Ich wollte sie alle mit ihrem Namen nennen

Dieser Eintrag stammt von Friederike König (*1995)

Ein Interview mit Alexander Latotzky (*18.04.1948 in Bautzen)

Sie haben ein sehr bewegtes Leben, wie sahen Ihre ersten Lebensjahre aus?
Ich wurde am 18.04.1948 in der Haftanstalt Bautzen, das in Sachsen liegt, geboren. Noch im selben Jahr wurden meine Mutter und ich in das Speziallager nach Sachsenhausen verlegt, welches nördlich von Berlin liegt. Hier kamen alle Frauen mit einer geringen Haftstrafe hin, was einen Zeitraum von 15 Jahren und weniger umfasste.
Im Jahr 1950 wurden wir dann wieder verlegt, dieses Mal nach Hoheneck in Sachsen. Mütter und Kinder wurden von nun an getrennt und alle Kinder wurden der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) übergeben. Ich, sowie die anderen Kinder, kamen als sogenannte „Kinder der Landesregierung“ in verschiedene Orte, ich kam nach Leipzig. Damals war ich zwei Jahre alt.
Meinen Namen habe ich von meiner Mutter. Eigentlich sollte ich Wolfgang heißen, da die Sowjets diesen Namen jedoch nicht kannten, sollte ich Waldemar heißen, was meine Mutter jedoch nicht wollte. Somit einigten sie sich auf den Doppelnamen Wolfgang-Alexander.

Wieso wurde Ihre Mutter verurteilt?
Meine Mutter wurde das erste Mal für vier Jahre im Alter von fünfzehn Jahren verurteilt, da sie sich im Jahr 1940 in einen französischen Kriegsgefangenen verliebte.
Im Jahr 1946 kam sie dann zurück nach Berlin und fand ihre Mutter in der Wohnung vergewaltigt und erdrosselt auf. Die Täter, zwei Rotarmisten, befanden sich noch betrunken und schlafend im Nebenzimmer.
Meine Mutter hat das natürlich angezeigt. Der Fall wurde aufgenommen und es wurden auch Akten angelegt. Diese wurden jedoch einige Zeit später von der sowjetischen Militäradministration beschlagnahmt und verschwanden somit. Da sie nun nichts mehr nachweisen konnte, wurde sie als angebliche Agentin für die Amerikaner festgenommen.
Da die Methoden der Regierung so überzeugend und grausam waren, gestand sie die Anschuldigung schließlich, obwohl es nicht wirklich stimmte. Das ist auch der Grund dafür, wieso so viele unschuldige Menschen inhaftiert wurden. Jeder gestand, selbst wenn er eigentlich unschuldig war.

Wie ging Ihr Leben dann in Leipzig weiter?
Ich kam zusammen mit einigen anderen Kindern in ein Krankenhaus in der Waldstraße. Wir waren Waisenkinder ohne Namen oder Geburtsdaten, uns fehlte somit eigentlich eine Identität. Da man als Kind ohne Identität keine Lebensmittelkarte erhielt, die ja nun mal überlebensnotwendig war, bekam jedes Kind eine Nummer. Diese Nummer ersetzte quasi die eigene Identität und ermöglichte uns die Nahrung.
Im Herbst 1950 wurden dann Akten mit den Nummern jedes Kindes angelegt, um unsere Namen herauszufinden und aufzuzeichnen.
Als Geburtsort wurde dann das Krankenhaus in der Waldstraße angegeben, denn kein Kind sollte in einem Lager geboren worden sein.
Als dieser Prozess abgeschlossen war, wurden wir alle auf verschiedene Kinderheime in der DDR verteilt.
Die nächsten sieben Jahre lebte ich dann in unterschiedlichen Heimen in der DDR.

Wohnten Sie ausschließlich in Kinderheimen?
Nein, im Jahr 1954 lebte ich für eine Weile bei einer Pflegefamilie, da ich von der DDR zur Adoption freigegeben wurde.
Als meine Mutter davon erfuhr, verzweifelte sie völlig. Ihre Verzweiflung machte sich das „Ministerium für Staatssicherheit der DDR“ dann zunutze und bot ihr an, als „Inoffizielle Mitarbeiterin“ oder auch geheime Informantin für das Ministerium zu arbeiten. Im Gegenzug wollte das Ministerium mich zurück ins Heim schicken. Als sie das Angebot annahm, kam ich zurück ins Heim.
1956 wurde sie dann begnadigt, da sie russisch sprach und auch in früheren Zeiten schon als Dolmetscherin fungiert hatte. Sie sollte nun für den sowjetischen In- und  Auslandsgeheimdienst KGB (Komitee für Staatssicherheit beim Ministerrat der UdSSR) arbeiten. Ihr wurde der Eintritt in den Westen gewährt, da sie dort als Spitzel für das KGB die Orthodoxe Kirche sowie eine ukrainische Exilorganisation ausspionieren sollte. Diesen Auftrag bekam sie von Erich Mielke, der Minister für die Staatssicherheit der DDR war. Ich sollte derweil als Geisel in der DDR zurückbleiben, für den Fall, dass sie ihrer Aufgabe nicht gewissenhaft nachging. Die Leiterin meines Kinderheimes musste dann garantieren, dass ich derweil nicht zur Adoption freistand.

Konnte Ihre Mutter Sie dann in den Westen nachholen und wie war Ihr Verhältnis zueinander?
Ja, im Jahr 1957 waren das KGB und die Stasi dann davon überzeugt, dass meine Mutter eine der besten Agentinnen sei. Von da an ging dann alles sehr schnell. Ich bekam auf einmal einen brandneuen Trainingsanzug, wurde gebadet und nach Ostberlin gebracht, wo mich eine fremde Frau mit meinen Papieren nach Westberlin brachte. Als ich dort kurz nach Mitternacht ankam, kam mir eine kleine Frau entgegen, die durchgehend weinte und mir sagte, sie sei meine Mutter. Für mich war sie natürlich eine völlig fremde Frau, weshalb ich sie auch wie eine normale erwachsene Person siezte.
Ich konnte mit dieser Frau erst mal nichts anfangen, da sie jedoch sehr nett zu mir war, entgegnete ich ihr auch mit Freundlichkeit.
Ich erinnere mich daran, einmal zu ihr gesagt zu haben: „Wenn ich groß bin, will ich Volkspolizist werden“. Das kam in der DDR immer super an, bei ihr jedoch nicht so.
Wir haben uns dann nach einiger Zeit aneinander gewöhnt, es war jedoch nicht einfach für mich.
Was ich noch hinzufügen sollte ist, dass meine Mutter nie wirklich für die Stasi gearbeitet hat. Sobald ich im Westen war, stellte der Vorsitzende des KGB Wladimir Chruschtschow fest, dass alle ihre Berichte erfunden waren. Aus diesem Grund brach er den Kontakt zu ihr ab. Man denkt nun, dass das sehr couragiert von ihr war, jedoch habe ich auch einmal darüber nachgedacht, was passiert wäre, wenn er es ein paar Wochen früher herausgefunden hätte.  

Wie war das Leben im Westen?
Das Leben im Westen Deutschlands war sehr anders. Ich hatte beispielsweise mein eigenes Zimmer, was total ungewohnt für mich war. In der ersten Nacht bin ich vor Panik wach geworden, weil ich diese Stille nicht gewöhnt war. Ich habe mir zuvor immer ein Zimmer mit mehreren geteilt und war eine Geräuschkulisse gewöhnt. Diese neue Stille war erschreckend für mich.
Ich wurde auch zum ersten Mal Alex genannt, denn in den Heimen nannten sie mich immer Sascha, was die Koseform von Alex ist.
Ich hatte in der Schule immer Schwierigkeiten, konnte mein Abitur jedoch nachholen. Nach der Schule studierte ich Sport und gründete und trainierte die erste Rugby Frauennationalmannschaft. Ich konnte mich somit ganz gut an das neue Leben gewöhnen und anpassen und habe ein ganz normal zivilisiertes Leben geführt.
Was noch ganz witzig ist, ist, dass ich bei Klassenfahrten immer als einziger über die DDR fliegen durfte, um sie nicht auf dem Boden durchqueren zu müssen. Wenn ich im Nachhinein mal durch die DDR gefahren bin, musste ich aufgrund meines Geburtsortes auch immer rechts ranfahren und meinen Kofferraum öffnen.

Inwieweit hatten Sie die DDR-Ideologie bereits verinnerlicht?
Die Ideologie der DDR wurde mir natürlich in den Heimen eingetrichtert. Ich lernte alle Helden und Lieder des Kommunismus auswendig, da diese an den Wänden der Heime aushingen.
Ich wurde mit diesem Gedankengut erzogen und ich denke, wäre ich noch länger in der DDR geblieben, wäre ich auch zu einem guten und überzeugten Parteigänger geworden.
Das Schönste und Größte für ein Kind in der DDR war es, ein Junger Pionier zu werden, das war eine Auszeichnung. Anfangs musste so mancher etwas drängeln, aber am Ende war fast jeder drinnen. Wir jedoch durften dieser Gruppe nicht beitreten, da unsere Eltern etwas Böses getan hatten. Das schürte natürlich die Wut der Kinder auf das eigene Elternteil, in meinem Fall auf meine Mutter, da diese mir das Pionierdasein quasi verhinderte.

Inwieweit wurde Ihnen Ihre Vergangenheit nahe gelegt?
Meine Vergangenheit wurde mir nicht nahe gelegt. Ich wusste lediglich, dass ich eine Mutter habe und diese etwas Böses getan hatte, weshalb sie inhaftiert ist. Aus diesem Grund sei ich im Heim. So ging es auch den anderen Kindern in meinen Heimen. Anfangs waren wir eine sehr homogene Gruppe, durch die vielen Umzüge in andere Heime wurden wir jedoch auseinander gebracht und am Ende waren es vielleicht noch fünf Kinder mit einer solchen Biographie in meinem Heim. Also fünf Kinder, die Informationen über ihre Vergangenheit hatten.

Als ich dann später bei meiner Mutter lebte, war ich gerade einmal neun Jahre alt, aus diesem Grund fragte ich auch nicht wirklich nach ihrer und meiner Vergangenheit.
Sie hatte außerdem die Gabe, eine Frage sehr knapp zu beantworten und zwar so, dass man nicht weiter nachfragte.
Ich habe auch keine Erinnerungen an die Lager, mein Erinnerungsvermögen beginnt bei ungefähr vier Jahren, was mir auch völlig ausreicht. Die Erinnerungen an die Heime reichen mir schon.
Mich interessierte meine Vergangenheit jedoch auch nicht so sehr. Als Heimkind war ich nicht gerade der Zarteste, ich prügelte mich viel herum und beschäftigte mich mit anderen Dingen. Ich hatte auch Probleme damit, mich immer anzupassen.
Meine Mutter starb auch schon sehr früh, nämlich bereits im Alter von 41 Jahren.

Wann haben Sie begonnen, mit der Aufarbeitung Ihrer Vergangenheit zu beginnen?
Mit dem Mauerfall habe ich mich dazu entschieden, meiner Vergangenheit nachzugehen. Vorher war es auch schwierig darüber zu reden, da es im Westen niemanden interessiert hat und wenn man darüber sprach, galt man schnell als „Kalter Krieger der DDR Landesregierung“.
Am 02.10.1990 habe ich zu meiner Familie gesagt, morgen fahren wir nach Sachsenhausen. Meine Kinder wussten gar nichts über mein voriges Leben und meine Frau nur vereinzelt etwas, da ich beispielsweise keine Geburtsurkunde besitze. Ich habe bis dahin jedoch auch nicht den Drang verspürt, mit ihnen darüber zu sprechen.
In Sachsenhausen kamen dann viele Erinnerungen hoch, sodass ich mich anschließend um meine eigene Biographie gekümmert habe. Seitdem arbeite ich in der Aufarbeitung. Ich habe dann zusammen mit Anna Kaminsky von der „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur“ Ende der neunziger Jahre die Gruppe für Kinder aus den Lagern gegründet.
Seitdem treffen wir, alle anderen ehemaligen Kinder die ich finden konnte, uns einmal im Jahr und tauschen uns aus, führen Zeitzeugen-Interviews und überarbeiten unsere Homepage.

Hat Ihnen diese Gruppe dabei geholfen, Ihre Vergangenheit zu verkraften?
Dies ist ein sehr guter Prozess das alles zu verarbeiten, denn runterschlucken und ignorieren bringt gar nichts. Das ist eine Form von Aufarbeitung, jedoch gibt es viele Möglichkeiten mit der eigenen Vergangenheit umzugehen und es ist eine individuelle Frage, was für einen das Beste ist.
Mir hat es ungemein geholfen, mich so intensiv mit meiner Vergangenheit und auch der von anderen ähnlichen Schicksalen zu beschäftigen, denn so wie ich heute darüber reden kann, hätte ich es vor fünfzig Jahren noch nicht gekonnt.
Natürlich war es auch nicht immer einfach, im Jahr 2001 hatte ich große Schwierigkeiten, da ich mir immer vorgenommen habe, das Ganze distanziert zu betrachten und mir nicht alles zu sehr zu Herzen zu nehmen. Jedoch fiel ich in ein Loch, als ich die Forschung nach anderen Kindern mit dieser Vergangenheit erst mal abschloss. Dieses Loch habe ich jedoch mittlerweile sehr gut überwinden können.

Wie genau kam es zu diesem Projekt?
Diese Interessengemeinschaft bildete sich eher nebenbei. Ich stieß auf die Biographien von anderen Kindern und als ich 1997 in Petersburg war, sah ich auf dem Gedenkstein für die Opfer der Repression einen Spruch von der berühmten Lyrikerin Anna Achmatowa stehen, „Ich wollte sie alle mit ihrem Namen nennen.“ Dieses Zitat wurde für mich zum Grundstein des Projekts. Ich wollte mich darum kümmern, die Namen der biographielosen Kinder aufzuarbeiten. Wir waren in jeglichen Berichten der Sowjets oder Volkspolizei nichts mehr als eine anonyme Masse. Ich wollte jede einzelne Person aus dieser Anonymität herausholen, denn ich denke jeder hat das verdient. Auf unserer Internetseite sind auch alle Namen, die ich bis jetzt herausfinden konnte, vermerkt und aufgelistet. Es ist jedoch sehr schwer, alle Menschen mit dieser Vergangenheit ausfindig zu machen.

Welche Informationen haben Sie zu ihrem Vater?
Mein Vater war ein ukrainischer Zwangsarbeiter, der im Alter von achtzehn Jahren nach Deutschland verschleppt wurde.
Er arbeitete dann in einem Panzerwerk in Brandenburg, versuchte zu flüchten und wurde wieder eingefangen.
Im Februar 1945 wurde er dann von der Roten Armee befreit, wobei man hier nicht von einer Befreiung sprechen kann. Stalin gab den Befehl, dass kein russischer Soldat in Kriegsgefangenschaft geraten durfte. Sie sollten sich mit der letzten Kugel selber erschießen oder sie galten als Vaterlandsverräter. Dies galt auch für Zwangsarbeiter, aus diesem Grund wurde das Leben meines Vaters auch nach der Befreiung nicht besser. Sie alle kamen in Filtrationslager und viele von diesen Männern wurden dann nach Sibirien geschickt. Da mein Vater sehr schwer krank war, kam er zunächst in ein Lazarett. Als er dort herauskam, sollte er eigentlich erschossen werden. Wegen seiner Jugend wurde er jedoch begnadigt und kam als Wachsoldat in verschiedene Lager. Zuerst war er in Buchenwald, dann in Torgau und schließlich lernte er meine Mutter kennen. Wegen dem unerlaubten Kontakt zu einer deutschen Strafgefangenen wurde er dann von einem Militärgericht  verurteilt und nach Sibirien geschickt, während meine Mutter zur Entbindung nach Bautzen kam. Meiner Mutter wurde jedoch erzählt, dass er zum Tode verurteilt worden sei, was sie auch bis zu ihrem Tod glaubte.
Da ich mit dem Roten Kreuz zusammengearbeitet habe, und diese Akten aus Russland bekamen, stieß ich in der Akte meiner Mutter zufällig auf den Namen meines Vaters und erfuhr so, dass dieser noch lebte.
Somit kannte ich den Ort, an den er deportiert wurde und konnte nach ihm suchen. Er wurde nach dem Tod Stalins freigelassen und lernte seine Frau kennen, mit der er vier Kinder hat.
Unter vielen Umständen konnte ich ihn dann 1989 besuchen und lernte meine vier Halbgeschwister kennen, die jedoch alle nur russisch sprechen. Ich sage immer, bis dahin verzogenes Einzelkind und plötzlich Bruder von vier Halbgeschwistern.
Da mein Vater jedoch vier Jahre danach verstarb, habe ich keinen Kontakt mehr zu ihnen. Mein Vater und ich haben uns ein paarmal besucht, jedoch fiel es ihm sehr schwer nach Deutschland zu reisen, weshalb er auch nur einmal kam und das auch nur unter dem Druck, ansonsten nie seine Enkelkinder kennenlernen zu können.
Ich habe meinen Vater ein Mal gefragt, ob er es als Zwangsarbeiter in Deutschland oder bei den eigenen Leuten in den Lagern schlimmer fand. Daraufhin hat er gesagt, dass dies eine sehr deutsche Frage sei. Denn für ihn und seine Kameraden kam es nur aufs Überleben an. Ob dort ein Hakenkreuz oder ein roter Stern über dem Lager hing, war eigentlich egal. Eine Diktatur bleibt immer eine Diktatur, egal in welchem System.

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