 Jahre bis zum Tod der Ehefrau 1993.

1936 wurde eine Tochter, das älteste von drei Kindern, geboren - nichtehelich; denn der Verfasser erhielt wegen seiner bis dahin ungeklärten Abstammung keine Heiratserlaubnis. 1910 bald nach seiner Geburt hatte seine Mutter gegenüber dem Amtsgericht Königsberg sich zu seiner Abstammung äußern müssen und dabei zwei Männer als Erzeuger angegeben. Einer davon war Jude, was 1910 keine Bedeutung hatte, aber eben später.

"Im Jahre 1936 bekommt meine Braut das erste Kind von mir. Sie braucht nun meinen Beistand, und ich bleibe an Land. Nun bewerbe ich mich als Werftmatrose bei der Stülcken-Werft in Hamburg. Meine Arbeitsausführung befriedigt mich, und ich bin fast zu jedem Wochenende auf See. Dort führen wir mit den Treffbooten die Probefahrten und die Walabschussübungen aus für das Walfangsexpeditionsunternehmen "Walter Rau" und "Jan Wilhelm". Zu gern hätte ich eine Walfangreise von 7 ½ Monaten mitgemacht. Aber die Werft gab mich nicht frei wegen Mangelberuf und Werftkonjunktur."

An Heiraten, sehnlichster Wunsch, war nicht zu denken.

"Die Zeit läuft weiter, inzwischen schreiben wir den wonnigen Monat Mai 1939, habe Familienzuwachs bekommen, einen Jungen mit Namen Günter. Nach der Geburt meines Jungen wiederholen wir den Weg zum Standesamt, um noch einmal wegen unserer Heirat vorzusprechen. Den Weg hätten wir uns ersparen können, da wieder eine Absage erteilt wurde. Ich wurde sogar verwarnt, und ich sollte mich nun von meiner künftigen Frau trennen, bis meine Untersuchung vom Rassenamt abgeschlossen ist. Wir konnten es immer wieder nicht verstehen, dass man uns nicht heiraten lassen wollte, obwohl wir dem christlichen Glauben angehörten und Deutsche (gebürtige) waren, aber ohne Rechte. Wir standen dem Ende nahe, aber trotz allem raffte ich mich wieder auf und musterte auf die T/S "Neumark" für den Ostasiendienst.

Seit zwei Jahren sprach man im Ausland nur noch von einem Hitlerkrieg. Der Weltkrieg kam und diese Prophezeiung war richtig vom Ausland schon lange vorausgesagt worden. Mit unserer "Neumark" kamen wir nicht weiter als bis zum Englischen Kanal. Dort erhielten wir den Funkspruch umzukehren und den Kurs auf Hamburg zu nehmen."

Das Schiff ist in Hamburg von der Kriegsmarine beschlagnahmt und nach Umbau als sog. Hilfskreuzer verwendet worden, zu dessen Stammbesatzung der Verfasser zählte. Das Schiff ist später im Pazifik versenkt worden. Der Verfasser ist nach Tagen als Schiffbrüchiger gerettet und zunächst in Brasilien interniert worden.

Nachdem der Verfasser die Übernahme des Schiffes durch die Kriegsmarine beschrieben hat, fährt er fort:

"Als Führer des Schiffes ist Kapitän zur S. Helmut von Ruckteschell. Ich hielt an meinem Standpunkt fest, nicht eher in den Krieg zu ziehen, bis meine Heiratsangelegenheit geklärt ist. Mit diesem Anliegen meldete ich mich sofort bei meinem früheren 1.Offzizier, Herrn Rödel, der jetzt im Range eines Kapitänleutnants als erster nautischer Offizier auf unserem Hilfskreuzer eingesetzt wurde. Er machte für mich sofort ein Gesuch an unseren jetzigen Kommandanten fertig, um mein Anliegen auf dem schnellsten Weg zu erledigen. Mein Gesuch wurde auch von meinem Kommandanten sofort weitergeleitet.

Der II. Weltkrieg ist ausgebrochen!

Das viele Gerede im Ausland, dass Hitler bald einen Krieg vom Zaune brechen wird, hat sich nun bestätigt. Der Krieg ist nun ausgebrochen, und unser Volk läuft mit hängenden Köpfen auf der Straße. Mein Kommandant lässt ein Gesuch für den I. Admiral für mich ausstellen, nun meine Heiratsangelegenheit zu beschleunigen. Der Admiral sprach mit mir sehr persönlich und ließ sofort eine Dringlichkeitsuntersuchung für das Rassenamt in Berlin fertig stellen. Von der Hamburger Admiralität setzte ich mich sofort per Bahn nach Berlin ab. Mit einem versiegelten Brief erschien ich nun auf dem Rassenamt in Berlin-Schiffbauerdamm. Das Gelände war von SS-Männern bewacht. Mit gemischten Gefühlen wurde mir der Einlass in die mörderischen Mühlen gewährt. Viele dort wartende junge Männer trugen ebenfalls die Soldatenuniform. Auf einem großen Plakat wurde hingewiesen, dass die Unterhaltung hier im Hause strengstens untersagt sei. Allen diesen Männern, die auf ihre Untersuchung warteten, konnte man das Leiden von ihren Gesichtern ablesen. Viele Tränen sind hier vergossen, und Leid und Tragik haben sich hier im Rassenamt abgespielt. Denn hier wurden unschuldige Menschen in einen Trichter geworfen, gesiebt und der Rest in den Abfall geworfen.

Als mein Name aufgerufen wurde, führte mich ein SS-Mann ins Untersuchungszimmer. Von dem Anblick, der sich hier bot, wurde mir unheimlich zumute: Menschenschädel mit Perücken und Abbildungen von arischen und nicht arischen Menschen. Von zwei Superarien wurde ich dann untersucht, von Kopf bis Fuß. Das Haar sowie die Schädelmessungen wurden besonders unter die Lupe genommen. Auch die Hände und der Geschlechtsteil wurden von diesen Supermenschen untersucht. Nach dieser körperlichen Untersuchung begann der politische Teil. Ich begab mich in ein anderes Zimmer, in dem der politische Test unternommen wurde. Selbst die Nachforschung meines Umganges mit Menschen aus meiner gesamten Vergangenheit wurde bis ins einzelne von den Superariern geprüft.

Meine gesamte Handelsschifffahrtszeit bezeichneten diese Herren mit zu vieler Berührung von internationaler Abfärbung. Meine Antwort lautete, dass ich ein Deutscher bin und mich für Politik nicht interessiert habe. Nun wurde mir die letzte Frage gestellt, welcher Einheit ich angehöre. Mit dieser Frage wollten sie mich aufs Kreuz legen und den letzten Stoß versetzen. Statt der Einheit nannte ich meine Feldpostnummer. Damit war der Zirkus beendet.

Nach zwei Wochen erhielt ich meine Bestätigung und Erlaubnis zu unserer Heirat, auf die wir 4 ½ Jahre gewartet hatten.

Der neuen Generation sollte man ständig die Augen öffnen, um sie vor solch einer Wahnsinngesellschaft zu bewahren. Obwohl der Krieg inzwischen in vollem Gange war, wurde mit dieser Menschenquälerei nicht Schluss gemacht.

Nach allen diesen maßlosen Zuständen wurde ich Marinesoldat auf dem Hilfskreuzer "Widder" Schiff 21. Diese Einheit wurde auch die Geisterflotte genannt und gehörte zum Himmelfahrtskommando, das in Plön-Holstein zusammengestellt wurde. Hier in der U-Bootskaserne gab es den letzten Schliff."