Dieser Eintrag stammt von Ursel Tenne, Jahrgang 1938

Großangriff auf Hamburg 
am 27. und 28. Juli 1943

Als fünfjähriges Mädchen habe ich die Hamburger Bombennächte vom Juli 1943 miterlebt.
Meine Eltern besaßen in Hammerbrook (in der Nähe vom Hamburger Hauptbahnhof) einen Seifenladen, heute würde man es Drogerie nennen. Der Laden lag in der Wendenstraße, einer dicht besiedelten Wohnstraße mit 3-4geschossigen Mietshäusern. Unsere 2-Zimmer-Wohnung befand sich hinter dem Laden.

Fast jede Nacht gab es Fliegeralarm und wir verbrachten die Zeit im Luftschutzkeller, wo sich alle Familien aus den Häusern trafen. Dort befanden sich übereinander stehende Betten, in denen einige Kinder und auch Erwachsene schlafen konnten. Den Ernst der Lage konnte ich noch nicht erfassen; damals fand ich diese Zusammenkünfte recht unterhaltsam, denn die Erwachsenen beschäftigten sich mit uns, wir spielten "Mensch ärgere dich nicht" oder bastelten aus Zeitungspapier Schwalben und Schiffchen. 

An einem Sommertag wurde im Radio großer Fliegeralarm angekündigt. Meine Mutter und ich fuhren mit dem Fahrrad von Hammerbrook nach Winterhude zu meinen Großeltern, während mein Vater zu Hause bleiben musste: Er war wegen einer Krankheit nicht in den Krieg eingezogen worden und musste stattdessen als Luftschutzwart tätig sein, d.h. die wenigen Männer, die zu Hause geblieben waren, wurden für zivile Dienste eingesetzt.

Die nächsten Nächte verbrachte ich im Luftschutzbunker in Winterhude mit meiner Mutter und meinen Großeltern. Es folgten dann die Großangriffe auf Hamburg, Ich erinnere mich, dass meine Mutter am Tag nach dem Angriff mit dem Rad wieder zu unserer Wohnung zurückfahren wollte, sehr niedergeschlagen und aufgeregt spät zurückkam und berichtete, dass ganz Hammerbrook nicht wieder zu erkennen sei, es war kein Haus aus diesem Riesenwohngebiet mehr stehen geblieben.

Später hat man aus vielen Erzählungen von wenigen Überlebenden gehört: Die Menschen in diesem Gebiet haben versucht, auf dem glühenden Asphalt aus der brennenden Hölle hinauszugelangen. Sie sind in die Kanäle gesprungen, haben sich auf den Spielplätzen in die Sandkisten geworfen, um dem Feuer zu entkommen. Die meisten sind umgekommen. Mein Vater ist wahrscheinlich im Keller erstickt, weil die Eisentüren vor den Kellern nicht mehr zu öffnen waren.

Ein paar Tage später fuhr meine Mutter mit mir nach Stuttgart in der Hoffnung, meinen Vater doch noch bei dort lebenden Verwandten zu finden . Ich kann mich noch an einen Vorfall erinnern während unserer Fahrt auf einem deutschen Bahnhof, wo wir zum Übernachten in einen Keller gebracht werden sollten: Als wir auf dem Bahnhof standen, wurde meiner Mutter plötzlich bewusst - und sie fing fürchterlich zu weinen an, - dass wir beide nur noch einen kleinen Koffer besaßen, in dem sich zwar Ersatzwäsche befand, aber kein Messer, mit dem wir die uns geschenkte Butter auf das uns geschenkte Brötchen schmieren konnten. Mir selber war in dem Moment wohl nicht bewusst, dass wir zwar mit dem Leben davongekommen waren, aber außer unserem Fahrrad bei meinen Großeltern und dem Zeug, welches wir am Leibe trugen und das sich im Koffer befand, nichts mehr besaßen.

Einige Wochen später sind wir dann in unseren Schrebergarten gezogen und haben dort bis zum Herbst gelebt. Danach wohnten wir bei einer Tante, die uns ein Zimmer zur Verfügung stellte. Ich konnte dort immerhin auf zwei nebeneinander gestellten Bänken schlafen. Als wir nach etwa einem halben Jahr ein Zimmer zugewiesen bekamen in einer 3.1/2 Zimmer-Wohnung, waren wir schon glücklich, denn es gab ein richtiges Badezimmer. Außer uns wohnte dort noch die Wohnungsinhaberin in dem zweiten Zimmer und eine Familie mit einem Baby in den restlichen 1.1/2 Zimmern. Bad und Küche wurden durch Drei geteilt mit strengen Zeitvorschriften, z.B. durfte meine Mutter die Küche zwischen 11 und 12 Uhr benutzen, der nächste zwischen 12 und 13 Uhr usw. Ebenso das Bad! - In unserem Zimmer waren die Kohlen untergebracht, 2 Fahrräder, 2 Betten, Schrank und Tisch. Von drei Fenstern war das eine mit Pappe zugenagelt, Glasscheiben gab es nicht.

Mit anderen Kindern haben wir aufregende Abenteuer bei unseren Entdeckungstouren durch die Barmbeker Trümmer erlebt. Die Trümmer waren für uns die Spielplätze und wir fühlten uns dort wohl - trotz der schlechten Zeit. Die damaligen schrecklichen Ereignisse gehörten zum täglichen Leben, wir kannten es nicht anders, und die Not (es gab nicht viel oder gar nichts zu essen oder anzuziehen) hat uns zusammengeschweißt
.
Als ich dann zur Schule kam, fiel der Unterricht häufig aus - es gab keine Kohlen, um die Klassenräume zu heizen, und oft brachten wir, wenn möglich, selber Brikett mit in die Schule.