Dieser Eintrag stammt von Gerhard Zander

Bodo Cousin, geb.: 28. Oktober 1914

So sah, und so sehe ich es

Nach dem ersten Weltkrieg stand meine Mutter ganz alleine da und musste 2 Kinder, mich, ich war damals drei Jahre alt und meine Schwester, die vier Jahre älter war, ernähren. Mein Vater war 1917 in Rumänien gefallen und meine Mutter stand vor dem Nichts. Soziale Einrichtungen, wie Hilfe für sozial Schwache, für Arbeitslose, gab es damals nicht, so wie es sie heute in unserem Sozialstaat im großen Umfang gibt.

Meine Mutter musste also jeden Beruf ergreifen, um Geld zu verdienen. Sie ging z. B. als Arbeiterin in die Schokoladenfabrik Reichert und packte Schokoladentafeln ein. Sie erlernte den Frisörberuf und ging morgens in den reicheren Teil Wandsbeks, Mariental, um dort Damen zu frisieren, zu ondulieren. Mit auf einer Spiritusflamme heiß gemachten Ondulationsschere wurde den Damen Locken ins Haar gebrannt. Unsere Mutter musste mittags wieder zu Hause sein, weil die Kinder aus der Schule kamen und Hunger hatten, musste deren Wäsche waschen und alles das tun, was eine Hausfrau mit Kindern zu tun hat.

Ich selbst war mit sechs Jahren, wie es so üblich war, in die Grundschule gekommen. Wir wurden eingeteilt in 2 Klassen, da es über 60 Schüler waren, die da neu eingeschult wurden. Neben meiner Mutter stand eine Frau, die dem Lehrer sagte, in dem Sie auf mich zeigte: "den werden Sie auch wohl nicht lange haben". Ich hatte vor der Schulzeit vier Krankheiten durchgemacht. Diphtherie, Masern und noch zwei andere Krankheiten. Ich hatte so dünne Beine, dass die selbstgestrickten langen schwarzen, Strümpfe an ihnen so schlotterten, als hätte ich Hosen an. Ich sah so blass aus, als wenn ich am nächsten Morgen zum Friedhof getragen werden sollte. Aber die Frau behielt nicht Recht. Ich bin heute 87 Jahre alt, lebe immer noch, habe einen klaren Kopf und diktiere diesen Text.

Ich hatte viele gute Lehrer und war in der Schule in den ersten vier Jahren auch ein guter Schüler. Ich wurde von der Volksschule (heute Grundschule) zum Realgymnasium zugelassen, das eine gute Viertelstunde von unserer Wohnung entfernt war. Jeden Morgen musste ich die sogenannte Schulstraße in Wandsbek entlang gehen, wo die zwei alten Schulen zu Arbeitsämtern geworden waren.

In den Arbeitsämtern mussten sich damals die Arbeitslosen jeden Tag zum Stempeln ihrer Arbeitslosenkarte vorstellen, damit man kontrollieren konnte, dass sie nicht schwarz arbeiteten. Jeden Morgen sah ich also auf diesen Schulhöfen Tausende von Leuten, ein Heer von Arbeitslosen, die dort zum Stempeln gingen. Diese Arbeitslosen sah ich jahrelang. Ich weiß heute, daß wir bis zu 6 Millionen Arbeitslose hatten, bis die Nationalsozialisten das Ruder übernahmen. 

In dieser Zeit, als ich die Arbeitslosen sah, während ich zur Schule ging, befand sich gegenüber unserer Wohnung die Geschäftsstelle der Kommunistischen Partei. Parallel dazu entwickelte sich auch die Nationalsozialistische Partei. Auffällig für mich waren die uniformierten Kommunisten, die mit Schalmeien, wohlklingenden Musikinstrumenten, durch die Straßen zogen und für sich warben. Auf der anderen Seite marschierten die Nationalsozialisten mit Trommeln und Pfeifen, wie sie das Militär hatte und machten ebenfalls lautstark für ihre Partei Werbung. Es gab auch Zeiten, wo sie sich gegenseitig die Köppe einschlugen. Das waren damals die Erlebnisse, die auf mich einprallten.

Aber das Thema Arbeitslosigkeit verfolgte mich, weil ich nach der Schulzeit das Studium eines Ingenieurs für Wasserwirtschaft aufnahm. In der Zeit der Semesterferien musste ich Geld verdienen und war bei einer Firma tätig, die nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten den Auftrag bekam, die Autobahn nach Bremen mit zu bauen und zwar nicht mit normalen Arbeitern, sondern mit "Notstandsarbeitern". Das waren Arbeitslose, die in Hamburg am ZOB in Autobusse geladen wurden, auf die Baustelle der Autobahn nach Bremen gefahren wurden, dort Schaufeln und Spaten in die Hand kriegten und das Planum für die Autobahn herstellten. Sie schaufelten also, ganz egal was sie von Beruf waren, ob Professor oder Handwerker oder ungelernte Leute den Aushub in sogenannte Loren und schoben sie selber auf Gleisen zu den Punkten, wo der Boden abgefahren werden sollte.

Die Leute, die mit Schaufeln und Spaten nicht umgehen konnten und es auch nach drei Tagen nicht gelernt hatten, wurden nach Hause geschickt und mussten mit ihrem Arbeitslosengeld zufrieden sein. 

So begann also die Nazizeit mit sogenannter "Wertschöpfender Arbeit", d.h., Arbeitslosengeld plus Notstandsarbeitsgeld wurden in "Wertschöpfende Arbeit" umgesetzt. Um es richtig zu verstehen, es wurde keine Rücksicht auf erlernte Berufe genommen. Jeder musste den Aufforderungen folgen, das konnte der Staat in der NS-Zeit verlangen. Den Zwang zur Notstandsarbeit gab es auch nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg. (Der Gedanke an die Handhabung der Arbeitslosigkeit verfolgt mich auch heute) Auch in dieser Nachkriegszeit lag ein Riesenheer von Arbeitslosen auf der Straße, das wiederum mit Notstandarbeiten beschäftigt werden konnten. Ich war zu der Zeit bei der Baubehörde in Hamburg tätig und habe selber so eine Maßnahme im Ohmoor in Niendorf bei Hamburg durchgeführt. Dort wurde ein Moor kultiviert. Mit Hilfe von Notstandsarbeitern wurde Torf gestochen und einer Firma zur Verfügung gestellt, die ihn "wertschöpfend" zu Mutterboden weiter verarbeitete.

Hierzu eine kleine Fußnote:
Wir haben ja auch heute 4 Millionen Arbeitslose. Ich verstehe nicht, dass man das System Notstandsarbeit, das nach dem ersten und zweiten Weltkrieg erfolgreich eingesetzt wurde, nicht wieder aufgreift. Aber das ist sicherlich nicht im Rahmen der vielschichtigen sozialen Absicherung unserer Bevölkerung durchführbar. 
Ende der Fußnote

Ein anderes Thema wären ein paar Ereignisse technischer Art, die mich beeindruckt haben. Da ist einmal der Lieferwagen "Tempo", ein dreirädriges Gefährt, das man als Auto bezeichnete und das auch heute noch nachgebaut wird, dann das Luftschiff "Graf Zeppelin" das 1930 nach Hamburg kam und am Flughafen Fuhlsbüttel landete. Auch der Schienenzeppelin, ein propellergetriebener Triebwagen, der von Hamburg nach Berlin in rasender Geschwindigkeit von 150 bis 200 Kilometer in der Stunde fuhr und ein Flugboot Dornier Do X. das hier in Hamburg auf der Alster landete gehörten dazu. Für dieses Flugboot und andere Wasserflugzeuge der Firma Blohm & Voß musste man einen Wasserflughafen bauen. Das Mühlenberger Loch, das in der heutigen Zeit immer wieder erwähnt wird, weil es für die Herstellung des Airbus teilweise als Arbeitsfläche benötigt und damit verfüllt wird, war ursprünglich überhaupt keine Wasserfläche sondern festes Land. Diese Fläche in der Ecke bei Cranz wurde Anfang der dreißiger Jahre für einen Wasserflughafen mit nur geringer Wassertiefe zur Verringerung des Wellenschlages ausgebaggert. Es ist also das Mühlenberger Loch nicht ein seit ewigen Zeiten vorhandenes Biotop, sondern eine ursprüngliche Landfläche und für technische Zwecke hergerichtet. Insofern ist es eigentlich nicht so furchtbar aufregend, wenn man es heute für technische Zwecke zurückgewinnt.

Zum "Graf Zeppelin" erinnere ich mich, dass wir, ich als 14-jähriger, meine Schwester als 17-jährige, mit meiner Mutter auf dem Flachdach unseres 4-stöckigen Hauses standen und ich mit meinem ersten Fotoapparat, aufklappbar mit Balgen und Platten, scharf darauf war, diesen Zeppelin zu fotografieren.

Der Lieferwagen "Tempo" wurde in Wandsbek hergestellt und hieß, ein schönes Wort für dieses Gefährt, "Rollfix". Die Tempoleute, die in der Schulstraße ihre Fabrik hatten, machten ihre Probefahrten immer in unseren Straßen, so dass wir die Entwicklung des "Tempo" von einer offenen Dreiradkarre bis zu einem Wagen mit geschlossener Fahrerkabine erlebt haben. Ich habe den Eindruck, dass man heute so ein Gefährt wieder baut.

Zum Thema der Ernährungsschwierigkeiten nach dem ersten Weltkrieg ist zu sagen, dass alle die Leute, die einen Schrebergarten hatten oder die, wie wir, einen Großvater mit einem großen Garten hatten, keinen absoluten Hunger litten. Auf diesen kleinen Flächen wurde ganz intensiv Landwirtschaft betrieben. Wir hatten damals Stachelbeeren und Kirschen, Birnen und Äpfel, Kartoffeln und Rüben, selbstverständlich alles im Eigenanbau.

"Hilf Dir selbst, dann hilft Dir der liebe Gott!" hieß es damals und bedeutet, dass man fleißig ist und nicht darauf wartet, dass andere helfen, sondern dass man selber anpackt.